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Gentrifizierung:Lokale Mitbestimmung? Die Obama Foundation reagiert abwehrend

Um den Vertreibungseffekt abzumildern, fordern Community Organizations aus Woodlawn und umliegenden Vierteln die Unterzeichnung eines Community Benefit Agreements (CBA). Als beliebtes Instrument der Stadtplanung sollen solche Abkommen zwischen zivilen und privaten Organisationen den Einfluss von Großprojekten wie dem OPC für die lokalen Gemeinden steuern. Das Obama CBA schlägt unter anderem Mietbremsen und eine Ausweitung des sozialen Wohnungsbaus, Beschäftigungsquoten für Anwohner bei den Arbeitsplätzen des OPC sowie Unterstützung der lokalen Schulen vor.

Doch die Obama Foundation reagiert abwehrend. Und das, obwohl die Foundation und die Obamas gerade diese Gemeinden als wichtigstes Zielpublikum ansprechen wollen. Michael Strautmanis, Chief Engagement Officer der Foundation, betont im Gespräch, man habe in zahllosen Meetings und Workshops die Ratschläge und die Kritik der Bewohner der South Side eingeholt und die Pläne entsprechend angepasst. Alle Informationen seien öffentlich zugänglich. Warum also der Widerstand gegen das CBA? "Wir haben viele Community Leaders getroffen in den Vorbereitungsphasen, viele davon haben uns explizit gebeten, das CBA nicht zu unterzeichnen. Sie sagen, dass diese einzelnen Gruppen nicht als Repräsentanten für die gesamte Community auftreten können", antwortet Strautmanis. "All die Arbeit, die in das OPC fließt, soll die lokalen Gemeinden in der South Side unterstützen", sagte Obama im Interview mit dem Chicago Tribune, ein CBA sei daher nicht notwendig. Als Antwort auf die Forderungen veröffentlicht die Foundation ihre eigenen Prinzipien - allerdings ohne vergleichbare gesetzliche Verpflichtungen, diese auch einzuhalten - und verweigert Gespräche mit der CBA-Koalition. Damit sperrt sie sich gegen die Möglichkeit einer lokalen Mitbestimmung.

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Das deckt sich mit dem Eindruck von Timothy Mitchell, Literaturprofessor an der University of Chicago. Für ein Projekt mit seinen Studierenden hat er viele Meetings der Foundation besucht. "Das Ziel dieser Treffen war niemals Information, sondern Werbung. Nach einer Power-Point-Präsentation haben die Organisatoren das Publikum meistens in kleine Arbeitsgruppen aufgeteilt, jegliche kritische Diskussion im Plenum wurde sofort unterbunden."

Mitchell, Khwaja und andere vermuten auch die Interessen der Universität hinter der Ablehnung eines CBA. Der Campus der University of Chicago, einer privaten Elite-Universität, befindet sich in Hyde Park, dem nördlich angrenzenden Viertel zu Woodlawn. Die Universität hat seit jeher ein belastetes Verhältnis zu den umliegenden Gemeinden. 1890 gegründet im damals wohlhabenden Süden der Stadt, fand sich die Universität nach der Great Migration - der Wanderungsbewegung von Afroamerikaner aus den Südstaaten in die Industriestädte des Nordens - in den 50er-Jahren zunehmend von armer, schwarzer Nachbarschaft umgeben. Die Administration, um den Ruf der Universität besorgt, reagierte mit einer aggressiven Planungspolitik. Hausbesitzer wurden ermutigt, nicht an schwarze Familien zu vermieten, sozialer Wohnungsbau in Hyde Park wurde aktiv unterbunden und viele "schwarze Einrichtungen" wie Jazz Clubs geschlossen. "Aktuell versucht die Universität ihren Einflussraum in Richtung Woodlawn auszuweiten", erklärt Khwaja. Ein Konferenzzentrum und ein Studentenwohnheim sind bereits im Bau, weitere Universitätsgebäude sollen folgen. Da käme eine Gentrifizierung Woodlawns gerade recht - ganz abgesehen von dem Prestige eines Obama Centers in unmittelbarer Nähe zum Campus.

Darf man, vor allem unter einem Präsident Trump, an Projekten Obamas zweifeln?

Als Bauherr in der South Side ist die Obama Foundation auf die Unterstützung der Universität angewiesen. Barack und Michelle Obama haben dort beide noch persönliche Kontakte aus ihrer Zeit in Chicago, beide waren zeitweise bei der Universität angestellt. Susan Sher, Senior Advisor des Universitätspräsidenten, die laut Informationen des Chicago Tribune hinter der Bewerbung um das OPC in der South Side steht, gilt als enge Vertraute der Obamas. Wie auch der kürzlich abgelöste Bürgermeister Chicagos, Emanuel Rahm, Barack Obamas ehemaliger Chief of Staff, der auf der Seite der Stadt Entscheidungsprozesse für das OPC vorangetrieben hatte. Diese personellen und persönlichen Verbindungen allein mindern nicht das Potenzial des OPC für die Bewohner der South Side, wie auch viele der Kritiker betonen. Aber sie begründen Zweifel an dem so prominent propagierten Willen einer demokratischen Einbindung der South Side Communities in die Planung des OPC.

Was bedeuten diese Konflikte also für Obamas Vermächtnis in der South Side? Darf man, vor allem unter einem Präsidenten Donald Trump, an Projekten Obamas zweifeln? Innerhalb der afroamerikanischen Communities ist man gespalten. Auf einem von Mitchell organisierten Symposium macht eine Frau ihrem Frust über die Kritik am OPC Luft. Die South Side solle sich nicht von weißen Umweltfanatikern diktieren lassen, wie sie ihre Parks zu nutzen habe. Das OPC sei eine einmalige Chance für die South Side, man könne den Obamas vertrauen. Sie spricht vielen Bewohnern aus der Seele, die hinter der Kritik eine Sabotage vermuten, die ökonomische Entwicklung verhindern will. Das bringt Jawanza Malone, ein Befürworter des CBA auf. Es sei nicht Obama, der dieses Center baue, so entgegnet er, sondern die Universität und die Stadtverwaltung, welche im Hintergrund die Strippen ziehen, um wieder einmal die lokalen Communities zu benachteiligen. Sie kooptierten das Erbe des Präsidenten. Das Schlusswort hat eine aufgebrachte Bewohnerin aus Woodlawn: "Es ist mir egal, ob Obama oder Queen Elizabeth in meiner Nachbarschaft bauen", sagt sie, "ich bin alleinerziehende Mutter und ich möchte nicht schon wieder wegen einer Mietsteigerung ausziehen müssen."

In der Kontroverse um das Obama Presidential Center manifestieren sich Konflikte zwischen schwarzen und weißen, aber auch zwischen armen und wohlhabenderen Bewohnern der South Side, die unterschiedliche Perspektiven darauf haben, was gute Stadtentwicklung bedeutet. Barack Obama scheint mit seinem Presidential Center in einen Interessenskonflikt geraten zu sein: Sein Vermächtnis - die Verheißung einer afroamerikanischen Beteiligung an Politik - steht seiner engen Verbindung zu den etablierten ökonomischen und politischen Eliten der Stadt entgegen. Seit April hat Chicago eine neue Bürgermeisterin. Lori Lightfoot hatte im Wahlkampf angekündigt, die CBA Koalition zu unterstützen. Die Gerichtsentscheidung am Dienstag könnte eine Zäsur bringen.

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