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Doku "Oeconomia" im Kino:Zum Wachstum verdammt

Kino Film Doku Oeconomia

Licht, Luft - Transparenz? Tatsächlich ist vieles in der Finanzwelt schwer durchschaubar, die Branche lässt sich ungern in die Karten sehen.

(Foto: Neue Visionen Filmverleih)

Wie kann Geld einfach so aus dem Nichts entstehen und doch überall fehlen? Carmen Losmann stellt in ihrer Finanzwirtschafts-Doku "Oeconomia" Fragen, die selbst Top-Banker ins Schwitzen bringen.

Von Martina Knoben

Die einfachsten Fragen sind oft die schwierigsten. Wie entsteht eigentlich Geld? Wie entstehen Gewinne? Und warum wachsen die Schulden, wenn die Wirtschaft wächst? Carmen Losmann hat hochrangige Banker, Manager und sonstige Finanzentscheider mit solchen "Sendung mit der Maus"-Fragen behelligt. Beinahe naiv wirkt das und ist vielen der Männer erkennbar lästig. Umso bemerkenswerter, wie manche von ihnen ins Schwimmen kommen, wie sie nicht erklären können, was angeblich selbsterklärend ist. "Zu komplex", lautet noch eine der freundlichsten Ausreden.

Die Finanzkrise 2007 sei der Auslöser für "Oeconomia" gewesen, erzählt die Regisseurin. Sie wollte die Spielregeln eines Systems begreifen, das gerade krachend an die Wand gefahren war - mit Folgen bis heute. Weil zudem Corona gerade die Schulden in ungeahnte Höhen treibt - das Statistische Bundesamt zählte Mitte des Jahres für alle öffentlichen deutschen Haushalte 2,1089 Billionen Euro Miese - ist "Oeconomia" ein brandaktueller Film.

Losmann will den Kapitalismus verstehen - und verständlich machen. Aber wie soll das gehen? Wie lässt sich eine so abstrakte und komplizierte Materie im Film darstellen? "Oeconomia" beginnt mit einem idyllischen Waldbild, das sich aber als Desktophintergrund eines Computers entpuppt. Es ist ein Trugbild wie viele Oberflächen in diesem Film. Losmann öffnet dann einen Ordner, aus dem sie Zahlen und Diagramme zieht, schließlich blendet sie vom schwarzen Desktop mit weißem Raster auf die ebenfalls gerastert wirkenden Fassaden der Bankentürme in Frankfurt am Main. Die Glasfassaden der Hochhäuser, in denen sich Himmel oder Stadt verzerrt spiegeln, werden zum zentralen visuellen Motiv des Films: Die Transparenz, die das Glas signalisiert, ist vorgetäuscht, an den Oberflächen prallt der Blick ab.

Es ist ein Boys Club, mit dem es Losmann in der Finanzwelt zu tun bekommt, keine einzige Frau sitzt ihr in ihren Interviews gegenüber. Und es ist tatsächlich ein Club, der so schnell niemanden reinlässt. Immer wieder wurden Losmann Drehgenehmigungen verweigert; Konferenzen wurden für sie nur nachgestellt; Interviews erst zugesagt, dann zeitlich eingeschränkt. Viele Gespräche durfte sie gar nicht aufzeichnen, sie gibt sie als Gedächtnisprotokolle wieder. Sie reflektiert die Bedingungen, unter denen ihr Material entstand, und zeigt, dass die Branche sich nicht gern in die Karten blicken lässt.

Einige aufschlussreiche Gespräche hat Losmann dennoch geführt, mit Peter Praet etwa, dem ehemaligen Chefvolkswirt der Europäische Zentralbank, mit Nicolas Peter, dem Finanzchef von BMW, mit Andrew Bosomworth von der Investmentgesellschaft Pimco oder Thomas Mayer, dem ehemaligen Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Von ihnen und mithilfe von Diagrammen und Zahlen auf Losmanns Desktop erfährt der Zuschauer, dass nicht nur die Zentralbanken Geld schaffen, sondern auch die Geschäftsbanken, indem sie Kredite vergeben, die in der Bilanz auftauchen. 90 Prozent der Gesamtgeldmenge mache dieses "Buchgeld" aus. Es entsteht quasi aus dem Nichts. Man erfährt, dass die Wirtschaft wächst, wenn die Geldmenge wächst, und dass ständiges Wachstum die Bedingung ist, damit das alles weiter funktioniert. Eine Runde kapitalismuskritischer Experten hat Losmann in der Frankfurter Fußgängerzone an einem Tisch platziert und lässt sie "Monopoly" spielen. Gleichzeitig kommentieren sie die Mechanismen der Finanzwirtschaft wie ein griechischer Chor. Popcornkino ist das nicht - und doch spannend.

Mit scheinbar spröden Themen kennt Losmann sich aus. Bekannt wurde sie mit "Work Hard - Play Hard", 2011, für den sie künstlich-heimelige Büroräume filmte, die vergessen machen sollten, dass die Menschen darin zur Arbeit angetrieben werden. Dazu ließ sie Manager und Unternehmensberater über "Human Capital Management" schwafeln. In diesem Corona-Jahr, in dem das Home endgültig zum Office geworden ist, sollte man sich den Film bei Gelegenheit (wieder) ansehen.

Losmann hat wieder mit dem Kameramann Dirk Lütter gearbeitet. Er filmt die Hochhaustürme der Banken und großen Firmen als Symbolräume, als vollkommen künstliche Bubbles. Viel Glas wurde verbaut, außen und innen; es gibt beeindruckend große Eingangshallen und überall ähnliche Konferenzräume, deren Requisiten Wichtigkeit suggerieren. Winzig erscheinen die Menschen in der Frankfurter oder Kölner Innenstadt, wenn man sie aus einem der oberen Stockwerke dieser Türme sieht. Es ist eine Architektur des Kapitalismus, die jene Prozesse spiegelt (und mit hervorbringt), die in ihr stattfinden. Uniformiert, fast wie Mitglieder eines Ordens, sehen die Männer aus, die darin agieren, in ihren weißen Hemden und teuren Anzügen. Wenn sie in einem Konferenzraum hinter gläsernen Wänden zusammensitzen (die Kamera bleibt außen vor) wirkt das Treffen konspirativ.

Dass das Finanzsystem künstlich ist, sich abgekoppelt hat von der Warenproduktion, ja von der Realität, gleichwohl zunehmend unser Wirtschaftssystem und die Politik bestimmt - auf diese Kritik steuert der Film ganz unaufgeregt zu. Außerdem bringt Losmann Ökonomie und Ökologie am Ende zusammen, wenn sie konstatiert, dass es auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen kein unendliches Wachstum geben kann. Das alles ist nicht neu, über vieles können Wirtschaftsexperten auch sicher kundig streiten. Der "Kapitalismus für Dummies"-Ansatz aber funktioniert. Über Geld spricht man nicht? Besser doch.

Oeconomia, D 2020 - Regie, Buch: Carmen Losmann. Kamera: Dirk Lütter. Schnitt: Henk Drees, Carmen Losmann. Verleih: Neue Visionen, 89 Min.

© SZ vom 15.10.2020
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