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Neue Forschungen zu Stalin und Shoah:Gewaltraum Osteuropa

Obwohl außer Zweifel steht, dass die deutsche Vernichtungspolitik für die Massenmorde verantwortlich war, so war ihre Verwirklichung nicht ohne die Mittäterschaft der einheimischen Bevölkerung möglich. Beim Einmarsch der Deutschen rächten sich Litauer, Ukrainer an den Juden in ihren Orten für die Sowjetherrschaft, die in ihrem antisemitischen Blick auch eine jüdische gewesen sein sollte.

Die Befreiung von Auschwitz

Das Ende des Holocaust

Die Entdeckung von Gräueltaten, die der sowjetische NKWD bei seinem Abzug in den Gefängnissen begangen hatte, führte zu mörderischen Pogromen an den Juden, die von SS-Einheiten tatkräftig unterstützt wurden.

Osteuropa stellt einen Gewaltraum dar, der schon vor dem deutschen Eroberungskrieg von mörderischer Gewalt gezeichnet war, in dem sich stalinistische und nationalsozialistische Gewaltpolitik kreuzten, durchdrangen, gegenseitig verstärkten.

Auch wenn die wissenschaftliche Debatte um das Buch von Timothy Snyder weitergehen wird, ob sich hinter der räumlichen Konstruktion der "bloodlands" nicht vielmehr eine Konstruktion von Geschichte verbirgt, wie jüngst Jürgen Zarusky in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte vermutet, hat Snyder doch eine Perspektive geöffnet. Die deutschen Gewalttaten in Osteuropa werden künftig nicht mehr isoliert, sondern nur mit Bezug auf die stalinistische Gewaltpolitik untersucht werden können.

Darum nimmt der Hitler-Stalin-Pakt 1939 in der Forschung wie in der Erinnerungspolitik eine so zentrale Rolle ein, weil er unter Beweis stellt, wie rasch sich beide Regime darauf verständigten, Polen imperial aufzuteilen, als auch wie sehr sich die Gewalt gegen die polnische Bevölkerung ähnelte.

Zu komplex, um nebeneinander gehalten zu werden

Beide Seiten wollten Polen annektieren und ausbeuten, die polnische Elite vernichten und die Bevölkerung zur Zwangsarbeit einsetzen. Den Zehntausenden von Morden der SS-Einsatzgruppen 1939/40 entsprachen auf sowjetischer Seite die systematischen Erschießungen der polnischen Offiziere in Katyn und andernorts.

Der Historiker Dan Diner hat durchaus recht, wenn er in der Welt in seiner Kritik an Snyders Buch feststellt, dass Auschwitz darin nicht mehr den zentralen Stellenwert einnimmt. Doch irrt er, dass dies eine Einebnung der Gewalttaten bedeutet. Der systematische Massenmord an den europäischen Juden in den Vernichtungsstätten Auschwitz, Treblinka, Sobibor, Belzec bleibt, wie Richard von Weizsäcker in seiner viel beachteten Rede 1985 festgehalten hat, "beispiellos". Aber eine Gegenüberstellung von nationalsozialistischem Genozid an den europäischen Juden auf der einen und Massengewalt im zwanzigsten Jahrhundert auf der anderen Seite, wie sie Dan Diner fordert, verstellt die Fragen, die eben jene Geschichte der Gewalt aufwirft.

Zum komplexen Geschehen, das Historiker heute untersuchen, gehört eine Vielzahl von Gewaltakteuren, Gewaltsituationen und Gewaltentscheidungen. Nicht alle folgten der SS-Logik, Juden umzubringen, weil sie Juden waren. Antisemitismus war ebenso ein Faktor wie allgemein die Ethnisierung des Politischen, imperiale Expansion und Herrschaftssicherung ebenso wie ökonomische Ausplünderung, utopische gesellschaftliche Neuordnungspläne wie die nackte Gier, den Besitz des Nachbarn zu rauben.

Alte Antworten untauglich für neue Fragen

Das gilt besonders für die "bloodlands". Gewalt wird durch die vergleichende Analyse nicht gleich, sondern klarer. Die Schoah gehört in diesen Gewaltzusammenhang des zwanzigsten Jahrhunderts wie die stalinistische Politik und die europäische koloniale Gewalt in Afrika, Asien und Lateinamerika - als vielfach verflochtene, aufeinander Bezug nehmende, aber eben keineswegs gleichzusetzende Geschichte.

Diese Gewaltgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts zu erforschen - und zu erinnern -, wird in den kommenden Jahren eine europäische Aufgabe sein. In keinem Fall werden alte Antworten auf neue Fragen taugen.

Der Autor ist Professor für deutsche Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts an der Humboldt-Universität in Berlin. Zuletzt erschien von ihm die Monografie "Geschichte des Nationalsozialismus" (Stuttgart 2008).

Fotos gegen das Regime

Hitler blind und Stalin lahm