Süddeutsche Zeitung

Geschenke in letzter Minute:Die besten Bücher des Jahres 2011

Jetzt aber hurtig: Wer noch auf den letzten Drücker nach einem Weihnachtsgeschenk sucht, dürfte in unseren Buchtipps fündig werden. 52 Dichter und Denker, Künstler und Intellektuelle empfehlen ihre Lieblingsbücher - von Elke Heidenreich über Roger Willemsen bis zu Juli Zeh. Ein Überblick.

Geschenke in letzter Minute gefällig? Die Feuilleton-Redaktion der Süddeutschen Zeitung hat 52 Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle gefragt: Was war Ihr Buch des Jahres 2011? Und warum war es so wichtig? Die meisten Bücher stammen aus dem Jahr 2011, einige wenige sind älter - und trotzdem gerade aktuell. Viel Spaß beim Schmökern und Schenken!

Das Lieblingsbuch von Jan Assmann (Ägyptologe, Religions- und Kulturwissenschaftler):

Mein Buch des Jahres 2011 ist "Krieg und Frieden" von Tolstoi in der neuen Übersetzung von Barbara Conrad (Hanser, 2010), die zum ersten Mal die Vielstimmigkeit dieses Epos zum Ausdruck bringt. Die zwei Bände haben mich zwei Wochen lang begleitet, die ich unter teilweise sehr lästigen Umständen in einer Klinik verbringen musste, und mich bei Tag und bei Nacht derart in die erzählte Welt entführt, dass ich an diese Zeit mit ganz besonderem Vergnügen zurück denke. Wo sonst in der Weltliteratur gibt es ein Werk, das Fiktion und Geschichte so ergreifend miteinander verbindet?

Dirk Baecker (Soziologe):

Mein Buch des Jahres ist David Simons "Homicide - Ein Jahr auf mörderischen Straßen" (Kunstmann Verlag, 2011). Es ist das Porträt einer Behörde, die in Baltimore, Maryland, einer der rauesten Städte der USA, Mordfälle aufzuklären hat. Präzise recherchiert, zeigt es, wie es einer Behörde gelingt, Beamten, die mit dem Alltag des Verbrechens konfrontiert sind, mit einem bürokratischen Alltag zu Hilfe zu kommen. Eine exemplarische Studie in Sachen Organisation und Management.

Ulrich Beck (Soziologe):

Während Europa, von Mutlosigkeit gelähmt, an sich selbst zweifelt und verzweifelt, bleibt es eine Verheißung für die da draußen am unteren Ende der Welthierarchie, so wie früher Amerika für verarmte und verfolgte Europäer. Die Flüchtlinge und Migranten sind Symbol für eine umfassende Entwicklung: Das Andere und die Anderen, Armen, Ausgeschlossenen sind nicht nur neben uns, sondern bei uns, manchmal sogar in uns. Dies zeigt sich alltäglich in Fernliebesbeziehungen und Weltfamilien, an der philippinischen Pflegerin der Oma, an den radikal ungleichen Konsequenzen des Klimawandels und der Finanzrisiken, ja, sogar an der Transplantationsmedizin, der die Ausgeschlossenen der Welt - Flüchtlinge, Obdachlose, Straßenkinder, Migranten ohne Papiere, Häftlinge, alternde Prostituierte, Zigarettenschmuggler und Diebe - Teile ihres Körpers liefern. Das Schicksal von Bewohnern der Wohlstandsregion ist gekoppelt mit dem Schicksal von Bewohnern der Armutsregionen. Für beide Gruppen geht es um Existentielles im Wortsinn, um Leben und Überleben. In "The Haves and the Have-Nots" (Basic Books, 2011) befreit Branko Milanovic den Blick auf dieses Ineinander der ungleichen Welten von seinen nationalstaatlichen Bornierungen. Und dem Autor gelingt dies in einer Mischung von Wissenschaftlichkeit und Anekdote, die im deutschsprachigen Raum ganz, ganz selten geworden ist.

Karin Beier (Theaterregisseurin und Intendantin):

Sie sind zwar aus dem vergangenen Jahr, schafften es aber erst jetzt auf meinen Nachttisch aus dem Stapel der ungelesenen Bücher, Manuskripte und Kladden, die Theatermenschen immer drohend bis leicht beleidigt aus den Regalen anstarren: Fritz J. Raddatz' "Tagebücher: 1982-2001" (Rowohlt, 2010). Neben ihrem literarischen Wert lege ich diese Ergüsse der Diva des Feuilletons jedem ans Herz, der einen brillanten Sparringspartner sucht, um sich einzuüben in Sottisen, Finten und Ausfällen und zugleich davor zu wappnen. All jenen, die im Haifischbecken schwimmen müssen, in dem jeder erst dann auspackt, "wenn die Gäste weg sind", bis er schließlich ganz alleine ist. Raddatz erzählt die Geschichte der Kulturindustrie anhand der beiden Jahrzehnte, die auch mich geistig geprägt haben, und ist so scharfzüngig und skelettierend, dass all diese Aufzeichnungen ein grandioses Nichts wären, wenn er vor sich selbst halt machte. Und da liegen dann auch die Kurzweil und die Tragödie so nah beieinander, dass der Inhalt seiner Tagebücher außerhalb des Lockendrehens auf der Glatze, der Indiskretionen und Anekdoten über Kulturprominenz und Dandytum zu einer Reflektion über den eigenen Ehrgeiz und Vergänglichkeit wird, die ethisch weit über die beschriebenen Ereignisse hinausreicht. Und das in einer knappen Sprache, die immer wieder wie Feuerwerkskörper zündet, brutal bösartig jauchzend und unendlich traurig zugleich. Und es schärft den Wunsch, bei allem Respekt, nie so zu werden.

Horst Bredekamp (Kunsthistoriker):

Abgestoßen von den Geißelschwüngen einer Angst, die Bürger vor einer geheim agierenden Hochfinanz tanzen lässt, und ermüdet von dem hiermit einhergehenden Konformismus des Negativen, ist für mich "New Pott. Neue Heimat im Revier" (Christoph Keller Editions, 2011) das Buch des Jahres. Es ist human - und darin rebellisch. Herausgegeben von dem Künstler Mischa Kuball und dem Soziologen Harald Welzer, zeigt es in berührenden Aufnahmen und Interviews die hoffnungsvolle Düpierung aller Erwartungen, Urteile und Vorurteile. Inmitten der Bedrückung, die das Fremdsein grundsätzlich bedeutet, werfen Zugereiste den Deutschen vor, den Habitus der Ausländer zu stark angenommen zu haben, zürnen Moslems, dass Deutsche mit dem Christentum die Transzendenz verloren haben und bekunden Immigranten ihre Bewunderung für die Verkehrsmittel, ihre Liebe zur Landschaft, ihr Glück, deutsche Freunde gefunden und ihr Vergnügen, den ersten Schnee erlebt zu haben. Es sind keine Weihnachtsgeschichten, sondern 100 assoziative Momentaufnahmen über das Leben als Prozess von Überraschungen, aus denen die Stabilität einer neuen "Heimat" entstehen kann: das Ruhrgebiet als Modell dessen, was New York als melting pot zu sein versprach. Das Buch handelt nur von einer Region. Aber es wendet sich gegen jene Art der Freiheitsberaubung, die von einer allgegenwärtig gesteuerten Lebensangst ausgeht.

Jan Peter Bremer (Schriftsteller):

Wer die Lust und den Mut hat, einen neuen Planeten zu betreten, wer bereit dazu ist, sich herauszufordern und gleichzeitig empfänglich dafür, sich berauschen zu lassen, wer die eigenen Gedanken mal in glühend heiße Luft werfen möchte, um sie dann neu geschmiedet wieder aufzufangen, dem empfehle ich den Essayband "Textleben" (S. Fischer, 2011) von Michael Lentz. Ein Buch nicht nur über Literatur, sondern über die innersten Bewegungen des Lesens und Schreibens selbst, ein Buch für Insider natürlich, aber auch für Abenteurer und solche, die am Denken wachsen wollen.

Chris Dercon (Kurator, Museumsdirektor):

Ich liebe Bücher. Sie stapeln sich in meinem Büro, zu Hause, sogar in meiner Tasche. Ich habe einfach zu viele. Deswegen habe ich mir in der Nähe meiner neuen Wohnung in London einen Lagerplatz gesucht, ich nenne ihn "Fortbox". Den Sommer über spielte ich dann "Ich packe meine Bibliothek aus". Und ich habe Walter Benjamins gleichnamigen Essay immer wieder gelesen. Seine inspirierenden Gedanken über Bücher beschäftigten mich viel. Das Ordnungssystem meiner Bibliothek funktioniert nach dem Prinzip Rätselraten und Gedächtnistraining. Ich durchsuche einen Stapel hier, einen Haufen dort. Oft finde ich so interessante Bücher, nach denen ich gar nicht gesucht hatte. Ich wünschte, ich könnte mir eine Bibliothek anlegen, in der Ordnung und Chaos Hand in Hand gehen. Gleich mehrmals habe ich mir im Sommer die Ausstellung "Architektur und Geschichte von Bibliotheken" in der Pinakothek der Moderne in München angesehen. Nach Walter Benjamin war das die andere aufschlussreiche Erfahrung zu dem Thema. Wenn Sie weder Benjamins Aufsatz noch die Ausstellung kennen, dann tun Sie etwas für Ihre Bildung und legen Sie sich den Katalog von Winfried Nerdinger zu: "Die Weisheit baut sich ein Haus. Architektur und Geschichte von Bibliotheken" (Prestel, 2011). Es ist die perfekte Anleitung für "Do it yourself"-Bibliothekare.

Diedrich Diederichsen (Autor, Journalist, Poptheoretiker):

Navid Kermani hat in seinem neuen Roman "Dein Name" (Hanser, 2011) so etwas wie den absolut relationalen Erzähler erfunden: eine Figur, die ausschließlich durch ihren jeweiligen Bezug zu Objekten, Personen, Institutionen, Lebenden, Toten bestimmt ist - und eine Einheit erst in der Montage, in der Akkumulation von Text gewinnt (oder eben auch nicht). Sie spricht, die ganze Zeit und sagt niemals ich, nur in der Formel: "Der Roman, den ich schreibe".

Kurt Flasch (Philosophiehistoriker):

Thea Dorns und Richard Wagners Buch "Die deutsche Seele" (Knaus, 2011) ist gescheit und kritisch, die deutsche Seele wird zwischen Abendbrot und Strandkorb ohne Gejammer erforscht, immer an meist zusammengesetzten Substantiven entlang. Zum Glück nicht gar zu "tief", dafür mit schönen Bildern.

Ständig drohen Katastrophen

Julia Franck (Schriftstellerin): Von vielen unbemerkt starb in diesem Jahr die von mir tief verehrte Schriftstellerin Ágota Kristóf. Ihre Poetologie ist die der genauen Wahrnehmung und knappen Beschreibung äußerer Ereignisse, unerbittlich eröffnet ihr Blick unseren ins Innere, hinein in die Abgründe des Menschen entlang europäischer Kriege und Grenzen. Ihr zentrales Werk, die Trilogie um "Das große Heft"(20. Aufl., Piper, 2010), legt die Nerven blank, es öffnet den Zugang zu Schrecken, Ekel und Schmerz, doch rührt es ebenso an unsere Fähigkeit zu Liebe und Freiheit.

Luca Giuliani (Archäologe und Rektor des Wissenschaftskollegs in Berlin):

Im Zentrum des hinreißenden neuen Buches "The Swerve: How the World Became Modern" (Norton, 2011) von Stephen Greenblatt steht ein alter, schwieriger, sehr jung gebliebener Text: das Lehrgedicht des Lukrez über die Natur der Dinge; darin beschreibt Lukrez eine Welt ohne Götter, die nur aus Atomen besteht, in der ständig Katastrophen drohen - und worin der Mensch doch nicht dazu verurteilt ist, unglücklich zu sein. Greenblatt schildert das Milieu der römischen Republik, in dem das Gedicht seine ersten Leser fand; er erzählt, wie der Text verloren ging, vor 600 Jahren in einer einzigen Handschrift wiedergefunden wurde und eine neue Wirkung entfaltete - bis hin zu diesem Buch. So schreibt Greenblatt über Lukrez und gleichzeitig über sich selbst als dessen Leser. Mit ihm erfahren wir die zeitüberdauernde Kraft eines großen Gedichts, das eine zutiefst pessimistische Weltanschauung verkündet und dennoch zum irdischen Lebensglück anleitet.

Friedrich Wilhelm Graf (Theologe):

Wer Europa will, muss Jürgen Habermas' Essay "Zur Verfassung Europas" (Suhrkamp, 2011) lesen. Gewiss, die Kritik an dem "postdemokratischen Exekutivföderalismus" von "Merkozy" ist übertrieben. Aber wer die weitere Regression Europas in nationalstaatlichen Partikularismus verhindern möchte, findet hier Spannendes. Eine entscheidende Frage bleibt: Wie bildet sich eine europaweite demokratische Öffentlichkeit?

Peter Handke (Schriftsteller und Übersetzer):

"Bostjans Flug" von Florjan Lipus (Wieser Verlag, 2005), eine Geschichte vom Lichte, Bitternis, Verlassenheit, Wut - eine Gegengeschichte nicht nur zur Kärntner slowenischen Geschichte, keine "Buchhändler"-Literatur, wie Michael Krüger, der es ja wissen muss, das einmal genannt hat, kein Buchpreisbuch, nichts Leserfreundliches, sondern im Gegenteil, schlicht ein Sprachwerk sondergleichen, etwas zum Lesen, wie "Als ich im Sterben lag" von William Faulkner, wie "Der Llano in Flammen" von Juan Rulfo, wie die Bücher von Elio Vittorini und Ivo Andric und Inoue - statt internationaler Ideal-Standard-Literatur: Weltliteratur!

Elke Heidenreich (Schriftstellerin, Literaturkritikerin und Moderatorin):

Für Catalin Dorian Florescus Roman "Jacob beschließt zu lieben" (C.H. Beck 2011) gab es im deutschen Feuilleton (außer von mir) nur mäkelige Kritiken. Umso schöner, dass der in der Schweiz lebende gebürtige Rumäne dafür jetzt den Schweizer Buchpreis bekam. Der Roman reicht vom Dreißigjährigen Krieg bis in die Neuzeit und wirkt auf mich wie ein Bild von Breughel: grausames, pralles Leben, und in der Mitte leuchtet warm Hoffnung. Der liebende Jacob bleibt in einem irrsinnigen Jahrhundert voller Kriege und Brutalität einfach ein Mensch.

Hans Joas (Soziologe und Sozialphilosoph):

Eine Weltgeschichte der Religion in ihren frühen Phasen: Das ist das Thema des Buches "Religion in Human Evolution. From the Paleolithic to the Axial Age" (Harvard University Press, 2011), mit dem der weltberühmte Religionssoziologe Robert N. Bellah sein Lebenswerk krönt. Gegen eine biologisch argumentierende Religionskritik und gegen allen westlichen Triumphalismus wird hier dargestellt, wie Religion als Komplex menschlicher Erfahrungen, Symbole, Rituale und Mythen sich entwickelte und im antiken Judentum, Griechenland, Indien und China die Traditionen hervorbrachte, aus denen wir auch heute noch schöpfen.

Wolfgang Kemp (Kunsthistoriker):

Die Ephrussis, erst Kornhändler in Odessa, dann Bankiers und Finanziers in Paris und Wien: eine der jüdischen Familien, die es zu Weltgeltung gebracht haben - gleich nach den Rothschilds, sagte man. Edmund de Waal, über seine Mutter ein Ephrussi, schreibt in "Der Hase mit den Bernsteinaugen. Das verborgene Erbe der Familie Ephrussi" (Zsolnay, 2011) die Geschichte dieser Familie anhand der Wanderungen einer Sammlung von Netsuke (sprich: Netske), diesen kleinen japanischen Figuren aus Elfenbein oder hartem Holz, Menschen oder Tiere zeigend - darunter auch der Hase mit den Bernsteinaugen, der im Titel steht. Wie diese mehr als 200 Objekte herumkamen, von Japan nach Paris nach Wien nach Japan nach London, das ist höchst ereignisreich, ja unglaublich. Sie entgingen sogar den Nazis. Alles musste erforscht werden, denn anders als die Netsuke entkamen die meisten Familiendokumente und Sammlungen dem Jahr 1938 in Wien nicht. Aber der Autor macht aus seinen Funden und aus seinem fortgesetzten Erkundungsgang durch 150 Jahre und zwei Kontinente eine höchst anregende und lehrreiche Erzählung.

Georg Klein (Schriftsteller):

Das ist ein starkes Stück: Anke Feuchtenbergers "Grano Blu" (Edizione Canicola, 2011) geht als offensichtliches Fragment einem erst kommenden Buch voraus! Unvollendet erzählt es in großen Bildern und strengen Sätzen davon, wie seltsam es uns anmutet, als die einzigen Tiere dieses Planeten im Bewusstsein der eigenen Zukünftigkeit zu leben.

Das begehrteste Gespenst

Brigitte Kronauer (Schriftstellerin): Natürlich, Wolframs ewig jungen Parzifal bei seinen Abenteuern lesend zu verfolgen, lohnt jederzeit, sei es zum zweiten, sei's zum ersten Mal überhaupt. Der Prachtband in der Übersetzung von Peter Knecht (Reclam, 2011) fordert mit achtzehn mächtigen Paukenschlägen endgültig dazu auf: Die farbigen, großformatigen Bilder von Dieter Asmus zeigen Gralsburg und Kundry, Zaubergarten und wilde Ritterkämpfe in mittelalterlicher Glut, holen sie aber zugleich durch fotografisch-zeitgenössische Rasanz unwiderstehlich in die Jetztzeit. Alle, die jemals vorgaben, ihre Geschäfte dienten dem Wohl des Allgemeinen, haben meines Wissens niemals etwas Gutes getan" - diese Bemerkung des Adam Smith von 1776 fand ich in Joseph Vogls "Das Gespenst des Kapitals" (Diaphanes, 2010), eine Studie zur politischen Ökonomie, die man allen empfehlen möchte, die noch glauben, es gehe heute mit rechten Dingen zu. Jürgen Habermas glaubt in seinem Essay "Zur Verfassung Europas" (Suhrkamp, 2011) noch an die zivilisierende Rolle der europäischen Einigung, auch wenn er gelegentlich darüber verzweifeln möchte, "daß die sozialisierten Kosten des Systemversagens die verletzbarsten sozialen Gruppen am härtesten treffen" - wer möchte ihm da nicht zustimmen?

Michael Krüger (Schriftsteller, Verleger, Übersetzer):

Auch wenn man kein "Rubenist" ist, muss man das kluge, gedankenreiche, wunderbar sorgfältig hergestellte Buch des aufgeklärten Agnostikers Willibald Sauerländer "Der katholische Rubens" (C.H. Beck, 2011) lieben: "Der größte Darsteller der antiken Mythologie in der Malerei des 17. Jahrhunderts" ist für Sauerländer "zugleich der mächtigste Altarmaler im Dienste der römischen Kirche".

Den Protestanten möchte ich das herrlich verschrobene Buch "Der Rosinenkönig oder Von der bedingungslosen Hingabe an seltsame Passionen" von Fredrik Sjöberg empfehlen (Galiani, 2011). Dieser schwedische Schwebfliegensammler berichtet darin nicht nur von einem Naturforscher, der eine Schrift über "Die Fauna im Dom von Lund" (wo natürlich kein Rubens hängt) geschrieben hat: über Fledermäuse, Kellerasseln und Sprungschwänze; sondern auch über Darwins Studien über den Wurm. Darwin schrieb: "Wenn man die Würmer auf einen Tisch neben der Klaviatur eines Pianos legte, auf dem man möglichst laut spielte, blieben sie vollkommen ruhig."

Es ist sicher unstatthaft, hier ein Buch aus der eigenen Produktion zu loben, deshalb nutze ich die Gelegenheit, wenigstens seinen Titel aufzuschreiben: "Dein Name" von Navid Kermani (Hanser, 2011) - wem das nicht gefällt, der ist sowieso verloren. Und schließlich möchte ich allen Großeltern, denen die gedankliche Beweglichkeit ihrer Enkel am Herzen liegt, einschärfen, diesen ein Abonnement der "Zeitschrift für Ideengeschichte" (C.H. Beck) zu schenken. Das letzte Heft war dem Thema "Abgrund" gewidmet, wobei wir wieder bei Joseph Vogl angekommen wären.

Helmut Lethen (Germanist und Kulturwissenschaftler):

Überfordert von den Bildarchiven des World Wide Web, in denen Bilder uns mitunter als blutige Realität belagern, griff ich dankbar nach den handlichen Wegweisern des "Handbuchs der politischen Ikonographie" (C.H. Beck, 2011) von den Herausgebern Uwe Fleckner, Martin Warnke und Hendrik Ziegler. Neben den erwartbaren Artikeln zur Ikonographie des Feldherrn, der Historia und Krönung, trifft man unverhofft auf Bildserien zum Pflasterstein, zum Bad in der Menge und zur Hand in der Weste. Aufklärung, die Handlungsräume erschließt.

Sigrid Löffler (Literaturkritikerin):

Javier Cercas' "Anatomie eines Augenblicks. Die Nacht, in der Spaniens Demokratie gerettet wurde" (S. Fischer, 2011) ist ein spannender Dokumentarroman und zugleich eine minuziöse historiografische Studie, die in fotografisch genauen Close-ups Vorgeschichte und Ablauf des gescheiterten Staatsstreichs spanischer Militärs vom 23. Februar 1981 erzählt. Ein Glanzstück der Zeitgeschichtsschreibung.

Thomas Macho (Kulturwissenschaftler und Philosoph):

"XY" (Klett-Cotta, 2011) von Sandro Veronesi ist ein philosophischer Roman, eine würdige Erinnerung an eine ausgestorbene Literaturgattung, verkleidet als Kriminalgeschichte oder Mystery-Thriller. Es geht um die Rätsel der Gleichzeitigkeit, die Paradoxien des Zufalls, im Wechselspiel der Perspektiven, die ein Priester und eine Psychoanalytikerin einzunehmen versuchen: angesichts von elf Toten, elf Todesarten und einem verschwundenen Mädchen, im Horizont der unausweichlich wiederkehrenden Frage, welchem Apostel die Statue des heiligen Judas im Bergdorf San Giuda denn wirklich gewidmet ist.

Volkwin Marg (Architekt):

Wer davon noch nicht wusste, der lese wie ich staunend "Atlantropa - Weltbauen am Mittelmeer. Ein Architektentraum der Moderne" (Grosser & Stein, 2007) von Wolfgang Voigt. Das Wunschbild eines neuen Europas hatten Umweltplaner und Architekten in den zwanziger Jahren konkret projektiert. In ihrem Technik-Optimismus zweifelten sie nicht an der ökologischen und energetischen Machbarkeit des modernen Garten Edens, also an neuen Landschaften im Überfluss von Wasser und elektrischem Strom. Damals entstanden in Europa gleichzeitig unzählige Talsperren für Süßwasser und Stromgewinnung sowie der Deichabschluss des niederländischen Ijsselmeers für Ackerlandgewinnung in künstlichen Poldern. Die USA verwandelten als ökologisches New-Deal-Projekt den gesamten Tennesseestrom in regulierte Flusslandschaften. Die Sowjetunion schuf in den dreißiger Jahren bewässerte Steppenlandschaften und Großkraftwerke. Ihr Dawydow-Plan als größtes Ökoprojekt aller Zeiten wurde erst 1986 aufgegeben, erschöpft durch das Wettrüsten im Kalten Krieg. Sibirische Flüsse sollten teilweise nach Süden umgelenkt werden, Kasachstans Städte bewässern und den Aralsee füllen. Herman Sörgels "Atlantropa" hätte all dies in den Schatten gestellt.

Christian Meier (Historiker):

Ohne je von kommunistischen oder sozialistischen Anwandlungen beschlichen worden zu sein, war ich doch von Karl Schlögels Buch "Terror und Traum - Moskau 1937" (Hanser, 2008) beeindruckt: Dieses Ausmaß an Hoffnung und Aufbruch, an Terror, Vergeblichkeit und Mord hat mich stark mitgenommen. Was für ein Jahrhundert!

Thomas Meinecke (Musiker, Autor und DJ):

Auch im Diktat nobelpreiswürdig: "Vorabend" (Stroemfeld, 2011), das neue lange Buch des großen Peter Kurzeck.

Mit eleganter Feder

Mathias Modica (Musiker und DJ): Auch die nächsten Monate noch wird mich wohl Mark Greifs Essaysammlung "Bluescreen" (Suhrkamp, 2011) begleiten. Der Mitherausgeber des amerikanischen Literaturmagazins n+1 denkt darin über die Sexualisierung der Kindheit nach, über YouTube, die Statussymbolsucht der afroamerikanischen Popsociety und über die Frage, ob der Mensch intuitiv weiß, wie man zeugt. Es geht also um alles.

Christoph Möllers (Rechtswissenschaftler):

Joseph Vogls "Das Gespenst des Kapitals" (Diaphanes, 2011) ist ein elegantes Buch zur Krise. Am Anfang dachte ich: warum noch eine kritische Geschichte des Liberalismus, noch dazu von einem Literaturwissenschaftler? Aber Seite für Seite buddeln wir uns mit dem Verfasser tiefer in die Details des Problems und es entsteht eine wundersame Geschichte diskursiven Versagens, die stets diskret und mit charmanter Verwunderung von jemandem erzählt wird, der aus seiner fachlichen Distanz "Kapital schlägt". Wenn dann noch die an der Wirklichkeit gestrandete Differentialgleichung erklärt wird, für die es einen Wirtschafts-Nobelpreis gab, ist klar: Und ist es Wahnsinn, so hat es doch Methode.

Herta Müller (Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin):

Liao Yiwu beschreibt in "Für ein Lied und hundert Lieder" (S. Fischer, 2011) die vier Haftjahre, die er für sein Gedicht "Massaker" über den 4. Juni 1989 bekam. Dreimal wurde das Manuskript beschlagnahmt. In China ist das Buch verboten. Wir schauen unter die Glanzfolie des neureichen, machthungrigen Imperiums. In Gefängnisse und Lager nach dem Vorbild des stalinistischen Gulag. Wer dieses Buch gelesen hat, versteht, was Verfolgung und umzingelte Einsamkeit anrichten. Und wie schwer man schleppt an den "jenseitigen Zärtlichkeiten" der Erinnerung. Es ist Poesie und Zeitgeschichte zugleich.

Herfried Münkler (Politikwissenschaftler):

Ich empfehle Peter Englunds "Schönheit und Schrecken. Eine Geschichte des Ersten Weltkriegs, erzählt in neunzehn Schicksalen" (Rowohlt Berlin, 2011). Das komplexe und vielfältige Kriegsgeschehen zwischen 1914 und 1918 wird aus der Perspektive englischer und russischer, französischer und deutscher Soldaten sowie einiger Zivilisten erzählt. Kaleidoskopartig entsteht so ein Bild des Ersten Weltkriegs, das sich deutlich von den herkömmlichen Darstellungen abhebt. Ein glänzend geschriebenes Buch, das eine Epoche berührt, die mit den Problemen des verfassten Europa neue Aktualität erlangt hat.

Armin Nassehi (Soziologe):

Mein Buch des Jahres 2011 ist Joseph Vogls "Das Gespenst des Kapitals" (Diaphanes, 2011) und schon zwei Wochen vor Jahresbeginn erschienen. Vielleicht bedeutet das, dass es wirklich höchste Zeit war für dieses Buch. Buch des Jahres ist es schon wegen dieses Satzes auf Seite 150: "Abgesehen davon, dass diese sogenannten Krisen wenig wünschenswert sind, geben sie Hinweise darauf, dass Ausnahmefälle womöglich zum regulären Funktionsablauf gehören und zudem eine Krise jenes Theorieprofils dokumentieren, das auf die innere Stabilisierungstendenz der Finanzmärkte setzt."

Susan Neiman (Philosophin):

"Dem Land geht es schlecht" (Hanser, 2011) ist das politische Testament des engagierten Historikers Tony Judt, der 2010 an ALS gestorben ist. Das Buch ist eine eloquente Verteidigung der Notwendigkeit einer echten Sozialdemokratie, verstanden nicht nur als ökonomisches, sondern vor allem als moralisches Projekt. Judt analysiert sowohl die europäischen wie auch amerikanischen Verhältnisse der letzten 30 Jahre, die zu dem Konsens führten, dass Politik nur auf materialistischer Basis gemacht werden kann. Er beschreibt die Verarmung der Gesellschaft, in der öffentliche Güter als Luxus empfunden werden, und plädiert für einen neuen politischen Diskurs, in dem Gerechtigkeit wieder an erster Stelle steht. Man kann nur hoffen, dass die ermüdeten Meinungsträger Europas seine Botschaft ernst nehmen.

Jürgen Osterhammel (Historiker):

Gewaltgeschichte bleibt oft bei der Beschreibung des Schreckens stehen. Sie riskiert Voyeurismus, bleibt eng auf Täter-Opfer-Beziehungen fixiert und verzichtet auf Erklärungen. Der junge Historiker Dietmar Süß geht in "Tod aus der Luft. Kriegsgesellschaft und Luftkrieg in Deutschland und England" (Siedler, 2011) neue Wege. Wie Gesellschaften und politische Ordnungen unter Bombengewalt auf ähnliche Herausforderungen unterschiedlich reagieren, zeigt er mit allen Mitteln historischer Wissenschaft und Kunst.

Thomas Ostermeier (Regisseur):

Götz Aly stellt schon im Titel seines neuen Buches "Warum die Deutschen? Warum die Juden?" (S. Fischer, 2011) die Frage, die mich schon in jungen Jahren beschäftigte und die mir meine Eltern nie beantworten konnten. Eigentlich erstaunlich, dass vor Götz Aly noch nie jemand versucht hat, darauf eine Antwort zu suchen oder zu finden. Als ich im Laufe des Erwachsenwerdens immer mehr über die deutsche Schuld am Holocaust begriff, reifte in mir die Frage, warum die Deutschen ausgerechnet das Volk der Juden vernichten wollten. Götz Aly untersucht in seiner komplexen Analyse auch die politische und soziale Wirklichkeit und die Bildungssituation im 19. Jahrhundert und legt Fährten, wie die Tragödie des Holocausts auch zu begreifen ist durch den Biedersinn in der deutschen Gesellschaft, durch Sozialneid, Unflexibilität und die Bildungsskepsis der Deutschen im Gegensatz zu ihren jüdischen Mitbürgern. Ein Buch, das viele mögliche Antworten auf diese wichtige Frage gibt, dabei aber nie oberlehrerhaft oder wissenschaftlich trocken daherkommt. Für mich ist es das Sachbuch des Jahres und ein absolutes Muss für jeden, der das Spezifische des deutschen Antisemitismus verstehen möchte.

Kathrin Passig (Journalistin und Schriftstellerin):

Ich empfehle Wolfgang Herrndorfs "Sand" (Rowohlt Berlin, 2011). Weil es fertig geworden ist, was wegen der schweren Erkrankung des Autors bis zur letzten Seite fraglich war. Und weil es endlich mal Handlung enthält, genug Handlung, um einen Ausgleich für Herrndorfs vorangegangene Bücher und noch ein paar andere zu schaffen. Atomspionage! Verfolgungsjagden! Gesichter fliegen als Hackfleisch davon! "Ich habe mich an Stendhal orientiert", sagt Herrndorf.

Starke Stücke und ein wenig Irrsinn

Werner Plumpe (Historiker): Eigentlich wollte ich vor dem Hintergrund der Überlegung, dass, wer den Kapitalismus begreifen und kritisieren will, seine Kinderstube kennen sollte, Joel Mokyrs "The Enlightened Economy. An Economic History of Britain 1700-1850" (Yale University Press, 2009) ins Gespräch bringen. Es handelt sich um eine subtile Geschichte der Entstehung und Durchsetzung einer Wirtschaftsweise, die wir kapitalistisch nennen. Ihr Ursprung ist freilich viel komplexer, als es die heute gängigen Kapitalismustheorien wahrhaben wollen. Und hier liegt die Stärke von Mokyrs Buch. Es zeigt, dass "der" Kapitalismus, aus vielen, ganz unterschiedlichen Quellen gespeist, letztlich eine Problemlösung für ein Konsumproblem war, und man wird nicht fehlgehen darin anzunehmen, dass er es geblieben ist. Damit soll nicht von den offenkundigen Problemen dieser Art zu wirtschaften abgelenkt, aber doch eine angemessene Perspektive gewählt werden, durch die die historische Leistung des Kapitalismus plausibel wird, eine Leistung, die bis heute seine Legitimität bestimmt - und seine Überlegenheit. Denn genau dieses Konsumproblem vermochte der Sozialismus nicht zu bewältigen. Dann aber las ich Eugen Ruges "In Zeiten des abnehmenden Lichts" (Rowohlt, 2011). Das ist für mich, nicht zuletzt als Historiker, aber auch als Zeitgenosse des Autors, das Buch des Jahres. Ruge, aus einem renommierten DDR-Historiker-Haushalt stammend, gelingt es, in diesem zumindest autobiographisch gefärbten Roman ein geradezu kaltes Licht auf den freudlosen Alltag des anderen Deutschland zu werfen. Die Trostlosigkeit der drei Generationen, deren Leben hier im Brennpunkt eines 90. Geburtstags dargestellt ist, ist insbesondere wegen ihrer literarischen Form geradezu bestürzend klar: Eine einzige große Beschädigung wird in bestechender Lakonie aus wechselnder Perspektive geschildert. Ohne die Verarbeitung eigener Erlebnisse des Autors wäre dieses präzise Bild kaum möglich gewesen, doch ist es vor allem die an Flaubert erinnernde kalte Beschreibung (mit dem Seziermesser), die aus diesem Buch einen Sektionsbericht über den untergegangenen Sozialismus macht.

Fritz J. Raddatz (Essayist, Biograph, Romancier):

Am Anfang war der Rettungsschirm. Den drückte man irgendeiner regierenden Miss Marple in die Hand: Da war es dann ein "schlagkräftiger Rettungsschirm". Wenig später wanderte die Trophäe zu einem beliebigen 007: Da wurde es ein Schirm mit "Feuerkraft". Bald, beim Heiligen Pofalla, wird es ein Tarnkappen-Bomber sein. Niemand hat mit so gnadenlosem Hohn und Spott den Sprachmüll unserer Obrigkeit eingesammelt und vorgeführt wie Henning Venske. Von Stoibers "Der Vater des Wunsches ist der Gedankengang" über Frau Merkels "Man darf das Zeitfenster nicht verstreichen lassen" - ein wahrhaft zündendes Kompendium des Irrsinns, den unsere Politiker so scham- wie gedankenlos täglich ablaichen. Venskes "Lallbacken" (Westend Verlag, 2011) war für mich das Überraschungsbuch des Jahres, weil der spitzfindige Satiriker mit eleganter Feder die Regierenden in ihrer unverschämten Kreidefresserei enttarnt, ihre Gedankenarmut bei den Hörnern packt und sich in lachender Verachtung übt. Karl Kraus lässt grüßen.

Dieter Rams (Industriedesigner):

Gutes und sinnvolles Industriedesign entsteht in einem komplexen Prozess, bei dem die Gestalter und Techniker, aber auch die Firmenleitungen auf Augenhöhe und mit einer gemeinsamen Haltung zusammmenarbeiten müssen. Deshalb ist für mich die Biographie von Walter Isaacson über den Apple-Gründer Steve Jobs eine Empfehlung an alle, die an einer besseren Produktwelt interessiert sind (Bertelsmann, 2011). Sie zeigt exemplarisch, wie gründlich, leidenschaftlich und radikal neu wir über die Dinge unseres Alltags nachdenken müssen.

Ulrich Raulff (Historiker und Journalist):

Offenbar muss von Zeit zu Zeit jemand, der nicht zur "Zunft" gehört, die Historiker daran erinnern, wie gut ein historisches Buch sein könnte, wenn man nur. . . - wenn man nur akribisch genug recherchierte, nüchtern genug abwägte und mutig genug schriebe. Wenn man nur mit derselben Klugheit zu Wege ginge wie die Philosophin Bettina Stangneth in ihrem unerhörten Buch "Eichmann vor Jerusalem. Das unbehelligte Leben eines Massenmörders" (Arche, 2011) über das Leben Adolf Eichmanns im Dritten Reich und in Argentinien - und in der jungen Bundesrepublik, in der Eichmann, alles andere als banal, eine gespenstische Präsenz behauptete. Wann hat zuletzt ein Buch so tief ins politisch Unbewusste der Deutschen nach 1945 hinabgeleuchtet?

Rüdiger Safranski (Philosoph und Schriftsteller):

Das Buch meiner Wahl ist Martin Mosebachs "Als das Reisen noch geholfen hat. Von Büchern und Orten" (Hanser, 2011). Ich kenne in Deutschland sonst keinen, der es so gut wie Martin Mosebach versteht, aus Literatur über Literatur zu schreiben.

Heinz Schlaffer (Literaturwissenschaftler):

Ein klassisches Buch und daher halb vergessen: Johan Huizingas "Herbst des Mittelalters" (Kröner, 12. Aufl., 2006) ist das früheste Beispiel (1919) einer Mentalitätsgeschichte, die den Lebensformen und Denkweisen der westeuropäischen Gesellschaft im 14. und 15. Jahrhundert nachspürt. An Chroniken, Predigten, Dichtungen, Gemälden bringt Huizinga den Gefühlshaushalt der Epoche zur Anschauung. Er erkennt im "Herbst des Mittelalters" den bis zur Verrücktheit angespannten Versuch, Angst und Gewalttätigkeit des Daseins durch einen extremen Aufwand an Zeremoniell, Schönheit und Frömmigkeit zu verdecken.

Clemens J. Setz (Schriftsteller und Übersetzer):

Mein Buch des Jahres ist "Big Questions" von Anders Nilsen ( Drawn & Quarterly, 2011), ein umfangreicher und komplexer, aus vielen einzelnen Comicstrips bestehender Roman, der hauptsächlich unter Vögeln spielt, welche einen Flugzeugabsturz beobachten. Der Absturz der Maschine und der verletzte Pilot, der aus ihr schlüpft, bilden das Fundament für eine Reihe philosophischer und dramatischer Entwicklungen. In diesem Jahr hat kein anderer Roman, der die Zumutungen der Existenz und den Überlebenskampf der Vorstellungskraft inmitten völliger Zerstörung und Sinnlosigkeit beschreibt, mich so belebt wie dieser.

Fritz Stern (Historiker):

Im vergangenen Jahr wurden Tocquevilles Briefe aus Amerika aus dem Jahr 1831 ins Englische übersetzt und so erstmals veröffentlicht (Alexis de Tocqueville: Letters from America, Yale University Press, 2010): Briefe des jungen Mannes, voller Scharfsinn und Charme über das "glückliche Land", reich und isoliert, in dem unter anderem Reichwerden die große Leidenschaft darstellt. Einmaliger Ausblick auf das "neue Land", mit all seinen Stärken und Schwächen, zugleich Einblick in einen der großen und sympathischsten Denker des 19. Jahrhunderts. Habe es dieses Jahr während des vertieften Leidens des Landes immer wieder in die Hand genommen, zum Trost und hoffend auf besseres Verständnis. Ein Geschenk für Menschen mit Liebe für spontane, ungeklügelte Weisheit.

Uwe Tellkamp (Arzt und Schriftsteller):

Prosa: Mircea Cartarescu, Der Körper, 2. Teil der Orbitor-Trilogie (Zsolnay, 2011). Überwältigende Bild- und Sprachkraft dieser Reise ins Innere von Bukarest und des Erzähler-Ichs Mircea, ein einzigartiges Erzähl-Universum, so einzigartig (und mit ihnen in einem Atemzug zu nennen) wie Kafka, Joyce, Borges.

Lyrik: Christian Lehnert, Aufkommender Atem (Suhrkamp, 2011). Geistliche Lyrik, formstreng und traditionsbewusst, dennoch deutlich von einer heutigen Stimme gesprochen, ohne Frömmelei und Pfarrerskitsch, anrührend und einfach, nie simpel. Klarheit und Ruhe.

Andres Veiel (Regisseur, Drehbuch- und Theater-Autor):

"Doppelleben. Heinrich und Gottliebe von Lehndorff im Widerstand gegen Hitler und Rippentrop" (Eichborn, 2010) - eine Nahsicht von Antje Vollmer auf den deutschen Widerstand - die vor allem mit einem Klischee aufräumt: Dass der Widerstand gegen Adolf Hitler viel zu spät gekommen und im Kern anti-demokratisch gewesen sei. Vollmer montiert Dokumente, Briefe und eigene Interpretationen zu einem vielstimmigen Stimmungsbild des deutschen Widerstandes und seiner Nachbeben bis in die heutige Zeit.

Barbara Vinken (Literaturwissenschaftlerin):

Thomas Meinecke hat in "Lookalikes" (Suhrkamp, 2011) mit absolutem Gehör den Sound unserer Zeit in ein Buch gebannt. Ein Roman, wenn man es denn so nennen will, der schlicht trans- ist: Zeiten, Geschlechter, Rassen, Kontinente durchschreibt. Man schlägt ihn auf und legt ihn zwischen den wohlfrisierten Hunden, die die nerzbehangenen Damen auf der Düsseldorfer Kö wie die Handtaschen im Ellenbogen tragen und den kiloschweren rosa Füchsen der Josephine Baker, gebannt zerstreut, nicht mehr aus der Hand.

Joseph Vogl (Literaturwissenschaftler):

Die Turbulenzen der Finanzmärkte haben ihr Gegenstück in den schwarzen Löchern der ökonomischen Wissenschaft. Kann diese Disziplin wirklich denken, was auf den Märkten geschieht? Schon vor der Großen Krise hat der französische Ökonom Jacques Sapir diese Frage gestellt und deren Dogmen - Gleichgewicht, Effizienz der Märkte - fehlenden Realismus und eine idealistische Befangenheit attestiert. Sein Buch "Les trous noirs de la science économique. Essai sur l'impossibilité de penser le temps et l'argent" (Albin Michel, 2003) ist ein ebenso polemisches wie fundiertes Plädoyer für eine neue ökonomische Aufklärung und gegen Modelle, in denen Systemkrisen nicht vorgesehen sind.

Christine Westermann (Autorin, Journalistin und Moderatorin):

Alex Capus' "Léon und Louise" (Hanser, 2011) ist die Geschichte einer Liebe, der zwei Weltkriege nichts anhaben können und die Zeit ohnehin nicht. 68 Jahre im Leben zweier Menschen, die nie zusammenleben, aber dennoch ein beeindruckendes Paar werden. Léon und Louise sind zum Niederknien romantisch, dabei sehr geerdet und selbstbewusst, komisch und konsequent. Am Ende des Buches wünscht man sich, im nächsten Leben möge einem einer wie Léon begegnen. Oder eine wie Louise.

Roger Willemsen (Publizist und Moderator):

Hier trennt sich das Belanglose vom Erheblichen: Liao Yiwus "Für ein Lied und hundert Lieder" (S. Fischer, 2011) ist lesbar auf mehreren Ebenen, einerseits als Bericht über Folter, Willkür, Verletzung von Menschenrecht durch Chinas Judikative und Exekutive, sodann als Suche nach dem Individuum und seinem unzerstörbaren Rest, schließlich als Ausstellung einer so drastisch wie poetisch gemischten Sprache, in der sich eine neuartige Literatur manifestiert. Eine qualvoll errungene Formulierung von Moderne.

Juli Zeh (Juristin und Schriftstellerin):

Buch des Jahres 2011 ist natürlich "Murmeljagd" (Schöffling, 2011) von Ulrich Becher. So was Brillantes habe ich seit Jahren nicht mehr gelesen.

Hanns Zischler (Schauspieler, Dramaturg, Fotograf, Essayist):

Es ist "Veit" (Rowohlt, 2011) von Thomas Harlan. Auch wenn man mit Namen nicht spielen mag, weil, wie Baermann Steiner sagt, ein Wortspiel nur dann Wert hat, wenn dabei eine neue Bedeutung entsteht, so drängt es sich auf, diesen Titel und diesen Vater-Vornamen, den abzustreifen der Sohn Thomas alles in Waagschale geworfen hat, als "Fight" zu lesen. Unzweifelhaft ist Thomas Harlan einer unserer bedeutendsten Romanautoren. Dass ihm vom Betrieb mit der vermeintlich entlastenden Herablassung begegnet wird, die Auseinandersetzung mit diesem Erbe müsse ja nicht unbedingt mit einer derart ausgreifenden Sprache wahrgenommen werden, ist ein Problem allein des Betriebs.

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SZ vom 21.12.2011/sueddeutsche.de/rus
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