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Oscar 2010:Verschlampt wie du und ich

Mit Regisseur Michel Gondry hat er gerade eine 140-Millionen-Dollar-Produktion an der Seite von Seth Rogan hingelegt. Ein Film mit Cameron Diaz ist auch schon fertig. Ein anderer - "Water for Elephants" von Francis Lawrence - wird demnächst gedreht.

Der Perfektionist Waltz, der in Deutschland oft auch deswegen nicht drehte, weil ihm eingesendete Drehbücher zu fadenscheinig und die Produktionsbedingungen zu lächerlich erschienen, er hat also gefunden, wonach er an nicht wenigen Tagen womöglich nur noch in seinen Träumen suchte: "Man hat hier ein anderes Bewusstsein für Film und arbeitet daran mit einer anderen Überzeugung als bei uns. Man kann die enorme Bedeutung der Filmindustrie hier belächeln. Aber das wird einem nicht weiterhelfen. Sie ist einfach da. Und wenn man denkt, das ist so wie bei uns, nur ein bisschen lauter, dann täuscht man sich."

Und als spreche er von sich selbst, sagt er dann noch: "Bei uns liegt viel Talent brach, weil man es nicht fördert. Es wird alles heruntergeschraubt auf Mittelmaß. Aber wenn man herausragende Persönlichkeiten will, dann muss man jemanden auch mal herausragen lassen, statt nur die Gemeinsamkeiten mit den anderen zu suchen."

Zumindest beim deutschen Empfang am Samstagabend in der Villa Aurora in Pacific Palisades, wo die Bücher des alten Hausherrn Lion Feuchtwanger noch in den Regalen stehen, da ragt Waltz in diesen Tagen sehr deutlich heraus. Michael Haneke schafft es nicht mehr auf die Bühne, weil Waltz die Menge wie ein Magnet anzieht - bis er es nicht mehr aushält und flüchtet.

Körper und Kapital

Im SoHo House am Sunset Boulevard feiern die Weinstein-Brüder gemeinsam mit Montblanc. Das Ganze dient einem guten Zweck. Beziehungsweise: Montblanc überweist zwei Millionen Dollar an Haiti und feiert das nun. Wäre es nicht noch sinnvoller gewesen, auf die Party zu verzichten und die vielen hunderttausend Dollar, die sie gekostet haben muss, ebenfalls den Erdbebenopfern zukommen zu lassen? Das wäre möglicherweise logisch gewesen. Aber nicht Hollywood.

Deshalb steht da nun an der Säule Adrien Brody, kleiner als erwartet, und Leonardo DiCaprio guckt aus dem Fenster, weil sein Charisma den Leuten fast zuviel werden kann. Gwen Stefani ist gerade am Gehen, aber Gabourey Sidibe von "Precious" bleibt noch. Und wieder sitzt da, wie ein guter Geist aus einem B-Movie, Quentin Tarantino, diesmal in einer mit Flammen dekorierten Lederjacke und mit Stahlspitzen an den Stiefeln.

Die Gäste teilen sich in zwei Gruppen: Die, die es zu Ruhm, Geld oder Macht gebracht haben und deshalb so verschlampt aussehen wie du und ich. Und die, deren einziges Kapital ihr Körper ist - das einzige Feld, das sie beackern können. Sie sind nicht gertendünn in Hollywood wie die Models in New York. Sondern in jeder Hinsicht verstärkt und dramatisiert, wie es eigentlich nur mit irgendeinem Gentrick möglich scheint. Körper wie die Soundtracks schlechter Actionfilme mit ihren ultratiefen Bässen, dem hallenden Klirren von Metall auf Metall und den pausenlosen Sssswsch!-Geräuschen, die das Publikum aus den Stühlen fegen soll wie ein großer Besen.

Was dünn ist, Beine, Taille, Arme, ist noch dünner gemacht. Und was sich wölbt, wölbt sich ins Groteske. Es gibt Pos, die im 30-Grad-Winkel aufsteigen. Und Busen, die wirken wie unbekannte Körperteile. Das anatomische Remastering geht nicht immer gut aus. Eine halbe Stunde später verfängt sich eine gewichtslose Person in der altmodischen Hollywood-Burg "Chateau Marmont" im Teppich und landet am Fuß der Treppe wie ein Haufen Mikadostäbchen. "No problem!", zwitschert es von dort unten. Im Nu ist alles wieder am richtigen Ort.

Christoph Waltz taucht nicht mehr auf. Vom Governor's Ball war er zur Vanity Fair Party im Sunset Tower gefahren, der exklusivsten Party Hollywoods. Wer auf dieser Gästeliste steht, der ist in Hollywood angekommen.

Möglich, dass man ihn, den akribischen Arbeiter, den Sprachmenschen, den ernsthaften, spöttischen, schmähbegabten Herrn Waltz, der mit all diesen Attributen doch wie gemacht schien für den europäischen und so eben auch deutschen Film, dass man ihn bei uns jetzt plötzlich sehr vermissen wird.

Die vollständige Reportage von der Oscarnacht aus Los Angeles lesen Sie in der Süddeutschen Zeitung vom 9. März 2010.