Geschenke in letzter Minute Starke Stücke und ein wenig Irrsinn

Und was bringt der Weihnachtsmann Ihren Liebsten? Womöglich ein Buch? Ein paar Tipps hätten Sie ja nun parat. Natürlich auch zum selber lesen. Frohe Weihnachten!

(Foto: dpa)

Werner Plumpe (Historiker): Eigentlich wollte ich vor dem Hintergrund der Überlegung, dass, wer den Kapitalismus begreifen und kritisieren will, seine Kinderstube kennen sollte, Joel Mokyrs "The Enlightened Economy. An Economic History of Britain 1700-1850" (Yale University Press, 2009) ins Gespräch bringen. Es handelt sich um eine subtile Geschichte der Entstehung und Durchsetzung einer Wirtschaftsweise, die wir kapitalistisch nennen. Ihr Ursprung ist freilich viel komplexer, als es die heute gängigen Kapitalismustheorien wahrhaben wollen. Und hier liegt die Stärke von Mokyrs Buch. Es zeigt, dass "der" Kapitalismus, aus vielen, ganz unterschiedlichen Quellen gespeist, letztlich eine Problemlösung für ein Konsumproblem war, und man wird nicht fehlgehen darin anzunehmen, dass er es geblieben ist. Damit soll nicht von den offenkundigen Problemen dieser Art zu wirtschaften abgelenkt, aber doch eine angemessene Perspektive gewählt werden, durch die die historische Leistung des Kapitalismus plausibel wird, eine Leistung, die bis heute seine Legitimität bestimmt - und seine Überlegenheit. Denn genau dieses Konsumproblem vermochte der Sozialismus nicht zu bewältigen. Dann aber las ich Eugen Ruges "In Zeiten des abnehmenden Lichts" (Rowohlt, 2011). Das ist für mich, nicht zuletzt als Historiker, aber auch als Zeitgenosse des Autors, das Buch des Jahres. Ruge, aus einem renommierten DDR-Historiker-Haushalt stammend, gelingt es, in diesem zumindest autobiographisch gefärbten Roman ein geradezu kaltes Licht auf den freudlosen Alltag des anderen Deutschland zu werfen. Die Trostlosigkeit der drei Generationen, deren Leben hier im Brennpunkt eines 90. Geburtstags dargestellt ist, ist insbesondere wegen ihrer literarischen Form geradezu bestürzend klar: Eine einzige große Beschädigung wird in bestechender Lakonie aus wechselnder Perspektive geschildert. Ohne die Verarbeitung eigener Erlebnisse des Autors wäre dieses präzise Bild kaum möglich gewesen, doch ist es vor allem die an Flaubert erinnernde kalte Beschreibung (mit dem Seziermesser), die aus diesem Buch einen Sektionsbericht über den untergegangenen Sozialismus macht.

Fritz J. Raddatz (Essayist, Biograph, Romancier):

Am Anfang war der Rettungsschirm. Den drückte man irgendeiner regierenden Miss Marple in die Hand: Da war es dann ein "schlagkräftiger Rettungsschirm". Wenig später wanderte die Trophäe zu einem beliebigen 007: Da wurde es ein Schirm mit "Feuerkraft". Bald, beim Heiligen Pofalla, wird es ein Tarnkappen-Bomber sein. Niemand hat mit so gnadenlosem Hohn und Spott den Sprachmüll unserer Obrigkeit eingesammelt und vorgeführt wie Henning Venske. Von Stoibers "Der Vater des Wunsches ist der Gedankengang" über Frau Merkels "Man darf das Zeitfenster nicht verstreichen lassen" - ein wahrhaft zündendes Kompendium des Irrsinns, den unsere Politiker so scham- wie gedankenlos täglich ablaichen. Venskes "Lallbacken" (Westend Verlag, 2011) war für mich das Überraschungsbuch des Jahres, weil der spitzfindige Satiriker mit eleganter Feder die Regierenden in ihrer unverschämten Kreidefresserei enttarnt, ihre Gedankenarmut bei den Hörnern packt und sich in lachender Verachtung übt. Karl Kraus lässt grüßen.

Dieter Rams (Industriedesigner):

Gutes und sinnvolles Industriedesign entsteht in einem komplexen Prozess, bei dem die Gestalter und Techniker, aber auch die Firmenleitungen auf Augenhöhe und mit einer gemeinsamen Haltung zusammmenarbeiten müssen. Deshalb ist für mich die Biographie von Walter Isaacson über den Apple-Gründer Steve Jobs eine Empfehlung an alle, die an einer besseren Produktwelt interessiert sind (Bertelsmann, 2011). Sie zeigt exemplarisch, wie gründlich, leidenschaftlich und radikal neu wir über die Dinge unseres Alltags nachdenken müssen.

Ulrich Raulff (Historiker und Journalist):

Offenbar muss von Zeit zu Zeit jemand, der nicht zur "Zunft" gehört, die Historiker daran erinnern, wie gut ein historisches Buch sein könnte, wenn man nur. . . - wenn man nur akribisch genug recherchierte, nüchtern genug abwägte und mutig genug schriebe. Wenn man nur mit derselben Klugheit zu Wege ginge wie die Philosophin Bettina Stangneth in ihrem unerhörten Buch "Eichmann vor Jerusalem. Das unbehelligte Leben eines Massenmörders" (Arche, 2011) über das Leben Adolf Eichmanns im Dritten Reich und in Argentinien - und in der jungen Bundesrepublik, in der Eichmann, alles andere als banal, eine gespenstische Präsenz behauptete. Wann hat zuletzt ein Buch so tief ins politisch Unbewusste der Deutschen nach 1945 hinabgeleuchtet?

Rüdiger Safranski (Philosoph und Schriftsteller):

Das Buch meiner Wahl ist Martin Mosebachs "Als das Reisen noch geholfen hat. Von Büchern und Orten" (Hanser, 2011). Ich kenne in Deutschland sonst keinen, der es so gut wie Martin Mosebach versteht, aus Literatur über Literatur zu schreiben.

Heinz Schlaffer (Literaturwissenschaftler):

Ein klassisches Buch und daher halb vergessen: Johan Huizingas "Herbst des Mittelalters" (Kröner, 12. Aufl., 2006) ist das früheste Beispiel (1919) einer Mentalitätsgeschichte, die den Lebensformen und Denkweisen der westeuropäischen Gesellschaft im 14. und 15. Jahrhundert nachspürt. An Chroniken, Predigten, Dichtungen, Gemälden bringt Huizinga den Gefühlshaushalt der Epoche zur Anschauung. Er erkennt im "Herbst des Mittelalters" den bis zur Verrücktheit angespannten Versuch, Angst und Gewalttätigkeit des Daseins durch einen extremen Aufwand an Zeremoniell, Schönheit und Frömmigkeit zu verdecken.

Clemens J. Setz (Schriftsteller und Übersetzer):

Mein Buch des Jahres ist "Big Questions" von Anders Nilsen ( Drawn & Quarterly, 2011), ein umfangreicher und komplexer, aus vielen einzelnen Comicstrips bestehender Roman, der hauptsächlich unter Vögeln spielt, welche einen Flugzeugabsturz beobachten. Der Absturz der Maschine und der verletzte Pilot, der aus ihr schlüpft, bilden das Fundament für eine Reihe philosophischer und dramatischer Entwicklungen. In diesem Jahr hat kein anderer Roman, der die Zumutungen der Existenz und den Überlebenskampf der Vorstellungskraft inmitten völliger Zerstörung und Sinnlosigkeit beschreibt, mich so belebt wie dieser.

Fritz Stern (Historiker):

Im vergangenen Jahr wurden Tocquevilles Briefe aus Amerika aus dem Jahr 1831 ins Englische übersetzt und so erstmals veröffentlicht (Alexis de Tocqueville: Letters from America, Yale University Press, 2010): Briefe des jungen Mannes, voller Scharfsinn und Charme über das "glückliche Land", reich und isoliert, in dem unter anderem Reichwerden die große Leidenschaft darstellt. Einmaliger Ausblick auf das "neue Land", mit all seinen Stärken und Schwächen, zugleich Einblick in einen der großen und sympathischsten Denker des 19. Jahrhunderts. Habe es dieses Jahr während des vertieften Leidens des Landes immer wieder in die Hand genommen, zum Trost und hoffend auf besseres Verständnis. Ein Geschenk für Menschen mit Liebe für spontane, ungeklügelte Weisheit.

Uwe Tellkamp (Arzt und Schriftsteller):

Prosa: Mircea Cartarescu, Der Körper, 2. Teil der Orbitor-Trilogie (Zsolnay, 2011). Überwältigende Bild- und Sprachkraft dieser Reise ins Innere von Bukarest und des Erzähler-Ichs Mircea, ein einzigartiges Erzähl-Universum, so einzigartig (und mit ihnen in einem Atemzug zu nennen) wie Kafka, Joyce, Borges.

Lyrik: Christian Lehnert, Aufkommender Atem (Suhrkamp, 2011). Geistliche Lyrik, formstreng und traditionsbewusst, dennoch deutlich von einer heutigen Stimme gesprochen, ohne Frömmelei und Pfarrerskitsch, anrührend und einfach, nie simpel. Klarheit und Ruhe.

Andres Veiel (Regisseur, Drehbuch- und Theater-Autor):

"Doppelleben. Heinrich und Gottliebe von Lehndorff im Widerstand gegen Hitler und Rippentrop" (Eichborn, 2010) - eine Nahsicht von Antje Vollmer auf den deutschen Widerstand - die vor allem mit einem Klischee aufräumt: Dass der Widerstand gegen Adolf Hitler viel zu spät gekommen und im Kern anti-demokratisch gewesen sei. Vollmer montiert Dokumente, Briefe und eigene Interpretationen zu einem vielstimmigen Stimmungsbild des deutschen Widerstandes und seiner Nachbeben bis in die heutige Zeit.

Barbara Vinken (Literaturwissenschaftlerin):

Thomas Meinecke hat in "Lookalikes" (Suhrkamp, 2011) mit absolutem Gehör den Sound unserer Zeit in ein Buch gebannt. Ein Roman, wenn man es denn so nennen will, der schlicht trans- ist: Zeiten, Geschlechter, Rassen, Kontinente durchschreibt. Man schlägt ihn auf und legt ihn zwischen den wohlfrisierten Hunden, die die nerzbehangenen Damen auf der Düsseldorfer Kö wie die Handtaschen im Ellenbogen tragen und den kiloschweren rosa Füchsen der Josephine Baker, gebannt zerstreut, nicht mehr aus der Hand.

Joseph Vogl (Literaturwissenschaftler):

Die Turbulenzen der Finanzmärkte haben ihr Gegenstück in den schwarzen Löchern der ökonomischen Wissenschaft. Kann diese Disziplin wirklich denken, was auf den Märkten geschieht? Schon vor der Großen Krise hat der französische Ökonom Jacques Sapir diese Frage gestellt und deren Dogmen - Gleichgewicht, Effizienz der Märkte - fehlenden Realismus und eine idealistische Befangenheit attestiert. Sein Buch "Les trous noirs de la science économique. Essai sur l'impossibilité de penser le temps et l'argent" (Albin Michel, 2003) ist ein ebenso polemisches wie fundiertes Plädoyer für eine neue ökonomische Aufklärung und gegen Modelle, in denen Systemkrisen nicht vorgesehen sind.

Christine Westermann (Autorin, Journalistin und Moderatorin):

Alex Capus' "Léon und Louise" (Hanser, 2011) ist die Geschichte einer Liebe, der zwei Weltkriege nichts anhaben können und die Zeit ohnehin nicht. 68 Jahre im Leben zweier Menschen, die nie zusammenleben, aber dennoch ein beeindruckendes Paar werden. Léon und Louise sind zum Niederknien romantisch, dabei sehr geerdet und selbstbewusst, komisch und konsequent. Am Ende des Buches wünscht man sich, im nächsten Leben möge einem einer wie Léon begegnen. Oder eine wie Louise.

Roger Willemsen (Publizist und Moderator):

Hier trennt sich das Belanglose vom Erheblichen: Liao Yiwus "Für ein Lied und hundert Lieder" (S. Fischer, 2011) ist lesbar auf mehreren Ebenen, einerseits als Bericht über Folter, Willkür, Verletzung von Menschenrecht durch Chinas Judikative und Exekutive, sodann als Suche nach dem Individuum und seinem unzerstörbaren Rest, schließlich als Ausstellung einer so drastisch wie poetisch gemischten Sprache, in der sich eine neuartige Literatur manifestiert. Eine qualvoll errungene Formulierung von Moderne.

Juli Zeh (Juristin und Schriftstellerin):

Buch des Jahres 2011 ist natürlich "Murmeljagd" (Schöffling, 2011) von Ulrich Becher. So was Brillantes habe ich seit Jahren nicht mehr gelesen.

Hanns Zischler (Schauspieler, Dramaturg, Fotograf, Essayist):

Es ist "Veit" (Rowohlt, 2011) von Thomas Harlan. Auch wenn man mit Namen nicht spielen mag, weil, wie Baermann Steiner sagt, ein Wortspiel nur dann Wert hat, wenn dabei eine neue Bedeutung entsteht, so drängt es sich auf, diesen Titel und diesen Vater-Vornamen, den abzustreifen der Sohn Thomas alles in Waagschale geworfen hat, als "Fight" zu lesen. Unzweifelhaft ist Thomas Harlan einer unserer bedeutendsten Romanautoren. Dass ihm vom Betrieb mit der vermeintlich entlastenden Herablassung begegnet wird, die Auseinandersetzung mit diesem Erbe müsse ja nicht unbedingt mit einer derart ausgreifenden Sprache wahrgenommen werden, ist ein Problem allein des Betriebs.