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"Idomeneo" in München:Brodelndes Fanal

Raumfüllend magisch: Szene der Münchner "Idomeneo"-Inszenierung im Prinzregententheater.

(Foto: Wilfried Hösl)

Aus Mozarts "Idomeneo" wird bei den Münchner Opernfestspielen ein großartiges musikalisches Gefühlschaos. Es ist die letzte Premiere unter dem scheidenden Intendanten Nikolaus Bachler.

Von Reinhard J. Brembeck

Wer unter Druck steht, macht manchmal unverzeihlich schwere Fehler. So wie der leicht zwielichtige General Idomeneus aus Kreta. Er war als Held im Trojanischen Krieg tätig, saß im gleichnamigen Pferd und brachte den Kretern den Generalverdacht ein, allesamt Lügner zu sein. Bei der Heimfahrt von Troja gerät er kurz vor dem Ziel in einen Sturm, das Wasser ist übermächtig überbordend, und er gelobt beim Wassergott Poseidon, im Fall der Rettung den ersten Menschen zu opfern, der ihm über dem Weg läuft. Das ist sein Sohn Idamante, den zu morden sich der Alte verständlicherweise nicht entschließen kann.

Der gerade fünfzwanzigjährige Wolfgang A. Mozart arbeitet in seiner ersten großen, vor 240 Jahren für Münchens Cuvilliés-Theater komponierten und nach hinten raus etwas länglichen Oper "Idomeneo" einen Vaterkomplex und eine amouröse Orientierungslosigkeit auf. Da steckt einiges an Mozart-Biografie im Stück. Herausgekommen ist musikalisch aber eine wild brodelnde Orchestererzählung, die alle gängigen Formen von Arie, Rezitativ, Duett, Quartett und Chor eingesaugt hat und als ein sturmdrängerisches Fanal der emotionalen Haltlosigkeit aus dem Orchestergraben herausschleudert.

So zumindest dirigiert Constantinos Carydis in Münchens Prinzregententheater diesen Vier-Stunden-Abend im Rahmen der Opernfestspiele. Es ist die letzte Premiere des scheidenden Staatsopernintendanten Nikolaus Bachler. Carydis setzt das klein und jung besetzte Staatsopernorchester unter Hochspannung. Weil sich hier viel Barock mit französischer Vorrevolutionsoper und neuer klassischer Empfindsamkeit mischt, lässt Carydis eine für Mozart untypische Begleitcombo mit Theorbe und Hammerklavier, Cembalo, Barockgitarre und Cello antreten. Der Effekt ist so verblüffend wie beglückend, da die Klänge funkeln und irrlichtern und so das Gefühlschaos der Menschen auf der Bühne ideal und in jeder Sekunde einleuchtend abbilden.

Die Titelfigur ist ein typischer Symbolpolitiker

Aber auch sonst lässt Carydis keinen Zweifel daran, dass er und seine fabelhaften Musiker (was der Schlagwerker alles zaubert zwischen Weltuntergang, Optimismusgetön und Zärtlichkeit!) Zentrum und treibende Kraft dieses Abends sind, weit vor den Sängern und der Bühne. Mozart zweifelt hier an jeder Autorität, am komponierenden Vater sowie an dem in Paris so erfolgreichen Opernreformer Christoph W. Gluck wie am Sinn vom Opernmachen überhaupt. Er verwandelt deshalb die Musik in einen fauchende Klanggesteinsbrocken ausstoßenden Vulkan, der viele magische Verschnaufpausen zwischen den Eruptionen kennt. Kein Stück, kein Moment, keine Sekunde ist nebensächlich oder verspielt. Es geht immer um alles, um den Sinn des Lebens und des Komponierens und Musizierens. So inszeniert Constantinos Carydis einen Totentanz, der in letzter Minute, der Sohnesmord wird durch den Seegott Neptun untersagt, in einem alle Albträume befriedenden Ballett endet.

Zwar wird in München eine geschickt geraffte Fassung geboten, der aber doch entscheidende Momente entgehen. Das Sohnesmorddilemma des Idomeneo rückt bald hinter die Liebeswirrungen des von Emily D'Angelo aufrecht und mit der Sprödigkeit eines Musterschülers gesungenen Sohns, einst eine Kastratenrolle, der zwischen zwei Frauen steht. Auf der einen Seite steht die von Olga Kulchynska brav und innig gesungene Ilia, die auch das Rennen um den Jüngling macht, während die wild auftrumpfende und vom Publikum (nur zwei Fünftel der Plätze durften seuchenbedingt verkauft werden) stark bejubelte Hanna-Elisabeth Müller in der Liebe das Nachsehen hat und folglich auch gesellschaftlich im Off landet.

Stark bejubelt: Hanna-Elisabeth Müller als Elettra im Münchner "Idomeneo".

(Foto: Wilfried Hösl/Wilfried Hösl)

Matthew Polenzani ist als Idomeneo einer der typischen Symbolpolitiker, wie sie heute weitverbreitet sind. Er hält sich für den Mittelpunkt der Welt, er kehrt singend den Macher und Alleskönner heraus, er suggeriert seine Führungsstärke - und ist doch nur ein Würmchen im Malstrom der Schöpfung, das weder mit seinen Gefühlen fertigwird noch den Herausforderungen als kretischer Ministerpräsident gewachsen ist. Mozart komponiert hier hörbar nicht nur als Vorrevolutionär, er beschreibt auch Dilemma und Impotenz heutiger weißer Führungsmänner in den besten Jahren, die alles im Alleingang machen und rein gar nichts von Teamarbeit halten.

Im Münchner Haus der Kunst sind nur noch wenige Tage und unbedingt die Riesenskulpturen von Phyllida Barlow zu sehen, auf Stahlstangen gestellte Quader in kühner Schieflage, folkloristisch bunte Stoffbahnen, abschüssige Riesenmondlandschaften, kleine Acrylskizzen. Die Künstlerin Phyllida Barlow, sie triumphierte auf der Venedig-Biennale 2017, hat jetzt auch die "Idomeneo"-Bühne mit ihren riesigen Fantasieobjekten bestückt.

Der Sohn wird errettet - Anweisung aus Neptuns Staatskanzlei

Gleich zu Beginn dringt ein riesiger, zerklüfteter roter Kometensplitter in den Raum ein, wird auf ein Gestell gewuchtet. Akrobaten turnen wie in einer Inszenierung von "La Fura dels Baus" durch den Raum, die Kostüme von Victoria Behr kombinieren passend dazu Arbeiterwelt mit Stammesfête. Dazu kommt ein überdimensionaler Kletterturm wie für Katzen, zwei bunt angemalte Baumhäuser, eine Rampe ins Nirgendwo. Das alles ist raumfüllend magisch, auch weil durchgehend in einen Bühnennebel des Grauens getaucht.

Antú Romero Nunes hat vor sieben Jahren in München sein Debüt als Opernregisseur gegeben, mit einem grandiosen "Wilhelm Tell". Mit dem "Idomeneo" aber kann er nicht viel anfangen, genauso wenig mit den eigenwilligen Bühnenmonstern der Phyllida Barlow. Er lässt seine Sänger ein bisschen auf ihnen herumklettern und scheucht den Chor herum. Für die Umweltzerstörungen durch Neptuns naturverwüstendes Monster aber hat er keine Bilder, auch die zunehmenden Seelennöte des Protagonisten interessieren ihn nicht weiter. Nunes versucht auch gar nicht, die dramaturgischen Schwächen des Schlussakts auszugleichen. So kommt es arg unvermittelt zur melodramatischen Opferszene, die wie in der Bibelgeschichte von Abraham und Isaak natürlich mit der Errettung des Sohnes via Anweisung aus Neptuns Staatskanzlei endet. Aber da haben längst schon wieder Constantinos Carydis und seine Wundermusiker die Führung übernommen und stürzen sich direkt ins dann von den begeisterten Zuschauern verstärkte Jubelfinale.

Der "Idomeneo" wird am kommenden Samstag ab 18 Uhr live und kostenlos auf Staatsoper.tv übertragen und ist danach dort als Video-on-Demand zu erleben.

© SZ/jsl
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