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Jüdischer Rapper Spongebozz:"Die Fans sind ja nicht verblödet"

Rapper Spongebozz

Macht Musik als Spongebozz und als Sun Diego: Dimitri Chpakov, Jahrgang 1989.

(Foto: picture alliance / Oliver Berg/d)

Dimitri Chpakov alias Spongebozz macht deutschen Gangsta-Rap, thematisiert aber auch seine jüdische Herkunft. Eine recht schizophrene Position.

Von Juliane Liebert

Dimitri Chpakov ist gestresst. Als Jude und Rapper hat er gerade das Glück, direkt an den Fronten der seit der Echo-Verleihung tobenden Debatte um Antisemitismus im deutschen Hip-Hop zu stehen. Er hat diversen Zeitungen diverse Interviews gegeben, seine mit Dennis Sand geschriebene Autobiografie "Yellow Bar Mitzvah" steht auf der Spiegel-Bestsellerliste, und am Rande seiner Release-Party in der Bochumer "River Lounge" wirkt er so, als ob ihm jetzt ein Strandurlaub guttäte.

Es gibt international gar nicht wenige bekannte jüdische Rapper. Drake ist Jude, die Beastie Boys, Mac Miller, Action Bronson (beste Line: "At the same time, fellatio from three twins / Those are triplets; I've been wilding since the Rabbi snipped it"). In Deutschland existiert nur eine Handvoll jüdischer Rapper in der Szene, und keiner von ihnen benutzt die Symbolik so offensiv wie Chpakov unter seinem Künstlernamen Spongebozz. Im Video zu "Yellow Bar Mitzvah" (dem Song, nicht dem Buch) trägt er einen Judenstern. Er mischt das mit der üblichen Programmatik des Gangsta-Raps - Frauen in Bikinis, teure Autos, dazwischen Menora und Davidstern. Dazu rappt er, "Gangsta-Rapper machen ein'n auf Kokaindealer / Doch waren niemals im Ghetto wie meine Oma Sofia". Dazu trägt er ein Schwammkostüm.

Dimitri Chpakovs Oma hat Angst um ihren Enkel, weil er sein Jüdischsein thematisiert

Die Tochter der besagten Sofia, seine wirkliche Großmutter, hatte sich Sorgen gemacht, als das Buch erschien, erzählt er, während er ein Wasser trinkt. "Meine Oma wurde von Freunden mal darauf angesprochen, wie wir nach Deutschland gekommen sind. Die wollte da drüber nicht reden. Als es schon zu spät war und das Buch in Druck war, fand sie es plötzlich nicht gut, dass ich zugebe, Jude zu sein." Der Grund ihrer Sorge: dass die Stimmung im Land wieder kippen könnte, und die damit verbundene Angst um ihr Enkelkind.

Chpakovs Rolle in der Debatte ist recht schizophren - einerseits macht er seine jüdische Identität zum Thema, andererseits fühlt er sich als Musiker seiner Rap-Community verbunden. Er steht, obwohl er deren umstrittene Zeilen ebenfalls geschmacklos findet, felsenfest zu Kollegah und Farid Bang. "Es wäre einfach", sagt er, "jetzt auf der Welle zu reiten und mich gegen die beiden zu stellen. Aber da hab ich keine Lust drauf. Meine Meinung: Die Zeile war geschmacklos. Für mich persönlich: Ich habe nicht gefühlt, dass er was gegen Juden hat. Oder gegen mich als Jude. Ich dachte nur: Ist Battlerap. Sollte man vielleicht nicht rappen, muss jeder selber wissen. Da wurden ja auch andere Nationen und Religionen beleidigt. Jeder hat das gleiche Recht, beleidigt zu werden."

Zudem fühlt er sich als Rapper angegriffen. Mit Kollegah hat er bereits vor Jahren zusammengearbeitet, auch wenn sie derzeit nicht in Verbindung stehen. "Die Fans sind ja nicht verblödet. Man sieht doch in der Industrie, dass die Fans nicht so dumm sind und sich in ihrer Meinung lenken lassen. Du darfst dir keinen Fehltritt erlauben, sonst verlierst du sofort dein Standing. Die schlucken nicht alles, was ihr Idol sagt. Das stimmt einfach nicht."

Das ist nicht ganz falsch, aber es ist auch nicht die ganze Wahrheit. Schließlich hat der Gangsta-Rap immer mit der Nähe von Fiktion und Realität kokettiert - Battlekonventionen hin oder her -, und natürlich funktionieren bestimmte Zeilen als Diss nur, wenn das avisierte Publikum gemeinsame Vorurteile kultiviert. Nun sind krasse Grenzüberschreitungen Teil des Geschäfts. Vielleicht ist das Problem gar nicht so sehr, dass es Battlerap mit solchen Zeilen gibt, sondern dass sich keiner dafür verantwortlich fühlt, sich damit auseinanderzusetzen.

"Es gibt die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Auf dem Weg hätte man das ja auch klären können. Die hätten sagen können: Nehmt die Zeile freiwillig raus, oder wir lassen das sperren," sagt Chpakov. Und tatsächlich: Teil eins und zwei von Kollegahs und Bangs Album-Reihe "Jung, brutal, gutaussehend" stehen auf dem Index, der jetzt prämierte dritte Teil nicht, weil die Bundesprüfstelle nur auf Antrag tätig wird. Hier wurde offenbar kein Antrag gestellt.

Warum? Hören die Leute über bestimmte Zeilen einfach hinweg, weil sie so daran gewöhnt sind, dass sie ihnen gar nicht besonders krass vorkommen? Oder findet das Publikum die möglichst brutalen Grenzüberschreitungen besonders geil?

Es ist ja nicht so, dass im Pop noch nie mit Nazis provoziert worden wäre. Man denke an die Achtzigerjahre, Punk, Post-Punk. Allein der Bandname Joy Division. Aber damals wussten die Zuschauer, wenn die Punks mit Nazisymbolen kokettierten, dann ging es um einen Bruch mit der Hippie-Linken, nicht um einen Flirt mit dem Faschismus. Das ist beim Gangsta-Rap schwieriger.

Dadurch, dass die Gesellschaft früher homogener war, konnten Subkulturen als Ausdruck des Protests und Dagegenseins verstanden werden, der sich mit seinem Gegner auf einen gemeinsamen Referenzrahmen bezog. Heute sind Subkulturen omnipräsent, und in einer multikulturellen Gesellschaft überlagern sich die Referenzrahmen. Rap ist inzwischen ein dominierendes Genre, und es scheint an starken Wachstumsschmerzen zu leiden.

Das Spiel funktioniert in beide Richtungen. Spongebozz gilt als einer der technisch besten Rapper, unterläuft das Genre dabei aber zugleich in seinen Klischees. Dafür sieht er sich dem Verdacht des "Ethnomarketings" ausgesetzt. Man könnte das für ein sehr deutsches Problem halten: Arabergangsta-Kitsch wird für einen authentischen Bericht aus der diskriminierten Unterschicht gehalten, Spongebozz aber wird Kalkül unterstellt, wenn er mit jüdischen Symbolen arbeitet. Chpakovs neues Video "Eloah", veröffentlicht unter seinem Künstlernamen Sun Diego, hat auf Youtube fast 16 000 Dislikes. Bei der Analyse der Bewertungen fiel ihm allerdings auf, dass sehr viele davon aus Ländern kommen, wo man deutschen Rap weder hört noch versteht - was den Verdacht nahelegt, dass hier automatisierte, bezahlte Manipulations-Software gebucht wurde. Nur von wem?

Hat Chpakov selbst das Gefühl, dass er anders behandelt wird, seit er sich zum Jüdischsein bekennt? "Das habe ich immer. Es ist schwer zu differenzieren, ob es wegen des Judensterns in meinem Video ist oder irgendetwas anderem. Viele Menschen sagen, korrekt, dass du nicht rumheulst, dass du zeigst, dass man auch stark sein kann."

Wo hat der Tabubruch noch Stil? Wo ist er Kunst? Wo braucht ihn die Welt?

Man kann natürlich auch einer Art von historischer Notwendigkeit das Wort reden - alles, was ausgesprochen wird, muss auch ausgesprochen werden, damit die Dialektik funktioniert. Das stimmt eventuell sogar, aber es ist nur eine Perspektive: Als Menschen, die mitten im chaotischen Jetzt Musik machen, sie hören, die reisen, Zeitung lesen, essen, vögeln und aufs Klo gehen, können wir uns nicht einfach auf die Metaebene davonmachen, sondern müssen uns als Handelnde begreifen und Position beziehen. Die Frage, vor der Rap steht, ist komplex, aber auch sehr interessant: Wie kann diese Musik weiter subversiv, mitten aus dem Leben, befreiende künstliche Überhöhung des Lebens, Aufschrei, Fuck You, Reflexion und Trost sein?

Ein Punkt wäre, sich zu fragen, wen man als Künstler eigentlich provozieren sollte, wo der Tabubruch angemessen ist. Wo er Stil hat. Wo er Kunst ist. Wo die Welt ihn braucht.

Vor der "River Lounge" in Bochum bricht am Ende des Abends Streit aus. "Ich fick dich, du Hund", schreit einer in ein Autofenster, mehrfach, laut. Eine Prügelei beginnt, mehr Männer kommen dazu, sie streiten heftig. Durch all das spaziert unbeeindruckt eine Oma. Kurz nach der Oma folgt Chpakov, ein Tuch bis in die Mitte des Gesichts gezogen. Dem Rapper wiederum folgen fünf oder sechs Fans, zehn- bis 14-jährige Jungs, die Selfies wollen. Hip-Hop ist nicht mehr der Spiegel des Kapitalismus, sondern sein Schaufenster.

© SZ vom 05.05.2018
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