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"Berlin Izza Bitch" von Klaus Lemke:Besser als Prozac

Professionelles Rumlungern: Klaus Lemke (Mitte) mit seinen Schauspielern (v.l.n.r) Eric D. Clark, Lea Mornar und Henning Gronkowski.

(Foto: Paulo da Silva)

Klaus Lemke hat zwischen zwei Lockdowns "Berlin Izza Bitch" gedreht - und präsentiert eine Idee zur Rettung des Kinos.

Von David Steinitz

Der Regisseur Klaus Lemke ist der fleißigste SMS-Terrorist der Gegenwart. Fast täglich schickt er Aphorismen und Gedanken zum Kino. Diesmal sendet er zur Abwechslung aber einen Link zur Videoplattform Vimeo.

Das klingt erst mal technikaffiner als es ist, denn alles, was über SMS hinausgeht, delegiert Lemke. Er hat keinen Computer und wird auch nie einen haben. Seine E-Mail-Korrespondenz zum Beispiel wickelt er über einen Hinterhof-Copyshop im Münchner Univiertel ab. Der Besitzer des Copyshops musste auch schon in einem seiner Filme mitspielen. Wenn also wieder eine Mail von gast@Copy-Oase.com im Postfach aufploppt, schickt Lemke Fotos von Dreharbeiten oder schöne alte Bilder aus der Zeit vor der Porschecayenneisierung Schwabings.

Aber zurück zu der SMS mit dem Vimeo-Link. Hinter dem verbirgt sich, passwortverschlüsselt, Lemkes neuer Film. Er heißt "Berlin Izza Bitch". Das ist ein guter Titel, weil Berlin ja wirklich eine Bitch izz.

Ein schwindliger Schwindler, der noch nicht mal Basquiat richtig fälschen kann, macht Berlin zu Haiti

Von dem Projekt erzählte Lemke das erste Mal vergangenes Jahr im Mai. Es war der erste Tag nach dem ersten Lockdown, an dem man wieder im Café sitzen durfte, in der Türkenstraße, etwa 200 Meter von der Copy-Oase entfernt. Die Sonne schien, und er versprach: Es wird ein Sommerfilm. Dass er nun, während des gefühlt siebenundachtzigsten Lockdowns, in der tiefsten Februar-Corona-Schneematsch-Depression den fertigen Sommerfilm schickt, ist natürlich besser als zehn Paletten Prozac.

"Berlin Izza Bitch" ist ein Film, den nur ein Mensch drehen kann, der keinen Computer und damit die Zeit besitzt, sich noch um das echte Leben zu kümmern. Lemke ist ein unverschämt genauer Beobachter kleiner zwischenmenschlicher Komödien und Tragödien. Denn das Einzige, was er noch besser kann, als Filme zu drehen, ist herumlungern und beobachten. "An einer Straßenecke zu stehen und auf niemanden zu warten, das ist Power", hat der Dichter Gregory Corso gesagt und damit unwissentlich die ganze Kunst des ihm natürlich nicht bekannten Klaus Lemke zusammengefasst.

Ein Beispiel. Als Lemke vergangenen Sommer nach dem Treffen im Café für die Dreharbeiten von München nach Berlin fuhr und dort "dumm herumrumstand", habe ihn auf der Kantstraße umgehend ein Mann angesprochen. "Der Mann sagte: weitermachen. Ihre Filme verdienen das. Ich frag den Fremden, was er macht. Schreiben. Was Schreiben? Er sagt: Ferdinand von Schirach."

Lemke zieht solche Begegnungen an wie ein Magnet. Wenn man mit ihm die Kantstraße in Berlin oder die Türkenstraße in München entlangspaziert, hat man nach einer halben Stunde mehr skurrile Begegnungen als sonst in einem Jahr.

"Deppen": Lemke lässt seine Filme aus Tradition jedes Jahr von der Berlinale ablehnen

Aus dieser Gabe speist sich auch der neue Film. Ab und an hängt ein verwaschener Mund-Nasen-Schutz nutzlos am Ohr eines seiner Protagonisten herum. Ansonsten aber ist "Berlin Izza Bitch" fast pandemiefrei. Was sehr angenehm ist, weil es einen ja jetzt schon graust vor den ganzen weinerlichen Corona-Kunstwerken, die all die frisch geimpften Kreativen irgendwann noch zur Veröffentlichung aus der Lockdown-Schublade holen werden.

Lemke fasst den Film so zusammen: "Ein schwindliger Schwindler, der noch nicht mal Basquiat richtig fälschen kann, macht Berlin zu Haiti." Wie immer in seinen Werken streunen also die Schlawiner durch die Großstadt und vermasseln alles, was man im Job und in der Liebe so vermasseln kann, aber mit einer stoischen Entspanntheit, die man sich dringend für künftige Zeitungskonferenzen aneignen muss.

Und wird der Film bald auch öffentlich vorgeführt? "Berlinale hat abgelehnt, die Deppen!", simst Lemke zurück, der für Antworten ungefähr eine halbe Sekunde braucht und sich aus Tradition jedes Jahr von der Berlinale ablehnen lässt. "Aber eigentlich müsste ich ihn bald verkaufen. Brauch im März Geld für den nächsten Film."

Festivals nur online, die Kinos geschlossen, Herumlungern an der Straßenecke im Schneeregen möglich, aber sinnlos: Das sind dann doch existenzbedrohende Themen, die zu viel sind für ein paar SMS. Da muss man noch mal persönlich nachfragen. "Im Moment", sagt Lemke am Telefon, "fühl ich mich wie eine Simulation. Wie sich eine intelligente Maschine jemand wie mich vorstellt. Aber das Gefühl haben, glaube ich, im Moment alle."

Die schönen Frauen gehen nicht mehr ins Kino - "und zwar, weil's da stinkt"

Weil er aber nicht zu den Jammerwaschlappen gehört, die in erstaunlich großer Zahl das deutsche Kino im Griff haben, hat er natürlich längst eine Idee für die Zukunft. Denn Corona, sagt Lemke, 80, Hochrisikogruppe, verstärkt ja nur ein Problem, dass das Kino schon vorher hatte: Die schönen Frauen gehen nicht mehr ins Kino - "und zwar, weil's da stinkt". Nachowahnsinn. Popcornapokalypse. Klosteininferno. Früher habe man im Foyer Frauen kennenlernen können, das Kino sei der ideale Ort zum Flirten gewesen. "Jetzt wird man von diesen tösenden Dolby-Trailern schon so eingeschüchtert, dass man am Ende ist, bevor es anfängt."

Wenn Netflix die Verfügbarkeit von Filmen rund um die Uhr gewährt, müssten die Filmtheater nachziehen. "Nonstop-Kino" nennt er das. "Ein Film läuft den ganzen Tag. Man kann rein und raus wann man will. Man kann zwischendurch telefonieren. Was einkaufen. Jemand treffen. Und dann wieder ins Kino." Das ist natürlich eine wahnsinnig romantische Idee zur Rettung der Kinos als Biotop für alles, was schön ist im Leben. Aber nicht ganz neu, oder? "Nein Digga", sagt Lemke. "Wie in Paris, damals."

© SZ/khil
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