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Rap:Nicht leicht gesagt

Kollegah (links) und Farid Bang wurden 2018 mit dem "Echo" ausgezeichnet - trotz antisemitischer Textstellen.

(Foto: dpa(2))

Eine Studie untersucht: Reproduziert der Gangsta-Rap Klischees und antisemitische Vorurteile?

Von Moritz Baumstieger

Gangsta-Rapper neigen in der Regel nicht zu Subtilität. Dickes Geld, dicke Hose, dickes Auto - dazu Worte, denen es an Eindeutigkeit nicht mangelt. Und doch lässt sich aus einer am Dienstag vorgestellten Studie herauslesen, dass sich Rapper teils zu verklausuliert ausdrücken. Zum Glück, könnte man sagen: Wenn Gangsta-Rapper judenfeindliche Stereotype reproduzieren, verstehen das Jugendliche oft nicht - etwa, wenn zu Beats von der "Rothschild-Verschwörung" geraunt wird.

Dass die global führende Jugendkultur des Rap hierzulande teils ein Problem mit Antisemitismus hat, wurde 2018 überdeutlich: Ein Album von Kollegah und Farid Bang wurde trotz heftiger Proteste mit dem Musikpreis "Echo" ausgezeichnet, auch wenn die Zeile "Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen" offen Holocaust-Opfer verhöhnte. Andere Künstler gaben daraufhin ihre Auszeichnungen zurück, der "Echo" wurde schließlich ganz eingestellt.

Der Skandal führte nicht nur zu heftigen Debatten, sondern auch zu Aufträgen für die Wissenschaft: 2019 bat die Antisemitismusbeauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen Forscher der Universität Bielefeld zu untersuchen, wie stark antisemitische Motive im Gangsta-Rap entsprechende Weltbilder bei den Hörern befördern. Nun liegen die Ergebnisse vor, und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger klingt besorgt: "Die Studie belegt erstmalig empirisch, dass Gangsta-Rap den Nährboden für spätere verfestigte antisemitische Einstellungen bereitet."

Im Rap nehmen autoritäre, frauenfeindliche und verschwörungsideologische Inhalte zu

Zu diesem Schluss kommt die FDP-Politikerin auch deshalb, weil die 500 Befragten im Alter zwischen zwölf und 24 Jahren den Männern, die da in den allermeisten Fällen an den Mikrofonen stehen, hohe inhaltliche Relevanz zuerkennen: 43 Prozent von ihnen sind der Auffassung, dass im Gangsta-Rap "Missstände der Welt" angesprochen werden, 37 Prozent glauben, dass die Rapper auf "wichtige politische Themen aufmerksam" machen. Studienautor Jakob Baier hingegen attestiert dem Genre seit Ende der 2000er-Jahre eine Zunahme an autoritären, frauenfeindlichen und verschwörungsideologischen Inhalten. Und auch, wenn sie nicht immer verstanden werden, haben die "oftmals antisemitischen Textpassagen Einfluss auf die Wert- und Demokratiehaltungen bei den Jugendlichen", ergänzt sein Kollege Marc Grimm.

In Einzel- und Gruppeninterviews zeigte so mehr als ein Viertel der jungen Befragten (26,5 Prozent) sehr starke judenfeindliche Haltungen. In dieser Gruppe war der Anteil der Fans von Gangsta-Rap mit 81,4 Prozent besonders hoch. Jugendliche, bei denen die Forscher keinerlei antisemitische Anklänge fanden, gaben hingegen nicht einmal zur Hälfte an, Gangsta-Rap gerne oder sehr gerne zu mögen (48,9 Prozent). Ähnliche Korrelationen beobachtet die Studie bei frauenverachtenden und chauvinistischen Einstellungen, nicht aber bei rassistischen.

Was aus den Erkenntnissen folgen soll, möchte Leutheusser-Schnarrenberger im Juni bei einer Fachtagung diskutieren - die Runde wird sich etwas einfallen lassen müssen. Gerne vorschnell verwendete Erklärungsmuster, die Gangsta-Rap vor allem als Phänomen einer großteils migrantisch geprägten Unterschicht zeichnen, greifen zumindest auf Konsumentenseite nicht: Die meisten Fans kommen laut Studie nicht aus den prekären Verhältnissen, die in den Ghetto-Hymnen glorifiziert werden. Rund 80 Prozent stammen aus Familien mit mittlerem oder hohem Wohlstand.

© SZ/clu
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