bedeckt München 20°
vgwortpixel

Konzertsaal-Debatte in München:Pakt mit dem Park

BMW Welt mit Olympiaturm München Oberbayern Bayern Deutschland Europa Copyright imagebroker St

Eine vernünftige Initiative: der Standort vis-à-vis der BMW-Welt am Mittleren Ring

(Foto: imago/imagebroker)
  • Attraktive Städte bestehen nicht nur aus dem existenziell Gebotenen sowie aus Arbeitsplätzen, sondern auch aus kulturellem Ehrgeiz.
  • In München ist nun die Idee im Gespräch, den neuen Konzertsaal im Olympiapark nördlich der Innenstadt zu bauen.
  • Schon oft wurden Stadtrandlagen durch besondere Architektur und Kulturstätten aufgewertet.

Die peinigende Diskussion um einen neuen Münchner Konzertsaal erinnerte zuletzt an ritualisierte Katastrophenschutzübungen. Im Rathaus oder in der Staatskanzlei zündet man Bombenideen - und der Rest der Welt bringt sich in Deckung, weil die Ideen eher die Wirkung von Mörsergranaten als von Lösungsvorschlägen hätten.

Umso verblüffender ist nun die neueste Volte im Streit um einen Konzertsaal, der vielleicht weniger dringend gebraucht wird als bezahlbarer Wohnraum oder Flüchtlingsunterkünfte, der aber dennoch von vielen Menschen ersehnt wird. Zu Recht. Vitale, also attraktive, im Wortsinn anziehende Städte bestehen nicht nur aus dem existenziell Gebotenen sowie aus Arbeitsplätzen, sondern auch aus kultureller Ambition. Aus einer in die Zukunft zielenden Selbstvergewisserung. Ohne diesen Ehrgeiz wäre München niemals München geworden. Die Geschichte der Stadt ist die Geschichte großer, bisweilen (und vermeintlich) abenteuerlicher Projekte.

Über die wahre Notwendigkeit eines weiteren Konzertsaales von Rang besteht aber in der weltweit anerkannten, vielfach beneideten Musikmetropole München große Einigkeit. Allein der passende Standort fehlt. Fehlte. Denn nun bietet er sich an. Die Idee, den Konzertsaal im Olympiapark zu bauen (SZ vom 27. April), könnte sogar das sein, womit man kaum mehr rechnen durfte: ein Befreiungsschlag.

Horst Seehofer wird es am Ende ja von Anfang an gewusst haben

Wäre dem so, und vieles spricht dafür, so wird Horst Seehofer der Erste sein, der die Idee dann schon lange vorher gehabt haben wird. Wobei sogar fraglich ist, ob sich aktuell Münchens Zweiter Bürgermeister Josef Schmid und Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (beide CSU) damit brüsten können. Zwar gilt der Standort im Olympiapark am nördlichen Rand der Innenstadt (nicht zu verwechseln mit der Altstadt) als ihr gemeinsamer Vorschlag aus der zweiten Reihe, nachdem sich die erstrangigen Gasteig-Ausbaupläne von Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) und Ministerpräsident Horst Seehofer nun auch per Gutachten als Unsinn erster Klasse erweisen; tatsächlich aber ist die Idee älter.

Vom Juli letzten Jahres ist beispielsweise ein offener Brief von Andreas Keck, Vorsitzender der FDP München, bekannt. Er richtet sich an Spaenle. Darin heißt es: "Ich möchte hiermit anregen, dass Sie den Olympiapark mit in die Standortüberlegungen einbeziehen (. . .)" Und auch der zuständige Bezirksausschuss hat das Areal am Fuße des Fernsehturms schon ins Gespräch gebracht. Dass die Idee somit keinen genialischen Handstreich von oben, sondern letztlich eine vernünftige Initiative aus der Mitte des Bürgertums heraus darstellt, ist ein weiterer Grund, der für den Standort vis-à-vis der BMW-Welt am Mittleren Ring spricht. Ohne gesellschaftliche Akzeptanz sollte das Projekt nicht verwirklicht werden.

Genau die ist aber nun in Sichtweite. Obwohl natürlich bereits Stimmen zu vernehmen sind, die eine erstklassige Kulturinstitution nicht in einer als zweitklassig angesehenen Lage verorten wollen. Ist ja wahr: Wenn man vor dem möglichen Baugrundstück im unansehnlichen Zwickel zwischen Georg-Brauchle-Ring und der in die Innenstadt führenden Lerchenauer Straße steht, dann tut man sich erst mal schwer, sich hier den Glamour einer umfeierten Weltpremiere vorzustellen. All die Roben, Schleppen, Schärpen und dazu vielleicht jener Satz über die "Sternstunde, dankbar und glücklich müssen wir sein . . .", der einen Monacofranze, den man sich gut auch als nahen Hasenbergler vorstellen kann, in den Wahnsinn treiben würde: Passt das hierher? Hierher, direkt zum Schild, das nach Feldmoching weist? Aber ganz genau. Die Alte Pinakothek, 1836 eröffnet und im Herzen der Stadt befindlich, wurde einst als "bei Dachau" gelegen verspottet. Zu weit draußen. Die Lehre: Städte wachsen. München sogar besonders dynamisch.