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Nachhaltigkeit:Produzieren, verkaufen, entsorgen

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Müllberge in einem Hinterhof. Auch Verbraucher könnten einiges dazu tun, um weniger Rohstoffe zu verschwenden.

(Foto: Karl-Heinz Spremberg/imago/Chromorange)

So funktioniert das Wirtschaftssystem meist. Jetzt warnen auch Unternehmensberater, dass der Menschheit bald die Ressourcen ausgehen. Eine Lösung könnte die Kreislaufwirtschaft sein.

Von Benedikt Müller-Arnold, Düsseldorf

Der kommende Samstag kann der Menschheit zu denken geben. Rechnerisch betrachtet wird die Welt von Neujahr bis zu jenem 22. August mehr Ressourcen verbraucht haben, als die Natur binnen eines Jahres regenerieren kann. Das rechnet die Umweltorganisation Global Footprint Network vor. Von diesem Wochenende an wird die Menschheit also auf Kosten künftiger Generationen leben, was ihre Rohstoffe betrifft. Brisant ist dies bei Ressourcen wie Öl oder Kohle, deren Verbrennung klimaschädliches CO₂ freisetzt. Oder bei Plastik, das global auf Deponien dümpelt oder Meere verschmutzt, statt recycelt zu werden. Wasserknappheit, Überfischung, Abholzung: An Beispielen für Raubbau an der Natur mangelt es nicht.

Die allzu lineare Art des Wirtschaftens - produzieren, verkaufen, entsorgen - bemängeln nun auch einflussreiche Konzerne, die bisher nicht an der Spitze ökologischer Protestbewegungen standen. "Den Volkswirtschaften gehen weltweit die Ressourcen aus, die Grundlage des Reichtums und Wohlstands unserer Gesellschaft sind", warnen Autoren der Boston Consulting Group (BCG), einer der größten Beratungsfirmen der Welt, in einer neuen Studie. "Wir können nicht in der gleichen Form, wie wir das bislang gemacht haben, weiterleben", sagt Mitautor Holger Rubel.

BCG wirbt stattdessen für die Idee der Kreislaufwirtschaft: Produkte sollten langlebig sein, möglichst oft benutzt werden. Mehrweg statt Einweg also, reparieren statt wegwerfen. Und wenn man Waren entsorgt, sollten die Abfälle verwertet, enthaltene Rohstoffe wiederverwendet werden.

So alt und einleuchtend dieses Konzept auch ist: "Der derzeitige Zustand der Kreislaufwirtschaft in Deutschland ist unzureichend", mahnen die Unternehmensberater. Zwar funktioniere die Mülltrennung im Vergleich zu anderen Staaten ganz gut, dennoch basierten nur gut zehn Prozent der Produktion auf wiedergewonnenen Materialien. Anders als in manch offizieller Statistik definiert, akzeptieren die Autoren weder die Verbrennung noch den Export von Abfällen als Wiederverwertung. "Und auch wenn wir uns stetig verbessern, so ist das Wachstum doch deutlich zu niedrig", so Mitautor Alexander Meyer zum Felde. So sei der Anteil der Kreislaufwirtschaft hierzulande zuletzt nur um 0,1 Prozentpunkte pro Jahr gestiegen. "Wenn wir weiterhin in florierenden Wirtschaftssystemen leben wollen", so BCG, "gibt es keine Alternative dazu, unseren Verbrauch an natürlichen Ressourcen zu reduzieren."

Die Anreize, Rezyklate zu nutzen, reichen nicht, so der Recycling- Konzern Alba. Er will eine Quote

Doch wie passt das zusammen mit der Hoffnung Hunderter Millionen Menschen weltweit auf steigenden Wohlstand, neue Wohnungen und Autos, Elektronik und Arzneien? Diese Bedürfnisse zu decken, dürfte weitere Massen an Rohstoffen binden. BCG sieht die Kreislaufwirtschaft als Lösung des Dilemmas: 50 bis 70 Prozent der heutigen Produktion müssten künftig auf wiederverwerteten Ressourcen basieren, damit der Erde nicht auf Dauer zu viele Rohstoffe entzogen werden.

Und diese Hinwendung wäre nicht nur gut für die Umwelt, so die Autoren, "sie bietet den Unternehmen auch eine enorme wirtschaftliche Chance." Die Kreislaufwirtschaft habe hierzulande ein Potenzial von 140 bis 200 Milliarden Euro jährlicher Wirtschaftsleistung, rechnet BCG vor, das wären bis zu fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts. "Ein enormes Potenzial, das wir wirtschaftlich heute nicht ausschöpfen", sagt Mitautor Rubel. Zuletzt hatte die Branche gut 21 Milliarden Euro zur Wertschöpfung beigetragen, heißt es im Statusbericht der deutschen Kreislaufwirtschaft.

BCG sieht das Potenzial darin, dass Firmen auch dank neuer Technologien künftig mehr Produkte wiederverwerten, mehr Rezyklate verkaufen und selbst nutzen könnten, statt viele Ressourcen immer wieder neu aus dem Ausland zu importieren. So würden Hersteller unabhängiger von internationalen Lieferketten - und eher davor gefeit, dass endliche Ressourcen knapper und teurer werden.

Plastik

Kaum eine Industrie steht wegen Versäumnissen in Sachen Kreislaufwirtschaft derart in der Kritik wie die Plastikbranche. Nur etwa zwölf Prozent der Verarbeitung in Deutschland basierten zuletzt auf Rezyklaten; stattdessen steht die Kunststoffindustrie nach eigenen Angaben für vier bis sechs Prozent des Erdölbedarfs in Europa. Das Problem ist global, da viele Staaten keine flächendeckenden Recyclingsysteme haben. Und es ist komplex, da viele Produkte aus mehreren Stoffarten bestehen. Viel recyceltes Material eignet sich am Ende nur für Parkbänke oder Pfosten; Experten nennen das: Downcycling.

Große Kunststoffhersteller wie Covestro haben angekündigt, dass sie künftig mehr alternative Rohstoffe - etwa Rezyklat oder Produkte auf CO2-Basis - und neue Methoden nutzen wollen, die Abfälle mithilfe von Ökostrom in ihre chemischen Bestandteile zerlegen. Doch der Weg ist weit: Bislang basiert die Produktion zu 99 Prozent auf Erdöl.

Viele Selbstverpflichtungen zeigen zwar Willen zur Veränderung, konstatiert der Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung, "erzielen jedoch bislang nicht die gewünschten Effekte." Daher hat die EU bereits ein Verbot einiger Einwegprodukte wie etwa Plastikbesteck auf den Weg gebracht. Im nächsten Jahr soll eine Steuer auf nicht-recycelte Verpackungsabfälle folgen. Künftig könne nur ein hoher Rezyklatanteil die negativen Folgen der Kunststoffproduktion reduzieren, so der Umweltrat. ikt

Doch zumindest bei Plastik droht die Corona-Krise den Wandel auszubremsen: Die Nachfrage nach recycelten Kunststoffen sei im Schnitt um 41 Prozent eingebrochen, meldete der Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE) vor Kurzem. Denn neu produziertes Plastik sei derzeit günstig, dank des gesunkenen Ölpreises; zudem habe vor allem die Auto- und Elektronikindustrie zuletzt weniger Kunststoff nachgefragt. Diese Krise berge die Gefahr, so BDE-Chef Andreas Bruckschen, "dass nicht nur der angedachte Ausbau der Rezyklatmärkte ausgebremst wird, sondern sogar das bisher Erreichte in Frage steht."

Was muss passieren, damit - bei allem politischen Wohlwollen, etwa in der EU - das Thema "von der Rhetorik zur Praxis" gelangt? Mit diesen Worten hat der Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung sein Gutachten zur Kreislaufwirtschaft überschrieben. Der nötige Wandel lässt sich auf allen Ebenen beschreiben: Privatleute, Firmen und Staat.

Für private Haushalte müsse Ressourcenschutz "nicht zwangsläufig" Verzicht bedeuten, schreiben die Regierungsberater. Vielmehr gehe es um Alternativen: Müssen zum Beispiel alle Autofahrer einen eigenen Wagen besitzen, produziert aus endlichen Rohstoffen, oder könnten mehr Menschen Carsharing nutzen? Hier seien auch Firmen gefordert, weniger Besitz und mehr Dienstleistung anzubieten. Kreislaufwirtschaft beginne "lange, bevor Produkte zu Abfällen werden", so der Umweltrat.

"Kreislaufwirtschaft startet schon mit dem Design der Produkte", sagt auch Unternehmensberater Rubel. Beispielsweise bestehen viele Verpackungen heute aus einem Verbund mehrerer Stoffe; das erschwert konventionelles Recycling. Die Ökodesignrichtlinie, welche die EU etwa Herstellern von Waschmaschinen oder Kühlschränken vorgegeben hat, sei da "ein erster wichtiger Schritt", betont der Umweltrat: Demnach müssen Unternehmen Geräte derart gestalten, dass sie langlebig und reparabel sind, dass sie Demontage und die Wiederverwertung der enthaltenen Materialien von Anfang an berücksichtigen und erleichtern. Allerdings seien diese Vorgaben bislang "sehr allgemein", monieren die Regierungsberater, die Regeln sollten "dringend konkretisiert und auf weitere Produkte erweitert werden".

Stahl

Eine Branche, in der die Kreislaufwirtschaft schon ganz ordentliche Anteile verbucht, ist die Stahlindustrie. Deutschland erzeugt etwa 30 Prozent seines Stahls auf Basis von Schrott in sogenannten Elektrolichtbogenöfen, heißt es von der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Diese Recyclingmethode benötigt laut dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen 60 bis 75 Prozent weniger Energie als die klassische Verarbeitung von Eisenerz im Hochofen zu Roheisen und zu Stahl.

Doch der Schrott alleine reicht nicht aus, betont man in der Branche. Manche Metalle seien derart legiert und bearbeitet, konstatiert auch der Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung, dass man sie beim Recycling mit sauberem Neumaterial mischen müsse, damit die Produktqualität noch stimmt. "Für bestimmte Anwendungen muss sogar vollständig Primärmaterial verwendet werden."

Damit die Stahlindustrie dennoch ihren Bedarf an Kohle im Hochofen minimieren und bis 2050 annähernd CO2-neutral wirtschaften kann, wie es die Politik fordert, arbeiten die Hersteller vor allem an neuen Anlagen auf Basis von sogenanntem grünen Wasserstoff aus Ökostrom. Diese Umrüstung wird allerdings Jahre dauern und Milliarden kosten. Zugleich tüfteln Unternehmen wie Thyssenkrupp daran, die Abgase konventioneller Hüttenwerke abzufangen und wiederum zu Chemikalien zu verarbeiten - ebenfalls ein Ansatz der Kreislaufwirtschaft. ikt

Freilich haben Firmen nicht nur den Kreislaufgedanken im Kopf, sondern auch Kosten, Grenzen der Technik, weltweite Konkurrenz. Viele zirkuläre Geschäftsmodelle seien daher wirtschaftlich noch nicht konkurrenzfähig, konstatiert der Umweltrat. Das liegt auch an den politischen Rahmenbedingungen: "Sprächen die Rohstoffpreise die ökologische Kostenwahrheit, würde sich der ökonomische Rahmen für Abfallvermeidung und Recycling ändern." Sprich: Würden Marktpreise stets die Kosten ökologischer Nebenwirkungen widerspiegeln, könnte es sich häufiger lohnen, Abfälle wieder zu Rohstoffen aufzubereiten. Immerhin hat der Bund einen Preis für klimaschädliche CO₂-Emissionen nun auch außerhalb von Kraftwerken und Schwerindustriebetrieben auf den Weg gebracht, der im Lauf der Jahre steigen soll.

Bislang jedenfalls genügten die Anreize nicht, um einen funktionierenden Markt für recycelte Rohstoffe zu schaffen, sagt Axel Schweitzer, Chef von Alba, einem der weltgrößten Recyclingdienstleister. Die Politik sollte sich künftig stärker für die Kreislaufwirtschaft engagieren, auch Deutschland im Rahmen der laufenden EU-Ratspräsidentschaft. "Ein wichtiger Schritt wäre eine verpflichtende Einsatzquote für Rezyklate", so Schweitzer. Bislang setzten zu wenige Hersteller Rezyklate ein.

Mit solchen Quoten könnte der Staat in eigenen Bau- und Infrastrukturprojekten vorangehen, raten BCG und der Umweltrat unisono. Öffentliche Einrichtungen sollten den Kreislaufgedanken etwa auch dann beherzigen, wenn sie Möbel, Elektronik, Papier einkaufen oder beispielsweise eigene Kantinen betreiben, so die Regierungsberater. "Die Einrichtungen der öffentlichen Hand können und sollten ihre Möglichkeiten als Vorbild und als Vorreiter nutzen."

© SZ vom 21.08.2020
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