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Nationalsozialismus:Der Teenager Hitler

Ausstellung: "Der junge Hitler. Prägende Jahre eines Diktators", Museum Niederösterreich

Finden Sie den Diktator! Hitler in der Volksschule, vierte Klasse. (Kleiner Tipp: ganz oben, ganz in der Mitte.)

(Foto: ÖNB)

Eine Ausstellung in St. Pölten beleuchtet die Jugendzeit von Adolf Hitler. Eine Frage, die nach dem Besuch bleibt: Haben die Deutschen mit dem Kriegsende 1945 auf die Reset-Taste gedrückt? Geht das überhaupt?

Von Rudolf Neumaier

Für dieses Klassenfoto hat der Fotograf die Kinder offenbar choreografiert. In den oberen beiden Reihen haben alle Buben die Arme verschränkt. Es war in der Zeit um 1900 unüblich, in die Kamera zu lächeln. Es ist die 4. Klasse der Volksschule Leonding. 48 Jungs.

Die verschränkten Arme machen die Rotzlöffel noch rotzlöffeliger und den Burschen ganz oben in der Mitte am rotzlöffeligsten. Er ist heller angeleuchtet als seine Klassenkameraden, er strahlt Kälte aus. Doch das fällt vermutlich nur auf, weil er Adolf Hitler ist. Hitler als Zehnjähriger. Er trug schon als Kind seinen Seitenscheitel rechts.

Es stellt sich vor diesem Bild - wie bei der gesamten Ausstellung "Der junge Hitler" im Haus der Geschichte des Museums Niederösterreich - die Frage, ob und wie viel Wahnsinn in einem Kind veranlagt ist, der diesen Menschen später zu einem Genozid treibt. Die Ausstellung wird nach einer Corona-Pause an diesem Mittwoch wiedereröffnet.

Ein Despoten-Gen gibt es ebenso wenig wie eine Völkermörder-Vererbung. Und Hitlers Eltern haben ihren Adolf sicher auch nicht als Führer abgerichtet. Wie kam es also?

Die Ausstellung in St. Pölten beleuchtet "Prägende Jahre eines Diktators", wie der Untertitel lautet. Die scharfsinnigen Exkursionen in die Umwelt des Jünglings enden mit dem Jahr 1914, als er Österreich verlassen hatte und in die Bayerische Armee einrückte.

Hitler war als Kind spätestens nach seinem Übertritt an die Realschule ein Sonderling, daran lassen die Quellen keine Zweifel. Typen wie ihn gibt es in jeder Klasse: Jungs, die sich nicht integrieren und denen ihre Sonderlingsrolle vor lauter Selbstbewusstsein so gleichgültig ist, dass man sie nicht einmal foppen kann deswegen.

Heute nennt man solche Kerle Freaks. Aber nicht jeder Freak, der wie Hitler die Jungs in seiner Klasse in Germanen und in Nicht-Germanen einteilte, war deswegen gleich ein gefürchtetes Scheusal. Im Gegenteil: Krude Rassentheorien gehörten zum Geist dieser Zeit. Hitler war empfänglich dafür. "Es war im Mainstream", sagt Hannes Leidinger.

Vor allem wollen die Kuratoren zeigen, welche Gesinnungen in den Menschen schlummerten

Die Historiker Hannes Leidinger und Christian Rapp, der seit zwei Jahren als Wissenschaftlicher Leiter in dem hochambitionierten St. Pöltener Museum arbeitet, breiten ein Panorama des Fin de Siècle in der österreichischen Provinz aus.

Krieg, Gewalt und Säbelrasseln waren für Kinder wie Hitler realer und präsenter als für Deutsche und Österreicher von heute, für die Panzergefechte vergleichsweise abstrakte Medienereignisse aus der "Tagesschau" sind. Vor allem wollen die Kuratoren zeigen, welche Gesinnungen in den Menschen schlummerten und nur Anlässe brauchten, um sich aufs Übelste zu entfalten. Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus - "all das war in der Bevölkerung gespeichert", sagt Christian Rapp.

Eine brennende Frage nach einem Besuch dieser Ausstellung ist die: Haben die Deutschen mit dem Kriegsende 1945 auf die Reset-Taste gedrückt? Geht das überhaupt? Oder wie viele Radikalitäten, wie viel Brutalitätspotenzial haben sie noch heute "gespeichert"?

Ausstellung: "Der junge Hitler. Prägende Jahre eines Diktators", Museum Niederösterreich

Dieses Porträt zeigt den späteren Diktator als 16-Jährigen. Gezeichnet hat es ein Mitschüler Hitlers.

(Foto: Sammlung Rauch / Interfoto / pic)

Treffend ist der junge Adolf Hitler von Georg Tabori beschrieben worden: als Witzfigur. Tabori hat in den Achtzigern eine wunderbare Theater-Groteske über den Versager geschrieben. Die Ausstellung bestätigt ihn. Hitler war ein schlechter Schüler.

Nicht einmal von seinem Geschichtslehrer Leopold Pötsch, den er wegen seiner schwelgerischen Einführungen ins Germanentum abgöttisch verehrte, erhielt er gute Noten. Der Knabe Adolf darf dem Lehrer Landkarten aus der Kartensammlung holen, doch einen Bonus bringt ihm das nicht ein. Der Lehrer Pötsch behandelte Hitler eher wie einen Tölpel.

Lehrer konnten einen solchen Zögling nur mit Geschichten in ihren Bann ziehen, die in sein Weltbild passten. Mit Autorität war wenig zu machen - denn so streng wie der Vater, der gern den Gürtel zur Züchtigung einsetzte und im Jahr 1903 in einem Wirtshaus starb, konnte schwerlich einer sein. Hitler scheiterte in der Schule.

Als gescheiterte Existenz stümperte er durch die Jugendzeit. Ohne Schulabschluss wollte er Künstler werden. Ganz ungeschickt war er ja nicht - als Architekturzeichner. Als er sich 1907 an der Akademie der bildenden Künste in Wien bewarb, hatte der Prüfer zu bemängeln, dass Hitler außer Bauwerke "wenig Köpfe" gezeichnet hatte. Er vermisste Menschen auf dem Bild. Was Hitler ablieferte, war nicht lebendig genug.

Eine nette Petitesse in der Persönlichkeitsentwicklungsgeschichte ist ein Notenblatt. Hitler wollte eine Oper komponieren. Er verehrte bekanntlich Richard Wagner, und er konnte nicht genug haben von deutscher Mythologie. Aber er konnte keine Noten schreiben. Also diktierte er seinem Wiener Wohngefährten August Kubizek, wie es klingen sollte.

Das Notenblatt mit dem Titel "Wieland Vorspiel - nach Motiven von Adolf Hitler" ist wie andere Exponate aus Kubizeks Nachlass in dieser Ausstellung erstmals zu sehen. Hitler wollte aus der mittelalterlichen Heldensage "Wieland der Schmied" eine Oper machen - und scheiterte natürlich.

Im Leben des Adolf Hitler reiht sich eine Schlappe an die nächste. Impulsiv probiert er ein Projekt nach dem anderen aus. "Realiter schwankt er zwischen einem regsamen Dilettantismus mit geradezu fiebrigen, wenn auch ziellosen Aktivitätsschüben und einem undisziplinierten Dahintreiben", schreibt Leidinger im Buch zur Ausstellung, das kein Katalog ist, sondern eine aus Quellen geschöpfte Studie in 18 Abschnitten. Viele ihrer Befunde gleichen die Autoren mit "Mein Kampf" ab.

Solche Möchtegern-Künstler hatte es zuvor gegeben und es wird sie immer geben. Das aus heutiger Sicht Auffallende an diesem Provinzrevoluzzer ist die Ausrichtung: Der Teenager Hitler verschließt sich der Moderne, er haftet allein an der alt hergebrachten Ästhetik. Doch statt aufzugeben und sich in eine adäquate Postkartenmalerrolle zu fügen, rückt er immer in die nächste Herausforderungsstufe vor.

Maler, Architekt, Stadtplaner: Wenn er etwas angepeilt hat, geht's nicht mehr drunter. Leidenschaft und Wille - mehr braucht ein Genie in seinen Augen nicht. Kategorien wie Fleiß oder Beharrlichkeit kennt er nicht. Und er hat kein Mädchen, das ihn hier einbremsen und dort anstoßen würde. Keines interessiert sich für ihn.

Aber woher hat Hitler seinen Deutschtums- und Arierwahn und seinen Antisemitismus? Zum Beispiel von Sepp Steurer. Oder von Karl Lueger. Steurer achtete in seiner Linzer Buchhandlung auf ein radikal-völkisches Sortiment. Auch Billets für völkische Propagandaabende verkauft er.

Auch wenn Hitler diesen Steurer nicht in "Mein Kampf" erwähnte - dieser Laden dürfte ihn interessiert und womöglich auch geprägt haben. Lueger wiederum, der Bürgermeister von Wien in den Jahren 1897 bis 1910, zählte zu den Protagonisten des österreichischen Antisemitismus.

Ausstellung: "Der junge Hitler. Prägende Jahre eines Diktators", Museum Niederösterreich

Hitler war sehr interessiert an Architekturdarstellungen. Die Zeichnung verrät eher ein mäßiges Talent dazu.

(Foto: Nachlass August Kubizek in Kooperation mit dem DÖW)

Ein Abschnitt dieser Ausstellung ist eine Moralstudie der vorherrschenden Wiener Gesinnungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Hitler erstmals in die Stadt kam. Ein Panoptikum von christlich bis sozialistisch - alles von antisemitischer Haltung durchsetzt.

Am Ende der Ausstellung, wenn Hitler Wien den Rücken kehrt und sich nach Bayern verabschiedet, wünscht man sich, dass es ganz am Anfang anders gelaufen wäre mit der Familie Hitler. Dass Hitlers Vater Alois, ein geborener Schicklgruber, nicht von einem Herrn Hitler adoptiert worden wäre. Dann wäre der kleine Adolf als Schicklgruber aufgewachsen. Oft ist schon spekuliert worden, es wäre vielen Deutschen zu blöd gewesen, laut "Heil Schicklgruber" zu schreien. Da könnte etwas dran sein.

Der junge Hitler. Prägende Jahre eines Diktators. 1889 - 1914. Haus der Geschichte, Museum Niederösterreich, St. Pölten. Bis 24. Januar. Begleitbuch von Hannes Leidinger und Christian Rapp (Residenz-Verlag, 254 Seiten), 24 Euro.

© SZ vom 01.07.2020/tmh/odg
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