Süddeutsche Zeitung

Oscar-Verleihung:Wer gewinnt denn jetzt?

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Sicher, es gibt auch dieses Mal Favoriten bei den Oscars. Aber wer sich festlegt, der unterschätzt unbedingt die Wucht der "Me Too"-Debatte und den Aufstieg des schwarzen Kinos.

Von Tobias Kniebe

Ganz gleich, wer Sonntagnacht im Dolby Theatre in Los Angeles gewinnen wird, und was sonst noch passiert - eines kann man schon jetzt vorhersagen: Die gewaltigen Umwälzungen, mit denen der Jahrgang 2017/18 gerade in die Hollywood-Geschichte eingeht, werden sich in den Preisen dieser Nacht nur bedingt widerspiegeln. Der Wandel hat gerade in den letzten Wochen eine Geschwindigkeit aufgenommen, die der Oscar mit seinen langen Vorläufen nicht mehr abbilden kann.

Ginge es nämlich rein um die Schwungkraft des Augenblicks, müsste der All-Black-Blockbuster "Black Panther" in sämtlichen Kategorien nominiert sein. Praktisch noch nie in der Geschichte wurde einem Superheldenfilm, der aktuell Besucherrekorde bricht, zugleich so viel kulturelle Relevanz und emanzipatorisches Potenzial zugesprochen, dazu Völker verbindende Wirkung bis hinein in den entferntesten Winkel Afrikas.

Zur Feier exakt solcher Fortschrittseuphorie, die ein größtmögliches Publikum miteinbezieht, wurden die Oscars einst erfunden - nichts wäre also logischer als ein absoluter "Black Panther"-Durchmarsch mit einem Erdrutschsieg schwarzer Kreativität. Aber ach, der Film kam erst am 15. Februar in die Kinos, viel zu spät für die diesjährige Preisverleihung. Er darf erst in zwölf Monaten ins Rennen gehen, und in der atemlosen Zeitmessung der Gegenwart liegt das ungefähr eine halbe Ewigkeit zu weit in der Zukunft.

Vielleicht rührt daher auch die besondere Unsicherheit in diesem Jahr, welcher Film denn nun den Titel "Best Picture" für sich reklamieren wird. Bevor man sich in diese komplexe Diskussion vertieft, hilft ein Blick auf die Schauspielkategorien. Dort erscheint der Wettbewerb klarer. Es gibt jeweils Nominierte, die im Vorab-Preiszirkus die Konkurrenz bereits aus dem Feld geschlagen haben.

Zunächst ist da Frances McDormand in Martin McDonaghs Eine-Frau-sieht-rot-Kabinettstück "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri". In einem abgewetzten Blaumann verkörpert sie eine Mutter, die nach dem grausamen Tod ihrer Tochter in einen Kleinkrieg gegen den halben Ort getrieben wird, in dem sie lebt. Und obwohl auch die sonst unbesiegbare Meryl Streep im Rennen ist, als legendäre Katharine Graham in Steven Spielbergs "Die Verlegerin", scheint McDormands Sieg ziemlich sicher zu sein.

Bei den Männern gibt es zwar einen jungen Star, der dieses Jahr gleich in zwei oscarnominierten Filmen seinen Durchbruch feiert: Timothée Chalamet. Die Regel aber ist: Wirklich junge Männer gewinnen bei den Oscars fast nie. Also liegt dann doch Gary Oldman, der auf eine reiche Schauspielkarriere zurückblicken kann, in den meisten Prognosen vorn. In "Die dunkelste Stunde" spielt er Churchill (historische Figuren helfen sehr) und hat sich dafür maskentechnisch komplett transformiert (auch immer gut).

Eher kontrovers läuft das Rennen bei den Nebendarstellern: Da gibt es zwar eine tolle Leistung von Sam Rockwell, der überzeugend einen Hilfssheriff in "Three Billboards" spielt. Seine Figur ist aber leider ein echter Rassist, was sich in diesen Zeiten ungut auf die Siegchancen seines Darstellers auswirken könnte. Viele prophezeien Rockwell dennoch den Oscar. Sollten die Bedenken überwiegen, wird wohl Willem Dafoe für seine viel freundlichere Figur in "The Florida Project" gewinnen. Bei den Nebendarstellerinnen schließlich sprechen alle Indikatoren für Allison Janney, die in "I, Tonya" die böse Mutter der krankhaft ehrgeizigen Eislauf-Prinzessin Tonya Harding spielt.

Im Kern aber, es hilft ja nichts, wird es natürlich um die Hauptkategorie des besten Films gehen. Neun Werke sind dafür nominiert, aber der Fokus der Beobachter konzentriert sich auf fünf, denen reale Chancen eingeräumt werden: den schon erwähnten "Three Billboards"; Christopher Nolans Schlachtengemälde "Dunkirk"; Jordan Peeles "Get Out", eine Parabel über positiven Rassismus im Gewand eines Horrorfilms; Greta Gerwigs herzerwärmend exzentrische Jugenderinnerung "Lady Bird"; sowie die Mensch-Monster-Romanze "The Shape of Water" von Guillermo del Toro.

Solidarität mit den Frauen und die Dynamik des schwarzen Kinos

Letzterer ist mit dreizehn Kategorien der meistnominierte Film und auch der romantisch-progressivste, weil sich hier eine mutige Allianz aus Stummen, Schwarzen, Schwulen und einer entrechteten Kreatur dem weißen männlichen Militarismus der Fünfzigerjahre entgegenstellt. In vielen anderen Jahren hätte man hier den Hauptgewinner vermutet - aber angesichts der realen Aufregungen des Augenblicks wirkt der Film vielleicht doch ein wenig zu märchenonkelig-verträumt.

Härter ans Eingemachte geht da schon "Three Billboards": Polizeigewalt und Rassismus, Wutbürgertum und ermordete Teenager sowie ein Hang zur Selbstjustiz - all diese Fragen sind in den letzten Wochen in den USA nur relevanter geworden, und der Film ist bei den Zuschauern populär. Negativ auswirken könnte sich hier allerdings, dass der Regisseur McDonagh keine wirklichen Antworten auf seine harten Themen sucht - ihm geht es eher um ein sardonisches Spiel mit den Erwartungen der Zuschauer.

Sodann gibt es, als ziemlich unkalkulierbaren Faktor, die Frage der Solidarität mit den Frauen. Müssten die etwa 7500 Mitglieder der Oscar-Akademie, die ihre Ränge zuletzt ganz bewusst in Richtung Diversität aufgefrischt hat, hier nicht ein Zeichen setzen? Davon könnte "Lady Bird" profitieren, der einzige "Best Picture"-Kandidat von einer Frau. Die Regisseurin Greta Gerwig ist zugleich in der Kategorie Regie nominiert, als erst fünfte Frau überhaupt. Eine Oscarverleihung, die von "Me Too" getrieben wird, kann sie eigentlich nicht leer ausgehen lassen.

Schließlich aber ist da noch die Dynamik des schwarzen Kinos, die durch den Sog des "Black Panther"-Erfolgs gerade alles andere verblassen lässt. Von diesem gewaltigen Rückenwind könnte am Ende "Get Out" ganz nach vorn getragen werden. Jordan Peele ist ein schwarzer Regisseur, und er nutzt das zutiefst schwarze Trauma, sich durch Überanpassung an die weiße Gesellschaft zu verlieren, für ein paar wirklich überraschende Horror-Effekte. Wer diesen Film liebt, liebt ihn wirklich - und dann spielt auch keine Rolle, dass es schon letztes Jahr einen schwarzen Überraschungssieger gab, Barry Jenkins' "Moonlight".

Worauf soll man beim Oscar-Tipp also setzen? Dieser Kinoreporter vertraut in diesem Jahr auf das Glück des letzten Augenblicks: Zögern, Zaudern und Warten, bis die Verleihung fast schon losgeht - und dann in letzter Sekunde dem Bauchgefühl des Moments folgen.

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Quelle:
SZ vom 03.03.2018/kmh
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