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Architektur:Bis zum Vergessen zeitlos

Der Siegerentwurf schlägt eine Gliederung in drei Bauten vor, hier die Ansicht vom Hof samt Blumenwiese, wie sie idyllischer, familienfreundlicher und vergesslicher kaum denkbar ist (Marte. Marte Architekten).

(Foto: AP)

Hitlers Geburtshaus wird zur Polizeistation umgebaut. Problematischer ist aber der Architekturwettbewerb - er hat die Fragen des Umgangs mit NS-Geschichte versimpelt.

Von Gerhard Matzig

Wenn ich denke, dass wir hier in Händen halten, was er damals in seinen Händen hielt ..." In der Satire "Schtonk!", in der es um die gefälschten Hitler-Tagebücher geht, fällt die Rolle des Clowns einem Verleger zu. Mit den frei erfundenen Tagebüchern in den Händen (so soll Hitler zur Eröffnung der Olympischen Spiele 1936 notiert haben: "Hoffentlich bekomme ich für Eva noch Karten!"), sagt der Mann, halb abgestoßen, halb fasziniert, es wehe ihn schon so etwas an, "so ein Eishauch der Geschichte".

Es ist dieser Eishauch der Geschichte, vor dem man sich an Hitlers Geburtsort Braunau am Inn ängstigt. So sehr, dass der jüngst entschiedene österreichische Architektenwettbewerb zum Umbau von Hitlers Geburtshaus auf fatale Weise zur Therapie gegen Angststörungen aller Art missverstanden und verbogen wird. Angst ist aber, wie man nun angesichts der fragwürdigen Wettbewerbsergebnisse sieht, kein guter Ratgeber im Umgang mit Geschichte. Es nutzt nichts, sie zu entsorgen - man muss sie bewältigen.

In dem unglücklich berühmt gewordenen oberösterreichischen Städtchen im Innviertel wurde Adolf Hitler 1889 geboren. Auf Google Maps ist zu sehen, dass "Hasan's Kebap" und "Jia's Asia Tisch" nah sind. Im Buch "Er ist wieder da" hätte diese schockierende Erkenntnis von anti-arischen Gastro-Umtrieben eine Schlüsselszene sein können. Braunau ist zwar die Stadt einer monströsen Ausgeburt des Faschismus, aber es ist deshalb noch lange kein Hotspot wiederkehrender Rechtsradikalität. Auch wenn die Grenzstadt seit dem Krieg immer wieder mal von den üblichen NS-Eishauch-Pilgern heimgesucht wird, die auch am Obersalzberg in den bayerischen Alpen, am Königsplatz in München oder im Berliner Olympiastadion zu sichten sind wie eine hoffentlich bald aussterbende lurchartige Untergattung. Die baulichen Hinterlassenschaften sind jedenfalls ein seit jeher schweres Erbe in Stein. Der Umgang damit ist bis heute umstritten.

Was sollte aus dem Haus werden? Jugendbegegnungsstätte? Museum? Künstlerateliers?

Das gilt in besonderer Weise für das "Biedermeierhaus im Kontext der Braunauer Altstadt". Seit sich das Ensemble - es handelt sich um einen ehemaligen Braugasthof mit Nebengebäuden und Wohnungen aus dem 17. Jahrhundert - im Staatseigentum befindet, seit 2017, gab es in Braunau und weit darüber hinaus immer wieder Debatten um die Neunutzung, vor allem aber auch um die Neuinterpretation der Architektur. Unter Historikern ist übrigens umstritten, ob der spätere Diktator im bestehenden Haupthaus oder in den schon lange ruinösen Nebengebäuden geboren wurde. Fest steht: Hitler lebte hier nur für kurze Zeit, als Säugling und Kleinkind. Auch das Unvorstellbare kann man sich seit Hannah Arendts Sentenz von der Banalität des Bösen windeltragend und am Daumen nuckelnd vorstellen. Schon deshalb ist die Sehnsucht nach Normalität, auch wenn sie verständlich ist, kein geeignetes Motiv für den nicht nur architektonisch, sondern auch gesellschaftlich gelingenden Umbau von Hitlers Geburtshaus.

Jahrelang wurden für das Haus, das vor Hitler eine Wirtschaft war, in der NS-Zeit eine Führerkultstätte und danach eine Behinderteneinrichtung, alle möglichen Nutzungsvarianten diskutiert. Eine Jugendbegegnungsstätte konnte man sich vorstellen, ein Museum oder auch Künstlerateliers. Der damalige österreichische Innenminister plädierte gar für den Abriss als "sauberste Lösung".

Hitlers Geburtshaus in Braunau am Inn.

Die Idee, aus Hitlers Geburtshaus ein Mahnmal mit Bäumen zu machen, ist verblüffend (Kabe Architekten, Wien und Springer Architekten, Berlin).

(Foto: Springer Architekten)

Letztes Jahr einigte man sich auf die Umwidmung des Baudenkmals, das eben auch ein Mahnmal sein könnte, zur Polizeistation. Ausgerechnet. Eine Kommission hatte zuvor dazu geraten, in dem Bau eine "lebensbejahende Organisation" unterzubringen. Ja, die Polizei kann eine Demokratie bejahen und verteidigen. Aber die Polizei kann auch in einem Polizeistaat wirken. Offenbar verband sich mit der Wahl der neuen Mieter die Hoffnung, die Polizei könne an solchem Ort fürderhin effizient unterbinden, dass das Haus doch noch zur Pilgerstätte der Vorgestrigkeit wird. Kann sein. Man wird es sehen.

Fragen des Umgangs mit NS-Geschichte werden versimpelt

Problematischer als die Umnutzung ist die Wettbewerbsauslobung: "Durch die äußerliche Umgestaltung des Bestandsgebäudes soll die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus beseitigt (...) werden." Das gilt explizit für das "bejahende Gedenken an den Nationalsozialismus", unglücklicherweise schließt es aber auch das reflektierende Nachdenken über den Ort aus. Nicht nur die Erinnerung will man "beseitigen", auch der Ort als Ort des Erinnerns wird "neutralisiert". Braunau, spätestens seit Kriegsende und Kapitulation am Hitler-Geburtsort-Dasein leidend, ist seiner Geschichte, die nicht nur die des Diktators ist, seltsam müde. Viel Wert legt die denkwürdige Auslobung auf Fragen ökologischer Bauweise. Fragen des Umgangs mit NS-Geschichte werden versimpelt.

Gewonnen hat den Wettbewerb das angesehene Vorarlberger Büro "Marte. Marte Architekten", geführt von den Brüdern Bernhard und Stefan Marte. Nach Ansicht der Jury, die den Entwurf einstimmig zur Realisierung empfiehlt, hat der Entwurf "die Kraft des Einfachen" - "Umso einfacher sich das Gebäude darstellt, desto weniger wird es Aufmerksamkeit erregen."

Merkwürdiger Trend: Hitlers Münchner Wohnsitz ist heute auch ein Polizeiquartier

Genau das ist das Defizit einer Architektur, die nicht nur zeitgemäß "zeitlos", sondern auch vergessend geraten ist. Weshalb das Haus auch eine gut gestaltete Sparkassenfiliale sein könnte. Das Problem: Ob Polizeistation oder Sparkassenfiliale, ob architektonisch stimmig oder nicht: Es ist immer noch der Ort, an dem Hitler geboren wurde. Jeder Versuch, diese Tatsache zu ignorieren, muss eine Architektur hervorbringen, die ignorant ist.

Bemerkenswert zeichenhaft in diesem Zusammenhang ist ein gemeinsamer Entwurf (Kabe Architekten, Wien und Springer Architekten, Berlin), der mit einem verlegenen Sonderpreis gewürdigt wurde, obschon (oder weil) er alle Wettbewerbsvorgaben souverän von sich weist. Das Juryprotokoll vermerkt dazu: "Dieses Projekt wurde intensiv und kontrovers diskutiert." Man sollte diese Diskussion fortsetzen, denn die Idee ist es wert. Die Architekten aus Wien und Berlin schlagen vor, das historische Gemäuer mit Erde aufzufüllen und Hitlers Geburtshaus in ein nicht zugängliches Wäldchen zu verwandeln. Auf der Computersimulation entwachsen dem Hausdach Bäume, die himmelwärts streben. Die Polizei befände sich in einem schlichten Holzneubau im hinteren Teil des Grundstücks. Die eigentliche Idee ist die des Waldwerdens, die man lebensbejahend nennen kann. Zudem hätte eine solche Architektur, halb Kunstwerk, halb Mahnmal, den Vorzug, auf sich aufmerksam zu machen. Nicht, um nach Braunau am Inn zu pilgern in Erwartung einer architektonischen Reliquie, sondern in der Hoffnung, dort einen Ort zum Denken anzutreffen. Jörg Springer sagt: "Man kann die Geschichte nicht entsorgen." Man kann sie aber bewältigen.

Von München aus ist es gar nicht so einfach, über die Umwidmung von NS-Orten zu befinden. Dort, am Prinzregentenplatz, wo Hitler einst in seiner Mietwohnung am offenen Fenster mit dem Expander den stundenlangen Führergruß trainierte und wo es, nach den Erinnerungen von Albert Speer, eine Einrichtung "kleinbürgerlichen Zuschnitts" gab (gestickte Kissen, Wagner-Büste, "säuerlicher Geruch"), ist nach dem Krieg was eingezogen? Genau. Eine Polizeistation.

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