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Filmfestival Venedig 2012:Was die Menschen zur Verzweiflung treibt

Gut, dass Robert Redford mit seinem Film "The Company You Keep" die Filmfestspiele Venedig am Ende doch noch aus der Melancholie aufweckt: Der politische Film im Kostüm eines Thrillers mit Susan Sarandon und Shia LaBeouf erinnert an den linken Terrorismus in den USA.

Ein wenig Trubel kann der Lido gut gebrauchen, es hat sich eine melancholische Nachsaison-Stimmung über die zweite Festivalwoche gelegt. Das geschlossene und entkernte Hotel des Bains wacht über den dunklen, menschenleeren Lungomare, und auch im Kino kommt es einem manchmal so vor, als sei die Gegenwart der Insel verwiesen worden. Da war es dann sehr umsichtig, sich für den Schluss noch "The Company You Keep" aufzuheben - denn der Film handelt zwar auch irgendwie von gestern, aber Regisseur und Hauptdarsteller Robert Redford hatte Shia LaBeouf im Schlepptau. Endlich mal eine teenietaugliche Veranstaltung auf dem roten Teppich, nachdem die Hoffnungen, Justin Bieber käme zur Premiere von "Spring Breakers", sich zerschlagen hatte.

Venedig Robert Redford Shia LaBeouf

Robert Redford (links) und Shia LaBeouf bei der Premiere des Films "The Company You Keep" auf dem 69. Filmfestival von Venedig.

(Foto: Getty Images)

Die Besetzung von "The Company You Keep" ist allerdings im Durchschnitt dann doch recht betagt. Redford gibt sich wieder politisch, er selbst spielt einen Anwalt, der aus seinem aktuellen Leben in sein altes zurück flüchten muss - in das von Nick Sloan. Sloan war Mitglied der "Weathermen", jener amerikanischen Terrortruppe, die dem Staat während des Vietnamkriegs den Kampf ansagte.

Eine Mitstreiterin (Susan Sarandon) ist nach dreißig Jahren im Untergrund festgenommen worden, der ehrgeizige Journalist Ben (LaBeouf) kommt so auch Sloan auf die Spur. Sloan soll bei einem Bankraub, bei dem er gar nicht dabeigewesen ist, einen Wachmann erschossen haben, nun sucht er seine Exfreundin Mimi (Julie Christie), die als einzige beweisen kann, dass er unschuldig ist. Das wird ein schöner Showdown: Wie die beiden aufeinandertreffen, der Zauderer Sloan, der ausstieg, als es die ersten Verletzten gab, und Mimi, die alles mit Leidenschaft tun wollte und sich dann in einen Lebensentwurf hineinmanövriert hat, der sie kalt und hartherzig werden ließ.

"The Company You Keep" ist das Hollywood-Gegenstück zu Olivier Assayas' Post-68er Drama "Après mai", ein politischer Film im Kostüm eines Thrillers. In Nebenrollen tauchen auch noch Nick Nolte, Chris Cooper, Stanley Tucci und Sam Elliott auf, und dieses Superaufgebot, wie Butch Cassidy es genannt hätte, hat zwei sehr schöne Effekte: Erstens macht es eine Story mit sehr vielen Charakteren übersichtlicher, weil jeder von ihnen schon etwas in seine Rolle mitbringt; und zweitens bekommt der Film so eine ganz eigene Note der Nostalgie, weil man das Gefühl hat, all diese Leute ein Leben lang gekannt zu haben.

Das sehr kluge Drehbuch stammt von Lem Dobbs, der für Steven Soderbergh "The Limey" geschrieben hat; die Vergangenheit romantisiert dieser Film nie, er beschönigt keine radikalen Fehlentscheidungen, und er bemüht sich trotzdem, immer im Blick zu halten, was diese Menschen damals zur Verzweiflung trieb. Es war nicht groovy, sagt Susan Sarandon einmal, wir sahen die Bilder sterbender Menschen im Fernsehen.

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