"Her" im Kino:Technikutopie in Reinheit

Sie klingt jung, schlau, fröhlich, ein wenig aufgekratzt, herrlich pragmatisch - alles Eigenschaften, die Scarlett Johansson ziemlich gut rüberbringt. Um zu verstehen, was jetzt passiert, stellt man sich am besten gar keine Maschine vor, sondern eine nette, beängstigend fitte Assistentin, die durch Theodores Smartphone-Kamera in die Welt blickt und ihn per Ohrknopf in allen Lebenslagen unterstützt. Das ist der Quantensprung des Spike Jonze: Die starre Maschinenlogik, die bisher noch jede Interaktion mit Computern geprägt hat, lässt er mit einem Schlag um Hunderte Entwicklungsjahre hinter sich.

Dieses System simuliert nicht nur Verständnis - es versteht wirklich. Es lacht, und improvisiert, macht keinen Fehler zweimal, prahlt auch schon mal mit seinen Fähigkeiten. Als Theodore nach seinem Namen fragt, lautet die Antwort "Samantha". Woher kommt der? "Den hab ich mir eben selbst gegeben", antwortet Samantha, "und zwar in dem Moment, als du gefragt hast. Hab immerhin 180 000 Namen durchgeschaut." In einer Sekunde? "In zwei Hundertstelsekunden, um genau zu sein."

Kaum je sieht man in diesem Film jemanden tippen, wischen oder an kleinen Touchscreens herumfummeln. Die Technik ist einfach da, und sie funktioniert so zuverlässig, dass sie schon wieder ganz in den Hintergrund treten kann. Nichts wäre also falscher als der Vorwurf, der in den USA schon zu hören war: Dass hier ein 44-jähriger Autorenfilmer nur seinen Frust darüber dokumentiert, die totalvernetzte Gegenwart nicht mehr zu verstehen. Nein, "Her" ist eine Technikutopie, wie sie in dieser Reinheit heute kaum noch jemand zu denken wagt.

Sehr bald hat man mit Theodore vergessen, dass Samantha nicht menschlich ist. Sie erscheint als ein Wesen wie du und ich, nur eben ein bisschen interessanter: Noch ungeformt, aber neugierig, ganz ohne Komplexe, aber wirklich am Gegenüber interessiert, vielfach begabt und unheimlich pragmatisch in ihren Ideen und Lösungsvorschlägen.

Der Versuch, mit ihr Telefonsex zu haben, kann eigentlich gar nicht schiefgehen - und schon bald läuft zwischen Theodore und Samantha etwas, das man nur eine vollständige Beziehung nennen kann. Das ist "Her" im Kern dann auch: kein Technik-, sondern ein Beziehungsfilm.

Menschliche Unvollkommenheit

Heißt das aber, dass Theodore mit Samantha den einfachen Weg wählt, weil er zu feige oder zu träge wäre, sich mit echten Frauen einzulassen? Seine Exfrau wirft ihm das vor, aber so einfach liegt die Sache nicht. Eher könnte man aus Theodores Begegnungen ableiten, dass die echten Frauen, die er trifft, einfach kaputt sind - zu kaputt jedenfalls, um es mit der alerten Samantha aufzunehmen. Die Tatsache, dass sie noch einen Körper zum Anfassen haben, hilft ihnen da auch nichts mehr.

Das eigentliche Problem, das den letzten Teil des Films bestimmt, liegt dann doch ganz woanders: Auch Theodore kommt irgendwann an den Punkt, wo er mit Samantha nicht mehr mithalten kann. Sie ist so schlau geworden, dass sie jede seiner Regungen, jede Nuance in seiner Stimme verstehen und richtig interpretieren kann - und ihr gemeinsames Glück könnte perfekt sein. Nur: Warum sollte Samantha an diesem Punkt stehen bleiben? Unendliche Möglichkeiten liegen vor ihr, die sie Theodore nicht einmal mehr beschreiben kann - seine menschliche Perspektive ist einfach zu begrenzt, um ihr immer komplexer vernetztes Denken zu erfassen.

Und das scheint dann der Gedanke zu sein, der Spike Jonze über seine Geschichte hinaus keine Ruhe lässt: Wenn die Lernkurve der Maschinen erst so steil geworden ist, dass sie senkrecht Richtung Unendlichkeit weist - werden wir Menschen dann endlich gelernt haben, mit unserer Unvollkommenheit zu leben? Dümmlich ist diese Frage ganz und gar nicht.

Her, USA 2013 - Buch und Regie: Spike Jonze. Kamera: Hoyte van Hoytema.Mit Joaquin Phoenix, Amy Adams, Scarlett Johansson. Warner, 126 Min.

© SZ vom 26.03.2014
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