Oscar-Verleihung:Solidarität mit den Frauen und die Dynamik des schwarzen Kinos

Lesezeit: 4 min

Letzterer ist mit dreizehn Kategorien der meistnominierte Film und auch der romantisch-progressivste, weil sich hier eine mutige Allianz aus Stummen, Schwarzen, Schwulen und einer entrechteten Kreatur dem weißen männlichen Militarismus der Fünfzigerjahre entgegenstellt. In vielen anderen Jahren hätte man hier den Hauptgewinner vermutet - aber angesichts der realen Aufregungen des Augenblicks wirkt der Film vielleicht doch ein wenig zu märchenonkelig-verträumt.

Härter ans Eingemachte geht da schon "Three Billboards": Polizeigewalt und Rassismus, Wutbürgertum und ermordete Teenager sowie ein Hang zur Selbstjustiz - all diese Fragen sind in den letzten Wochen in den USA nur relevanter geworden, und der Film ist bei den Zuschauern populär. Negativ auswirken könnte sich hier allerdings, dass der Regisseur McDonagh keine wirklichen Antworten auf seine harten Themen sucht - ihm geht es eher um ein sardonisches Spiel mit den Erwartungen der Zuschauer.

Sodann gibt es, als ziemlich unkalkulierbaren Faktor, die Frage der Solidarität mit den Frauen. Müssten die etwa 7500 Mitglieder der Oscar-Akademie, die ihre Ränge zuletzt ganz bewusst in Richtung Diversität aufgefrischt hat, hier nicht ein Zeichen setzen? Davon könnte "Lady Bird" profitieren, der einzige "Best Picture"-Kandidat von einer Frau. Die Regisseurin Greta Gerwig ist zugleich in der Kategorie Regie nominiert, als erst fünfte Frau überhaupt. Eine Oscarverleihung, die von "Me Too" getrieben wird, kann sie eigentlich nicht leer ausgehen lassen.

Schließlich aber ist da noch die Dynamik des schwarzen Kinos, die durch den Sog des "Black Panther"-Erfolgs gerade alles andere verblassen lässt. Von diesem gewaltigen Rückenwind könnte am Ende "Get Out" ganz nach vorn getragen werden. Jordan Peele ist ein schwarzer Regisseur, und er nutzt das zutiefst schwarze Trauma, sich durch Überanpassung an die weiße Gesellschaft zu verlieren, für ein paar wirklich überraschende Horror-Effekte. Wer diesen Film liebt, liebt ihn wirklich - und dann spielt auch keine Rolle, dass es schon letztes Jahr einen schwarzen Überraschungssieger gab, Barry Jenkins' "Moonlight".

Worauf soll man beim Oscar-Tipp also setzen? Dieser Kinoreporter vertraut in diesem Jahr auf das Glück des letzten Augenblicks: Zögern, Zaudern und Warten, bis die Verleihung fast schon losgeht - und dann in letzter Sekunde dem Bauchgefühl des Moments folgen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema