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"Florence Foster Jenkins" im Kino:Erst Gelächter, dann irre Freude

Florence Foster Jenkins

Wie Florence Foster Jenkins (Meryl Streep) singt, ist nicht nur ein bisschen daneben, sondern genial falsch.

(Foto: Constantin Film Verleih)

Warum widmen sich plötzlich so viele Filme der Katastrophen-Sängerin Florence Foster Jenkins? Stephen Frears gleichnamiges Werk zeigt: Weil sie einen Menschheitstraum verkörpert.

Filmkritik von Reinhard J. Brembeck

Diese Falten. Die Kamera liebt sie, Hugh Grant betet sie an, Meryl Streep lebt sie. Und auch der Zuschauer, der die Falten der Leinwandhelden sonst praktisch nie aus solcher Nähe sehen darf, verliebt sich bald in diese Falten, dann in Hugh Grants erfolglos schlechten Bühnenschauspieler und schließlich und unsterblich in Meryl Streeps schräge New Yorker Society-Sängerinnen-Diva Florence Foster Jenkins.

Diese Florence Foster Jenkins, die dank einer Erbschaft völlig ihrer Musikleidenschaft leben konnte, ist eine Legende. Jeder, der eine Party endgültig auf ihren Höhepunkt jagen will, muss nur eine Platte dieser absolut einmaligen Sängerin auflegen.

Ihr Klassiker ist Mozarts Rache-Arie der Königin der Nacht. Wie Jenkins da konsequent und selbst für Schwerhörige mühelos erkennbar unter der angestrebten Höchstnote landet und dann an dem so unabweislich falschen Ton felsenfesthält, wie sie das Tempo unnachgiebig stranguliert, wie sie die Höhe nur mit einem dürren Schatten ihrer in der Tiefe voluminösen Stimme erreicht: All das ist nicht ein bisschen daneben, sondern genial falsch.

Aus diesem Grund sind die Reaktionen bei uneingeweihten Hörern wie bei Kennern die gleichen. Ungläubiges Staunen verwandelt sich in hemmungsloses Gelächter und weicht dann einem noch ungläubigeren Staunen.

Wäre Florence Foster Jenkins aber nur eine schlechte Sängerin gewesen, dann würde sich niemand mehr an diese Frau erinnern. Dann wären nicht binnen Jahresfrist gleich drei eng an Jenkins' Biografie angelehnte Filme ins Kino gekommen.

Ein Menschheitsmythos wie Faust, Don Giovanni oder Don Quichotte

Stephen Frears' nicht zuletzt wegen Meryl Streep überwältigende "Florence Foster Jenkins" startet am Donnerstag. Ralf Pflegers eher matte "Die Florence Foster Jenkins Story" hatte bereits vor zwei Wochen Premiere. Xavier Giannolis schließlich verlegte den Stoff für seinen Film "Madame Marguerite" kongenial von Amerika nach Paris und aus den vierzigern in die zwanziger Jahre. Sein Film kam schon im Frühling heraus und ist auf DVD zu sehen (Concorde).

Der Grund für das Interesse ist leicht auszumachen, aber nur schwer auszuloten. Jenkins' Scheitern berührt ihre Zuhörer offenbar in den tiefsten Regionen ihrer Psyche. Das weist sie als eines der großen Originalgenies aus, als einen Menschheitsmythos wie Faust, Don Giovanni oder Don Quichotte. Genau das behaupten denn auch Stephen Frears und Xavier Giannoli in ihren überwältigenden Filmen.

Beide haben vor allem begriffen, dass dieser Stoff nur mit einer Schauspielerin zu bewältigen ist, die alles kann, die vor keiner Entblößung zurückschreckt und die vor allem selber singt, deshalb machen diese Filme nur in der Originalfassung wirklich Spaß.

Catherine Frot und Meryl Streep sind göttliche Idealbesetzungen. Beide haben sich tief in Jenkins' Aufnahmen eingehört. Sie imitieren ihr Vorbild nicht sklavisch, aber in den zentralen Momenten.

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