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Erster Gropius-Bau wird Unesco-Welterbe:"Meinem Vater bedeuteten Denkmäler nichts"

sueddeutsche.de: Warum haben sie nicht die ganze Produktion aus dem berühmten Hauptgebäude ausgelagert und dieses für Besucher geöffnet?

Deutschland: Unesco-Welterbe (3)

Paläste für Fürsten und Arbeiter

Greten: Das wollen wir nicht, ganz im Gegenteil: Wenn es irgendwie geht, bleibt die Schuhleistenproduktion im Hauptgebäude. Das ist das Besondere, dass wir ein lebendiges Denkmal sind. Hier arbeiten die Leute noch, mit ihnen können Besucher auf geführten Rundgängen sprechen - mit Schuhen kennt sich schließlich jeder aus. Wir wollen kein totes Denkmal, das höchstens noch kulturell genutzt wird.

sueddeutsche.de: Was sagen Ihre Mitarbeiter dazu, Teil eines Denkmals zu sein?

Greten: Es freut mich, dass sie das akzeptieren und stolz darauf sind, hier zu arbeiten. Was Gropius und mein Urgroßvater wollten, nämlich Licht und Sauberkeit am Arbeitsplatz, wird von unseren Mitarbeitern weiterhin honoriert. Es macht Spaß, dass dieses Denkmal nicht nur eine Art Hobby der Familie ist, sondern von allen Mitarbeitern mitgetragen wird.

sueddeutsche.de: Wie wirkt sich die Helligkeit in der Produktionshalle heute aus?

Greten: Die Schuhleisten-Modelleure müssen beurteilen, ob die Form des Leistens richtig ist oder noch ein Hundertstel abgenommen werden muss. Sie halten dafür den Leisten ins helle Licht und können so sehr gut arbeiten.

sueddeutsche.de: Was für einen Eindruck machte die lichte Glaskonstruktion auf Sie, als Sie das Werk das erste Mal betreten haben?

Greten: Mein Großvater hat mir die Fabrik gezeigt, da war ich etwa zehn Jahre alt. Das war schon beeindruckend, aber geprägt wurde ich anders: Mein Vater hatte eine Maschinenbaufabrik und war ein genialer Ingenieur und Erfinder - Denkmäler bedeuteten ihm nichts. So hatte ich wenig Vorbildung, als ich 1974 das Fagus-Werk übernahm ...

sueddeutsche.de: ... und wussten damals gar nicht, welchen Schatz Sie vor sich hatten?

Greten: Das habe ich erst langsam gelernt. Wir hatten großes Glück, denn ein befreundeter Architekt, Wilfried Köhnemann, dem der Wert des Gropius-Werkes sehr wohl bewusst war, hatte die neuen Büros behutsam eingebaut und einiges zur ursprünglichen Form zurückgeführt. Außerdem kamen immer wieder Architekten zu Besuch, um das Werk zu bewundern. Und wenn diese lange in Details vertieft waren, fragte ich nach, was es dort zu sehen gab. Mit jeder Erklärung lernte ich hinzu.

sueddeutsche.de: Inzwischen sehen Sie das Fagus-Werk also anders als einst Ihr Vater?

Greten: Ja, und das liegt auch an der Restaurierung und den Fragen des Denkmalschutzes, als zu klären war, was erhaltenswert ist und was nicht. Durch dieses Wissen habe ich eine gewisse Zuneigung, um nicht zu sagen Liebe zu dem Denkmal entwickelt. Und werde alles versuchen, es zu erhalten.