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Dokumentarfilm:"Gold ist kein Menschenrecht, Wohnen schon"

Dokfest Film Push

Sterile Innenstadt: Szene aus "Push" von Fredrik Gertten.

(Foto: Verleih)
  • Der Filmemacher Fredrik Gertten begleitet in seinem Film "Push" die "Sonderberichterstatterin der UN für angemessenes Wohnen", Leilani Farha.
  • Teil ihrer Arbeit ist es, Regierungen zu einer Politik zu bewegen, die dem Grundbefürfnis Wohnen gerecht wird.
  • Die Dokumentation ist kein Sozialporno, sondern ein spannender Film auf der Suche nach den Ursachen für das soziale Desaster.

Klar weiß jeder Münchner ungefähr, was gerade los ist auf dem Immobilienmarkt. Dass es in Berlin auch längst angefangen hat mit den Preisexplosionen. Und dass die Entwicklung der Arbeitseinkommen und die der Immobilienpreise sich vollkommen voneinander abgekoppelt haben. Die Gesellschaft unterteilt sich in die, die besitzen, und die, die mieten.

Beziehungsweise die, die immer mehr besitzen, und die, die versuchen, irgendwo noch 2-Zi-Kü-Bad zu finden. Aber zu sehen, in welchem Ausmaß und mit welcher Dynamik das Ganze gerade weltweit stattfindet, ob nun in einer Sozialbausiedlung in Uppsala, wo auf einen Schlag mehrere tausend Wohnungen den Besitzer wechseln, oder im hippen Notting Hill, im grünen Hinterland von Seoul, an einem Steilhang im chilenischen Valparaiso oder im New Yorker Stadtteil Harlem, wo ein Mieter für seine 70 Quadratmeter von einem auf den anderen Tag nicht mehr 2400 sondern 3500 Dollar zahlen muss, das ist noch mal was Anderes. In globalen Zahlen: Der Wert aller Immobilien weltweit beträgt mittlerweile 217 Billionen Dollar - das ist 2,7 mal das globale Bruttosozialprodukt.

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Aber was ist dieses "Ganze", wie es gerade so wolkig hieß? Was genau passiert da auf dem Immobilienmarkt seit rund zehn Jahren? Ist das diese doofe Gentrifizierung? Wo vorher ein traditioneller Handwerksbetrieb war, macht jetzt ein Yogastudio mit angeschlossener veganer Patisserie auf? "Gentrifizierung ist der falsche Begriff", sagt Leilani Farha. "Und der vegane Bäcker ist das falsche, völlig alberne Feindbild", ergänzt Fredrik Gertten.

Ein Film über die Frage: Wem gehört eigentlich die Stadt?

Die beiden sind ein herrliches Paar, wie sie da nebeneinander auf einem zerschlissenen Sofa im schrabbeligen Münchner Lokal Mariandl sitzen. Leilani Farha wirkt wie ein lebendes Starkstromgebiet. Die kanadische Juristin ist klein und zierlich, aber alles um sie rum scheint zu vibrieren, wenn sie etwa davon erzählt, dass die amerikanische Investmentgesellschaft Blackstone kürzlich angedroht habe, all ihre Immobilien in Spanien einfach vom Markt zu nehmen, weil die Regierung in Madrid ein etwas mieterfreundlicheres Gesetz auf den Weg bringen wollte. "Das sind mittlerweile die Machtverhältnisse" sagt Farha, "ein privatwirtschaftlicher Global Player mit 280 Milliarden Dollar im Rücken kann einen Staat erpressen." Blackstone besitzt in Spanien über 100 000 Immobilien.

Der schwedische Regisseur Fredrik Gertten sitzt neben Farha, ruhig lächelnd, fjordtiefe Falten im müden Gesicht, er ist gerade auf Welttournee mit seinem Film "Push". Er habe, sagt Gertten, einen Film machen wollen über die Frage, wem die Stadt eigentlich gehöre, ähnlich wie in seinem Vorgängerfilm "Bikes vs Cars". Aber diesmal sei es am Ende "was viel Größeres geworden". Das stimmt. Im Grunde dokumentiert "Push" einen sozialen Epochenbruch.

Das gelingt ihm, indem er Leilani Farha bei ihrer Arbeit begleitet hat: Farha ist seit 2014 "Sonderberichterstatterin der UN für angemessenes Wohnen". Sie reist um die Welt, um Regierungen dazu zu bringen ihre Politik endlich darauf abzustimmen, dass Wohnen immer noch ein fundamentales Menschenrecht ist und kein Luxus, den man sich eben leisten können muss.

Der Film zeigt, wie die Verwandlung von Immobilien in Kapitalposten, die auf den Finanzmärkten verschoben werden wie Aktien oder Rohstoffe, innerhalb weniger Jahre zu einer weltweiten sozialen Krise geführt hat. Mieter interessieren einzig als Mietsteigerungszahler. Letztendlich stören sie aber eh nur bei den finanziellen Transaktionen. "Eine leere Wohnung ist leichter und schneller zu verkaufen", sagt Farha. Weshalb man in Gerttens Film ganze Viertel sieht, die leer stehen, sterile Areale mitten in Innenstädten. Oder Mieter, die konstatieren, sie wüssten nicht, wie es weitergehen soll, dritte Mieterhöhung, Renovierungsschikanen, es gehe nicht mehr.