Neu in Kino & Streaming:Welche Filme sich lohnen - und welche nicht

Neu in Kino & Streaming: Reisebegleiter: Spinnenwesen Hanus fliegt in "Spaceman" mit Adam Sandler durchs All.

Reisebegleiter: Spinnenwesen Hanus fliegt in "Spaceman" mit Adam Sandler durchs All.

(Foto: Netflix)

Als SS-Ehefrau verdrängt Sandra Hüller das Grauen von Auschwitz, als Weltraumfahrer stellt Adam Sandler sich der Einsamkeit: Die Starts der Woche in Kürze.

Von Fritz Göttler, Josef Grübl, Tobias Kniebe, Martina Knoben, Anna Steinbauer, David Steinitz und Anke Sterneborg

Berlin Bytch Love

Anna Steinbauer: Das Leben auf den Straßen Berlins ist eine Bitch - vor allem wenn der Winter kommt. Sophie und Dominik sammeln Flaschen, nächtigen seit einem halben Jahr rund um den Görlitzer Park und lieben sich innig. Das Tragische: Sie ist gerade mal 15 Jahre alt, er 17 Jahre. Außerdem ist Sophie schwanger. Die Filmemacher Heiko Aufdermauer und Johannes Girke begleiteten die beiden Jugendlichen über zwei Jahre von den Berliner Straßen bis in ihre eigene Wohnung nach Eberswalde. "Berlin Bytch Love" erzählt die herzerweichende Liebesgeschichte zweier Teenager, die aus schwierigen sozialen Verhältnissen stammen, mit Drogenproblemen und vergangenen Straftaten kämpfen. Ohne zu werten und voller Respekt gewährt die wie ein Spielfilm montierte Doku intime Einblicke in einen Alltag, der mitten unter uns existiert, vor dem wir aber oft lieber die Augen verschließen.

Dune: Part Two

Tobias Kniebe: Endlose Dünen, so weit das Auge reicht; riesige Sandwürmer, auf denen echte Krieger auch surfen können; Helikopter mit Libellenflügeln und Ureinwohner mit übernatürlich blauen Augen (allen voran Zendaya). Drei Jahre nach dem ersten Teil sieht der Wüstenplanet Arrakis in den Händen von Hollywoods Ober-Stilisten Denis Villeneuve immer noch sehr gut aus. Timothée Chalamet trägt die Last, Rebellenführer gegen brutale Kolonialherren und zugleich eine Art Messias zu sein. Was leicht sehr peinlich werden könnte, hätte er sich nicht mit ganzer Leidenschaft in die Sache hineingestürzt - so konsequent blass und schmal, wie es nun mal sein Ding ist.

Le paradis

Josef Grübl: Ein 17-Jähriger bricht kurz vor seiner Entlassung aus der Jugendstrafanstalt aus. Warum? Weil er sich die Freiheit nimmt, Fehler machen zu dürfen. Zurück hinter Gittern lernt er einen Gleichaltrigen kennen, schon bald kommen sich die beiden näher. Von da an wirkt seine bevorstehende Freiheit wie eine Bedrohung. Der belgisch-tunesische Filmemacher Zeno Graton erzählt in seinem Spielfilmdebüt von Jugendgewalt und Rassismus, von Homosexualität und Chancenungleichheit. Ein genau beobachtetes Coming-of-Age-Drama mit guten Schauspielleistungen.

Only The River Flows

Anke Sterneborg: Unten am Fluss wird eine alte Witwe ermordet, die Ermittlungen beginnen in einem stillgelegten Kino, in dem sich Realität und Traum überlagern. Schnelle Ergebnisse sind gefordert, doch der leitende Inspektor folgt unbeirrt seinem Instinkt, von einem Verdächtigen zum nächsten, von einem Mord zum folgenden. In seinem stimmungsvollen Neo Noir, der fern der glitzernden Metropolen auf dem chinesischen Land spielt, verwebt Wei Shujun die Kriminalgeschichte auf raffiniert sinnliche Weise mit einem fast dokumentarisch anmutenden Bild des ländlichen China in den Neunzigerjahren.

Spaceman

Fritz Göttler: Mehr als ein halbes Jahr ist er unterwegs, Jakub Prochazka, der tschechische Euro-Astronaut (Adam Sandler). Nun liegt, nah am Jupiter, die mysteriöse Chopra-Wolke dicht vor ihm. Das Raumschiff ist ein wenig vermüllt, und Jakub vermisst seine Frau Lenka (Carey Mulligan), die sich von ihm abwenden wird. Die tschechische Staatspräsidentin, Commissioner Tuma (Isabella Rossellini), hält ihm mütterlich die Treue und rühmt seinen Mut. Regisseur Johan Renck ("Chernobyl") und Sandler schaffen eine traurig-komische Weltraum-Ballade zwischen Stanislaw Lem und Stanley Kubrick. Ein Mädchen fragt ganz unverblümt: Bist du der einsamste Mensch der Welt? Ist Jakub offensichtlich nicht, als er sich einem spinnenbeinigen Alien gegenüber sieht, den er Hanus nennen darf, und der wohl weiß, was Einsamkeit ist. (Auf Netflix.)

Wir waren Kumpel

Martina Knoben: 2018 war Schicht im Schacht, machte die letzte Zeche in Deutschland dicht. Christian Johannes Koch und Jonas Matauschek zeigen letzte Bilder der Arbeit im Steinkohlebergbau - und was die dann arbeitslosen Kumpel danach anfangen. Um die Brüche im Leben geht es in dieser Doku und Neuanfänge, die Filmemacher haben in jeder Hinsicht diverse, interessante Protagonisten gefunden. Mit der Corona-Pandemie und dem Klimawandel nimmt der Film dann auch die großen gesellschaftlichen Verwerfungen ins Visier. Am Ende fahren zwei der Ex-Kumpel zusammen nach Frankreich, essen Baguette und baden im Meer - und können selbst nicht ganz fassen, wie anders sie geworden sind.

The Zone of Interest

David Steinitz: Ein Holocaust-Film, wie es noch keinen gegeben hat. Jonathan Glazer erzählt von der Familie des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß, die einst in einer schönen Villa mit Garten neben dem Konzentrationslager lebte. Kann man in direkter Nachbarschaft zu den Todesmühlen ein glückliches Leben führen? Die Antwort auf diese Frage führt den Zuschauer vom KZ direkt in die Gegenwart. Wer verstehen will, was "nie wieder" bedeutet, muss diesen Film sehen.

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SZ Plus"The Zone of Interest" im Kino
:Die Gespenster von Auschwitz

Nie wieder ist jetzt? Wer wirklich verstehen will, was das heißt, muss diesen Film sehen: "The Zone of Interest" mit Sandra Hüller und Christian Friedel.

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