Fünf Favoriten der Woche:Thomas Mann will ausschlafen

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Ein "Vernon Subutex"-Comic, 60 Minuten über die Siebziger, ein Festival in Bitterfeld, schwule Architekten und ein Tagebuch auf Twitter: fünf Empfehlungen der SZ-Redaktion.

Odyssee eines Plattendealers: Vernon Subutex als Comic

Fünf Favoriten der Woche: Jetzt auch als Graphic Novel: "Vernon Subutex", eine Zusammenarbeit von Virginie Despentes mit dem Zeichner Luz.

Jetzt auch als Graphic Novel: "Vernon Subutex", eine Zusammenarbeit von Virginie Despentes mit dem Zeichner Luz.

(Foto: Reprodukt)

Zwanzig Jahre führte Vernon Subutex einen coolen Plattenladen in Paris, bis die Digitalisierung kam, er arbeits- und mittellos wurde. Vernon fliegt aus seiner Wohnung, schläft im Hotel, bei ehemaligen Weggefährten oder einer Ex, sinkt immer tiefer, bis er auf der Straße landet.

Als die Romantrilogie von Virginie Despentes 2015 bis 2017 in Frankreich erschien, wurde sie als großes Gesellschaftsbild gefeiert. Traurig und witzig sind die Begegnungen Vernons mit ehemaligen Kumpeln oder Geliebten, die - mittlerweile verarmt, verbittert, politisch nach rechts gedriftet oder verspießert - unser aller Erschöpfung und Enttäuschungen auf den Punkt bringen.

Jetzt hat der französische Zeichner Luz die Romantrilogie als Graphic Novel adaptiert (bei Reprodukt, mit Virginie Despentes, ein zweiter Teil ist geplant). Das hätte leicht schiefgehen können, tatsächlich aber wird die Comicfassung ihrer Vorlage auf wunderbare, irre Weise gerecht. Luz alias Rénald Luzier war Zeichner beim Satiremagazin Charlie Hebdo und nur zufällig am Tag des Anschlags im Januar 2015 nicht in der Redaktion. Den Terror und die Trauer um seine ermordeten Freunde verarbeitete er in seinen Comics "Katharsis" und "Wir waren Charlie". In der Figur des fatalistischen Drifters Vernon Subutex erkenne er sich ein Stück weit wieder, hat der Zeichner erklärt. Das serielle Erzählen der Romane kam der Verwandlung des Stoffes in eine Graphic Novel zudem entgegen. Für die soziale Irr- und Talfahrt des Plattendealers findet Luz den richtigen wilden Strich, der Panelgrenzen durchbricht, Umrisse verwischt, auflöst oder aufreißt, aber auch scharfe Porträtbilder zeichnet. Der Aufbau der Seiten ist immer wieder anders, sauber geordnet ist hier nichts. Erzählerische Rückblenden machen das Ganze nicht übersichtlicher. Manchmal scheint eine Seite förmlich zu explodieren - im schönsten Fall als Feuerwerk eines Orgasmus. Das passt zur Geschichte, die wilden Zeichnungen kreieren zudem einen eigenen visuellen Sound. Mit Farben als Leitmotiven: Der Raucher Vernon Subutex etwa wird durch ein schrilles Nikotingelb charakterisiert. Sein Dasein als Penner, der er irgendwann ist, empfindet Vernon als so wenig real, dass er von einem "Abdriften ins Immaterielle" spricht. Er stemmt sich nicht dagegen. Es ist die Musik, Vernons große und einzige Liebe, die im Buch und darüber hinaus alles verbindet, der sich Vernon, indem er "immaterieller" wird, noch mehr verwandt fühlt. Martina Knoben

Klaus Lemkes letzter Film

Fünf Favoriten der Woche: Klaus Lemke bei der Premiere von "Champagner für die Augen - Gift für den Rest". Das war sein letzter öffentlicher Auftritt.

Klaus Lemke bei der Premiere von "Champagner für die Augen - Gift für den Rest". Das war sein letzter öffentlicher Auftritt.

(Foto: Felix Hörhager/dpa)

"Champagner für die Augen - Gift für den Rest", so heißt der letzte Film von Klaus Lemke, der vergangene Woche im Alter von 81 Jahren gestorben ist. Nur einen Tag nach der Erstausstrahlung im Bayerischen Rundfunk. Zum Glück ist der Film weiterhin in der Mediathek des BR zu sehen. "Siebzig Minuten über die Siebziger", so hatte er den Film angekündigt. Weil Lemke sich hinterher nie darum scherte, was er irgendwann mal angekündigt hat, wurden es letztlich nur sechzig Minuten. Aber immerhin weiterhin über die Siebzigerjahre. Das war seine große Zeit, als er München prägte wie sonst höchstens noch Helmut Dietl und Michael Graeter. Also blickt er in dieser Doku zurück auf seine Klassiker ("Sylvie", "Idole", "Amore", "Sweethearts") und macht mit jeder Anekdote aus der wilden Phase noch mal klar, warum er so sehr fehlen wird. David Steinitz

Das Festival "Osten"

Fünf Favoriten der Woche: Die Schubkarren für den experimentellen Schubkarren-Parcours durch den Bitterfelder Kulturpalast.

Die Schubkarren für den experimentellen Schubkarren-Parcours durch den Bitterfelder Kulturpalast.

(Foto: Falk Wenzel)

Bitterfeld ist einer dieser verblüffend passgenauen Ortsnamen, er bringt erlittene Nachwende-Demütigungen sofort zum Klingen. Zum Glück wächst auf diesem Bitterfeld derzeit ein Pflänzchen mit dem ungleich unbestimmten Namen "Osten". Dieses Festival "für Kunst und gegenseitiges Interesse" geht allmählich zu Ende und es hat mächtig Eindruck hinterlassen. Mit einem wilden Schubkarren-Parcours durch den Kulturpalast etwa, oder mit der Aktion "Werksorchester" - Musikschüler unterrichteten erwachsene Laien, damit die Alten auch mal von den Jungen lernen. Manches war für den Geschmack der örtlichen Restgesellschaft sicher etwas zu kunstvolle Kunst. Das ändert aber nichts daran, wie entspannt sich hier zwei Wochen alle gegenseitig bereichert haben. Vier von fünf Sternen, gerne wieder! Cornelius Pollmer

Schwule Architekten

Fünf Favoriten der Woche: Cover vom Buch "Schwule Architekten", herausgegeben von Wolfgang Voigt und Uwe Bresan

Cover vom Buch "Schwule Architekten", herausgegeben von Wolfgang Voigt und Uwe Bresan

(Foto: Wasmuth & Zohlen)

Wenn man am Ende des Buches "Schwule Architekten" a) schwul oder b) Architekt, am liebsten aber c) schwuler Architekt beziehungsweise lesbische Architektin sein möchte: dann nicht deshalb, weil man die mit der Homosexualität am Bau einhergehenden Verwerfungen unterschätzen würde; sondern weil man ein enorm anregendes Buch zugeklappt hat. Ein Buch, das erhellend ist.

Zugleich wird darin ein vorgeblich akademisches Thema verhandelt, doch in Wahrheit liest man sich durch einen Abenteuerroman der Liebe, des Leidens, der Lüge und der Wahrheit. Und der Gesellschaft. Wolfgang Voigt, vormals am Deutschen Architekturmuseum tätig, und der Architekturhistoriker Uwe Bresan versammeln im Buch "Schwule Architekten - Verschwiegene Biografien vom 18. bis zum 20. Jahrhundert" (Wasmuth & Zohlen, 39,80 Euro) Dutzende Porträts vom tabuisierten, diskriminierten Anderssein, das manchmal nichts anderes sein will als ein Sosein.

Gerade in der Architektur, seit jeher einem traditionellen Männlichkeitsklischee verpflichtet, wie es zum Beispiel in der Verfilmung von Ayn Rands Roman "The Fountainhead" aufscheint (sprechender deutscher Titel mit Gary Cooper in der Rolle des Architekten: "Ein Mann wie Sprengstoff"), gerade am Bau gilt wie sonst wohl nur noch im Fußball die Homosexualität bis heute oft als Tabu. Lange per Strafgesetz. Dann per gesellschaftlicher Norm. Das gilt auch für den Schweizer Architekten Alfred Roth, geboren 1903, gestorben 1998.

Roth war, was die zum Weltkulturerbe zählende Weißenhofsiedlung in Stuttgart angeht, erst die rechte Hand von Le Corbusier. Dann, nein, nicht der Lustknabe, sondern das eigentliche Hirn bei der Fertigstellung des Doppelhauses, das heute zu den Ikonen der Moderne zählt. Le Corbusiers Pläne kamen aus Paris entweder zu spät oder blieben vage - Roth musste vor Ort kongenial die Architektur realisieren. 1927 wurde er verfolgt von der Polizei und den Nazis. Weil er schwul war. Was die Nazis noch weniger mochten als die Moderne? Eine von Schwulen ersonnene Moderne.

"Was", schreiben die Herausgeber über ihre Intention, "verstünden wir von der Kunst David Hockneys, der Musik Peter Tschaikowskis, den Filmen Luchino Viscontis oder den Werken von Thomas Mann ohne das Wissen um deren Homosexualität?" So muss es auch in der Baukunst sein. Und das ist gut so. Gerhard Matzig

Thomas Mann auf Twitter

Fünf Favoriten der Woche: Der Schriftsteller Thomas Mann, mutmaßlich beim Verfassen eines Tweets.

Der Schriftsteller Thomas Mann, mutmaßlich beim Verfassen eines Tweets.

(Foto: Scherl/SZ Photo)

Vor allem wird auf Twitter ja getobt und Wut verbreitet. Umso wichtiger ist es für die Psychohygiene als Twitternutzer, sich ein Netz an wertvollen Accounts zuzulegen, von denen man sich verstanden fühlt. Gut, dass jetzt auch Thomas Mann auf Twitter ist. Auf @DailyMann twittert Germanistik-Doktorand Felix Lindner täglich einen Satz aus Manns echtem Tagebuch. "Früh erwacht mit Gefühl des Leidens" schrieb Mann etwa am 14.7.1950. Wer könnte da nicht anknüpfen! "Anstehen zum Frühstück, Zumutung", am 2.7.1945. Nichts hinzuzufügen. "Mehrfach Rad gefahren, wobei mir einmal die Luft des Hinterrades ausging, sodaß ich ziemlich lange schieben mußte" heißt es einmal. Die schlimme Welt fühlt sich mit diesem Thomas Mann gleich weniger schlimm an. "Wir hätten ausschlafen sollen" twittert er vor einigen Tagen. Wir alle, Thomas, wir alle. Christiane Lutz

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