USA Der Mann hinter Barack Obama

März 2012: Barack Obama und sein Berater Ben Rhodes arbeiten an einer Rede.

(Foto: The White House)
  • Ben Rhodes war acht Jahre lang Obamas Berater. Seine Erinnerungen hat er als Buch veröffentlicht.
  • "The World as It Is" erschien im Sommer 2018 und liegt jetzt auch in deutscher Übersetzung vor mit dem Titel "Im Weißen Haus - Die Jahre mit Barack Obama".
  • Das Buch steht für eine neue Ära politischer Autobiografien. Rhodes schreibt selbstkritisch, ehrlich - und zu subjektiv.
Rezension von Viola Schenz

Es gibt sehr wenige Politiker-Reden, die einen eigenen Eintrag auf Wikipedia haben. Dazu gehört "A New Beginning" ("Ein Neuanfang"), die Barack Obama am 4. Juni 2009 an der Universität Kairo hielt, auch bekannt als "Die Rede an die islamische Welt" oder einfach "Kairo-Rede". Mit ihr löste der amerikanische Präsident sein Versprechen ein, in den ersten Monaten seiner Amtszeit eine Grundsatzrede in einem muslimischen Land zu halten, um eine neue Zeit in den Beziehungen zwischen den USA und der islamischen Welt einzuläuten.

Der Mann hinter der "Kairo-Rede" ist Ben Rhodes. Als 29-Jähriger ist er in Obamas Wahlkampfteam eingestiegen. Nach dessen Wahlsieg 2008 hat er die acht Amtsjahre außenpolitisch mitgeprägt, er war Stellvertretender Nationaler Sicherheitsberater und enger Vertrauter, er handelte das Atomabkommen mit Iran mit aus und fädelte die Annäherung an Kuba ein.

Politik USA Plaudern über den Elefanten in der Arena
Obama-Auftritt in Köln

Plaudern über den Elefanten in der Arena

Beim "Weltführungsgipfel" in Köln redet Barack Obama viel über seinen Nachfolger, vergleicht ihn gar mit einem Tier. Nur seinen Namen nennt er nicht.   Von Jana Stegemann und Christian Wernicke

Vor allem schrieb er die außenpolitischen Reden des Präsidenten. Anderthalb Jahre nach Obamas Abschied hat Rhodes ein Buch über jene Zeit vorgelegt. "The World as It Is" erschien im Sommer 2018 und landete schnell auf der New York Times-Bestsellerliste, wie es bei Büchern hochrangiger Präsidentschaftsmitarbeiter üblich ist.

Inzwischen liegt es mithilfe von vier Übersetzern auf Deutsch vor, mit dem etwas lapidaren Titel "Im Weißen Haus - Die Jahre mit Barack Obama". Zwanzig Seiten sind dem Zustandekommen der Kairo-Rede gewidmet. Anschaulich schildert der inzwischen 41 Jahre alte Politikberater, wie viel Vorarbeit, Abwägen, Kompromissbereitschaft und Gespür einfließen müssen, damit eine Ansprache Bedeutung erlangt.

Die Einblicke sind exklusiv, sie kommen aber ohne billigen Voyeurismus aus

Rhodes' Erinnerungen stehen für eine neue Ära politischer Autobiografien; nicht nur klug und analytisch, sondern auch ehrlich und selbstkritisch. Zum G-20-Gipfel in London 2009 etwa heißt es: "Unser peinliches Anliegen bestand darin, andere Länder aufzufordern, Geld auszugeben, um die Weltwirtschaft zu stabilisieren - zur Bewältigung einer Krise, die von den Vereinigten Staaten ausgegangen war."

Auch frei von Selbstglorifizierung, wie man sie etwa von Henry Kissingers dicken Erinnerungen "White House Years" kennt und wo der Autor bei aller weisen Reflexion oft als Superheld dasteht.

Rhodes ist dem abhold, ganz selten schimmert Eitelkeit durch, sie sei ihm verziehen, dafür waren seine Aufgaben zu wichtig. Er zeigt vielmehr realistisch, wie kräftezehrend, mühsam und schlafraubend es ist, für den wichtigsten Mann der Welt zu arbeiten. Dass Erfolgs- oder gar Triumphmomente schnell von Ernüchterung und Frustration abgelöst werden können. Seine Einblicke und Anekdoten sind intim genug, um den Lesern das Gefühl von Exklusivität zu geben, sie kommen aber ohne billigen Voyeurismus aus.

Ben Rhodes: Im Weißen Haus - Die Jahre mit Barack Obama. Aus dem Englischen von Enrico Heinemann, Thomas Pfeiffer, Jörn Pinnow und Martin Richter. Verlag C.H. Beck, München 2019. 576 Seiten, 26 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

(Foto: C.H.Beck)

Rhodes versteht sein Handwerk, er weiß, dass es das Publikum schätzt, wenn man sich hin und wieder selbst zum Deppen macht. So erzählt er gleich im Vorwort, wie sich Obama in seiner Präsidentenlimousine über Rhodes' fehlende Socken lustig macht (ein Missverständnis beim Packen).

Ebenso wenig dürfen präsidentielle Selbsterkenntnisse fehlen, die eben nur Personen, die direkt dabei waren, weiterreichen können: "Präsident zu sein, ist gar nicht so glamourös, wie man es gerne darstellt", oder nach Trump-Wahl und Brexit-Beschluss: "Manchmal frage ich mich, ob ich zehn oder zwanzig Jahre zu früh gekommen bin." Auch erfährt man erst hier, dass bei Obamas Abschiedsbesuch in Berlin der sonst so nüchternen Angela Merkel "eine einzelne Träne in den Augen stand".