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"Oeconomia" im Kino:Warum muss die Wirtschaft eigentlich ständig wachsen?

Oeconomica

Das weiße Hemd - die Uniform des Kapitalismus: Andrew Bosomworth (2. v. li.) von der Investmentgesellschaft Pimco mit seinem Team bei der Arbeit.

(Foto: Neue Visionen Filmverleih)

Regisseurin Carmen Losmann bringt in ihrer Doku Top-Manager mit sehr grundsätzlichen Fragen über das Finanzsystem in Bedrängnis. Ein Gespräch über Wachstum und andere Probleme.

Interview von Paul Katzenberger

2011 erkundete die Dokumentarfilm-Regisseurin Carmen Losmann in "Work Hard Play Hard" die Zukunft der Arbeit in der postindustriellen Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft mit ihrer subtilen Ausbeutung der Arbeitnehmer. Nun wendet sie sich in ihrem neuen Film "Oeconomia" dem Wirtschafts- und Finanzsystem zu und stellt es Schritt für Schritt mit großer Systematik in Frage.

SZ: Wer sich "Oeconomia" ansieht, bekommt gesagt, dass der permanente Zwang zu immer höherer Profitabilität einen teuflischen Kreislauf in Gang setzt: eine immer höhere Verschuldung des privaten und öffentlichen Sektors und einen Wachstumszwang, der die Welt mit ihren begrenzten Ressourcen in den Kollaps führen wird. Wie konnte das aus Ihrer Sicht passieren?

Carmen Losmann: Weil das System historisch gewachsen ist und lange gut funktioniert hat, und selbst Experten die Zusammenhänge nicht zu erkennen scheinen. Was vielen nicht klar ist, ist zum Beispiel folgender Umstand: Unternehmen sind nur profitabel, wenn die Geldmenge wächst.

Macht nicht derjenige Gewinne, der sich im Wettbewerb durchsetzt? Was hat das mit der Geldmenge zu tun?

Das hat sehr viel mit der Geldmenge zu tun, weil die Kreditvergaberegeln der Banken so konstruiert sind, dass Geld nur für gewinnträchtige Unternehmungen produziert wird, und nur bei einer wachsenden Wirtschaft funktioniert das wirklich reibungslos. Denn unsere Geldmenge wächst nur dann, wenn private Geschäftsbanken ausreichend Kredite vergeben, der Großteil unserer zirkulierenden Geldmenge wird schließlich von Geschäftsbanken per Kreditvergabe erzeugt (von Ökonomen als "Buchgeld" bezeichnet - im Gegensatz zur Bargeldschöpfung der Zentralbanken; Anm. d. Red.). Mein Resümee: Wir brauchen eine wachsende Wirtschaft, damit unsere Geldversorgung funktioniert.

Das heißt: Wenn die Wirtschaft nicht mehr wächst, wäre für den Bürger am Bankautomaten aus Ihrer Sicht irgendwann einmal Ebbe?

In der letzten Finanzkrise konnten wir Folgendes beobachten, der frühere Chefvolkswirt der EZB, Peter Praet, erläutert das im Film: Als nach der Finanzkrise die Wirtschaft nicht weiter wuchs, und der Privatsektor nicht mehr genügend Kredite nachfragte, drohte die Geldmenge zu schrumpfen. Dann ist die EZB mit unkonventionellen geldpolitischen Maßnahmen eingesprungen und hat dafür gesorgt, dass genügend Geld im Umlauf blieb. Hätte die EZB das nicht getan, hätte uns ein deflationärer Teufelskreis gedroht: Unternehmen gehen pleite, weil sie aufgrund einer schrumpfenden Geldmenge keine Mehreinnahmen mehr generieren können. Daraus folgen Arbeitsplatzverluste und ein Sinken der Nachfrage, immer mehr Akteure gehen pleite, und am Ende könnten Sie tatsächlich kein Geld mehr vom Bankautomaten abheben - schlichtweg, weil Sie keines mehr von Ihrem pleitegegangenen Arbeitgeber überwiesen bekommen.

Sie kommen in Ihrem Film zu dem Schluss, den ja schon der Club of Rome 1972 formuliert hat: dass unendliches Wirtschaftswachstum in einer endlichen Welt nicht funktionieren kann. Was wäre Ihrer Meinung nach ein tragfähiges Wirtschaftssystem?

Dafür habe ich auch kein fertiges Modell. Ich versuche, mit dem Film erst mal ein angemessenes Problembewusstsein zu schaffen: Wir diskutieren gerne darüber, wie gerecht im Kapitalismus Geld verteilt ist, es geht um Umverteilung, Steuergerechtigkeit, Besteuerung von großen Vermögen. Aber wie die kapitalistische Geldproduktion funktioniert, und unter welchen Bedingungen und Voraussetzungen Geld erzeugt wird, und ob es sinnvoll ist, ständig neue Investitionskredite für gewinnträchtige Unternehmungen vergeben zu müssen, nur damit uns das Geld nicht ausgeht, darüber diskutieren wir selten.

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Regisseurin Carmen Losmann: "Historisch gewachsene, jedoch unsinnige Geldschöpfungsregeln erzeugen ökologische Probleme."

(Foto: Neue Visionen Filmverleih)

Stellen Kritiker unseres Wirtschaftssystems, wie zum Beispiel die Linkspartei, also die falschen Fragen?

Die Fragen der Linken halte ich für völlig berechtigt. Aber Sie müssten meiner Meinung nach dringend ergänzt werden durch eine ganz andere gesellschaftliche Aufklärung und Auseinandersetzung, als sie im gegenwärtigen politischen Diskurs geführt wird. Daraus könnten sich dann die nächsten Schritte für eine sinnvolle Transformation unseres Wirtschaftssystem ergeben.

Wäre es aus Ihrer Sicht eine Lösung, den Bankensektor zu verstaatlichen, das private marktwirtschaftliche System aber so zu belassen, wie es jetzt ist?

Ein erster Schritt könnte sein, die Kreditvergaberegeln zu ändern, dafür brauchen Sie den Bankensektor nicht unbedingt zu verstaatlichen. Wieso gelten nur Vorhaben als kreditwürdig, die Profite versprechen und nicht Projekte, die nach ökologischen oder sozialen Kriterien sinnvoll für uns als Gesellschaft sind?

Weil ökologische oder soziale Kriterien allein für die kreditgebende Bank möglicherweise nicht als Sicherheit für die Rückzahlung des vergebenen Geldes ausreichen.

Das ist ja das Problem und folgt einem völlig veralteten Verständnis von einem goldgedeckten Geld. Und wenn unser Geld schon nicht mehr von Gold gedeckt ist (was es spätestens seit 1973 nicht mehr ist; Anm. d. Red.), dann soll es wenigstens durch Boden, Immobilien, Maschinen und Anlagen gedeckt sein, so die Logik der Banken, nach der sie Kredite vergeben. Deshalb basiert unsere Geldversorgung vor allem auf Investitionskrediten. Wir müssen Fabriken, Häuser, Flughäfen, Flugzeuge, Autobahnen und dergleichen bauen, um Geld für den Warenhandel zu schaffen. Da diese Kredite irgendwann getilgt werden, müssen sie durch neue ersetzt werden. Wieder muss gebaut werden, um Geld für den Warenumsatz zu schaffen. Historisch gewachsene, jedoch unsinnige Geldschöpfungsregeln erzeugen so ökologische Probleme.

Es gab ja schon den Versuch, mit dem Sozialismus eine Alternative zur Marktwirtschaft aufzubauen. Aber das hat auch nicht funktioniert.

Glauben Sie, dass Sozialismus die einzige Alternative zum Kapitalismus ist? Es stellt sich doch wirklich die Frage, ob wir uns ein System leisten wollen, das die endlose Kapitalvermehrung in sein ideologisches Zentrum stellt und nicht die Erhaltung unserer ökologischen Lebensgrundlagen oder etwa die Versorgung aller Menschen auf dieser Erde. Und unser gegenwärtiges System, nennen Sie es wie sie wollen, funktioniert ja auch nicht - oder würden Sie behaupten, ein Ordnungsprinzip, das die Lebensgrundlagen von uns Menschen und vielen anderen Lebewesen zerstört, funktioniert?

Trotzdem muss man dem Markt mit seiner freien Preisbildung zugestehen, den Ausgleich von Angebot und Nachfrage sehr effizient zu regeln.

Aber unser Wirtschaftssystem ist meines Erachtens keine Marktwirtschaft im Sinne von weitestgehend gleichberechtigten Marktakteuren: Die 500 größten Unternehmen, meistens Aktiengesellschaften, vereinen 40 Prozent der gesamten weltweiten Wirtschaftsleistung. Wir haben es also mit einem vermachteten System zu tun, das oligopolartig, teilweise monopolartig strukturiert ist. Das Ganze als Marktwirtschaft zu bezeichnen, finde ich, ist keine korrekte Beschreibung.

In Ihrem Film zeigen Sie Top-Vermögensverwalter oder Top-Manager, die in ihrem Wirtschaftssprech zunächst sehr routiniert wirken, denen dann bei Ihren grundsätzlichen Fragen, wie etwa "Wo kommt das Geld für Gewinne her?" plötzlich komplett die Worte fehlen. Hat es Sie erstaunt, dass Finanzprofis noch nie über sehr grundsätzliche Fragen nachgedacht zu haben scheinen, die ja schließlich Kernthemen ihres Berufes darstellen?

Wenn während des Studiums der Wirtschaftswissenschaften zahlreiche Modelle und Theorien gelehrt werden, die die Wirklichkeit nur unzureichend beschreiben, lassen sich diese, meine Fragen auch schlecht beantworten. Kurzum: Es fehlt an einer universitären Theoriebildung, die die Mechanismen der Selbstvermehrung des Kapitals erklärt, und somit nehmen wir uns als Gesellschaft auch die Fähigkeit, über den Sinn dieser Selbstvermehrung auch nur nachdenken zu können.

Dennoch hat uns die Marktwirtschaft bis jetzt recht breiten und weitgehenden Wohlstand ermöglicht. Kann das einer der Gründe sein, warum ihre prinzipiellen Schwachstellen, die Sie im Film ja deutlich aufzeigen, nicht stärker hinterfragt werden?

Das kann gut sein. Zum einen hat uns die vom kapitalistischen Geldsystem verursachte Dynamik, die ständig neue Unternehmungen, neue Innovationen, neue Investitionsmöglichkeiten benötigt, um zu funktionieren, in den letzten 200 Jahren einen ungeheuren Schub an Technik und Wohlstand gebracht. Gleichzeitig ist das System als positive Rückkopplungschleife konstruiert, wie eine Heizung, die immer heißer wird, wenn die Temperatur steigt. Mittlerweile haben wir in Westeuropa ja viel zu viel an Produkten und Dienstleistungen, und wenn wir diese sinnlose Ressourcenverschwendung nicht beenden, wird unser Wohlstand nicht von Dauer sein.

© SZ/khil
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