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Keith Richards zum 70. Geburtstag:Berühmtester Überlebender der Musikgeschichte

Keith Richards

Keith Richards wird 70: Ein paar Exzesse hat dieser Mann schon hinter sich, kein Zweifel.

(Foto: REUTERS)

Seine Riffs macht ihm niemand nach: Keith Richards, Rock'n'Roll-Gitarrist, ist weder mit 44 Kilo Sprengstoff in die Luft gejagt worden, noch an 4444 Kilo Rauschgift gestorben. Deshalb wird er nun 70 Jahre alt. Kein Witz!

44 Kilo. Das muss man sich mal vorstellen. Mit 44 Kilo Sprengstoff wollte, nach allem was zu hören war, im Oktober ein Nachbar von Keith Richards in Connecticut den Gitarristen in die Luft jagen. Den Mann umgaben ja schon immer die besten Meldungen. Er fällt auch als Opa zum Beispiel noch ganz gerne auf den Fidschi-Inseln vom Baum, ohne dass sich hinterher irgendjemand fragt, wie er da überhaupt rauf gekommen ist. Wieso auch? Wir reden hier schließlich nicht von irgendeinem klampfenden Rentner. Wir reden von Good Ol' Keef.

44 Kilo also. Was hat sich dieser Nachbar eigentlich dabei gedacht? Viel kann es nicht gewesen sein. Sonst wäre er nie auf den Gedanken gekommen, dass 44 Kilo Sprengstoff wirklich ausreichen könnten, um Keith Richards um die Ecke zu bringen. Das haben in 444 Jahren nicht mal 4444 Kilo Rauschgift geschafft. Und warum nicht? Ganz einfach. Weil es so ist, wie es Ron Wood einmal sagte (oder war's Bill Clinton?): Es gebe genau zwei Lebensformen, die den Atomkrieg überlebten - Kakerlaken und Keith Richards. Fest steht außerdem: Noch zäher als Keith Richards dürfte nur seine Leber sein.

Los ging die Sache mit der Unsterblichkeit aber anders. Es gibt Filmmaterial eines Interviews mit Keith Richards, in dem er zum Tod des Rolling-Stones-Gründungsmitglieds Brian Jones befragt wird. Es dürfte aus Jones' Todesjahr 1969 stammen. Die Trauer um den einstigen Komplizen ist ihm anzusehen. Aber er hatte auch aus der Nähe miterlebt, wie Jones - befeuert von Drogen- und Alkohol-Missbrauch - über die Jahre immer unerträglicher und die Zusammenarbeit am Ende unmöglich geworden war (wenige Wochen vor seinem Tod, im Juli 1969, hatten Mick Jagger und Richards Brian Jones deshalb aus der Band geworfen). So klingt es deutlich ernüchtert, wenn Richards im Interview erklärt, dass ihn Jones' Tod zwar geschockt, aber nicht wirklich überrascht habe. Jeder kenne schließlich "Leute, bei denen man das Gefühl hat, dass sie niemals 70 Jahre alt werden".

Richards selbst ist in der Aufnahme allerdings auch nicht mehr der irritierend jungenhafte Keith mit den gigantischen Segelohren, der er bis Anfang 1967 gewesen war. Um die Augen liegt schon Kajal, der Blick ist schwer und die Segelohren werden vollständig von zerwühlten schwarzen Haaren verdeckt.

Auf offener Bühne eingeschlafen

Ein paar Exzesse hat dieser Mann schon hinter sich, kein Zweifel. Er sieht eindeutig älter aus, als er zu diesem Zeitpunkt sein sollte (er ist 25). Ausgezehrter. Mit anderen Worten: Er ist unübersehbar längst selbst auf dem Weg zu einem von den Leuten zu werden, bei denen man das Gefühl hat, dass sie niemals 70 Jahre alt werden. Und so kam es dann erstmal auch.

Die Siebziger werden das Jahrzehnt des maßlosen Heroin-Junkies Richards. Und damit die Zeit, die bis heute einige sehr gute Keith-Richards-Geschichten sehr glaubwürdig erscheinen lässt. Dass es etwa Auftritte der Stones gegeben habe, bei denen Mick Jagger dafür gesorgt habe, dass Richards Gitarre nicht zu hören war - weil er keinen Ton mehr getroffen habe. Dass er 1976 auf offener Bühne während des Songs "Fool To Cry" eingeschlafen sei - im Stehen (Richards selbst behauptete später, dass das nur passiert sei, weil er den Song so genau gekannt habe). Oder dass er daran geglaubt habe, in der Schweiz seine Drogensucht loszuwerden - via Blutwäsche.

Qualvolle Jahre, in denen trotzdem Alben wie "Sticky Fingers", "Exile On Main Street" oder "Some Girls" entstanden. Und immer neue Monster-Songs wie "Tumbling Dice", "Brown Sugar", "Wild Horses", "Happy", "It's Only Rock 'n' Roll (But I Like It)", "Miss You", "Angie", "Beast Of Burden" oder "Respectable" - alles ebenso unzerstörbar wie so vieles aus den Sechzigern, von "Satisfaction" bis "Jumpin' Jack Flash". Und zwar bis heute und, wie es aussieht, bis in alle Ewigkeit. Meistens schon allein durch Richards Gitarren-Riffs.

Wieder und wieder unverwechselbar

Solo-Angeber und Zwangs-Gniedler hat die Rockgeschichte vergleichsweise viele hervorgebracht. Aber ein Riff-Genie wie Keith Richards nur ein einziges Mal. Niemand sonst beherrschte in der Rockmusik je so vollendet die große Kunst, ganz kleine, sparsame, luftige, fast minimalistische Tonfolgen in ein paar Sekunden so aus dem Handgelenk tropfen zu lassen, dass sie wieder und wieder unverwechselbar waren. Die Wahrscheinlichkeit, dass es nie wieder ein Riff-Genie wie ihn geben wird, ist ziemlich hoch. Schon allein, weil es dafür vielleicht auch einfach zu wenige Töne gibt.

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