Doris Dörrie über den Mythos Spanien:"Wir ziehen die Zäune immer höher"

Ihr Faible für Japan ist bekannt. "Alles inklusive" haben Sie zum Teil in Spanien gedreht. Was reizt Sie an Spanien?

Mein Interesse für das Land reicht schon lange zurück. 1997 habe ich "Bin in schön?" in Spanien gedreht und mich verbindet sehr viel mit dem Land. Es ist zum einen die Sprache, die mich immer wieder da hinzieht. Es ist aber auch dieser große deutsche Mythos.

Tatsächlich. Der Ballermann fasziniert Sie?

Nehmen Sie das Lied "Spanischer Wein" von Christian Anders, wenn wir Deutsche das hören, dann glauben wir, dass wir im Süden andere Menschen werden. Wir werden lebendiger, wir werden schöner und im Süden werden wir wilder. Wir werden alles Mögliche. Das ist unser deutscher Mythos vom Süden, den darzustellen mich immer wieder interessiert hat.

Doris Dörrie

Doris Dörrie in München: "Wir versuchen ständig, unsere Oberfläche zu polieren und perfekt zu sein."

(Foto: dpa)

Aber dieses Wilde, von dem Sie sprechen, nimmt ja ziemlich abstoßende Züge an - auf Mallorca, an der Costa Brava und so weiter.

Ja, sicher. Jetzt kommt die große geplatzte Traum-Blase ans Licht. Diese Verschandelung der Küste hat schon sehr stark mit unserer Verstrickung zu tun. Die Spanier haben uns die Sonne verkauft und wir wollten sie unbedingt billig, billig, billig haben, und so ist diese Betonisierung der gesamten Küste entstanden. Wir tragen genauso viel Schuld daran wie die Spanier.

Sie deuten in Ihrem Film auch die Flüchtlingsproblematik zwischen Afrika und Europa an. Ist das Ihr politisches Statement zu den Tragödien vor Lampedusa?

Ich berühre das Thema, weil es zu den italienischen und spanischen Küsten gehört. Man kann das nicht ausblenden. Da sind überall die afrikanischen Verkäufer an den Stränden, die dorthin als Flüchtlinge gelangt sind. Und es kommen jeden Tag mehr dazu, die sich, von Afrika aus gesehen, dieses Europa wie das Schlaraffenland vorstellen.

Das ist es im Vergleich sicher auch.

An dieser Haltung ist auch nichts auszusetzen. Wir bezeichnen diese Menschen als Wirtschaftsflüchtlinge, was eine Frechheit ist, denn jeder Mensch wird immer dahin zu gehen versuchen, wo es ihm vielleicht besser geht als zu Hause. Das mit einzuschließen, war mir wichtig, weil es auch etwas mit uns zu tun hat. Denn wir ziehen die Zäune immer höher und verteidigen etwas, von dem wir glauben, dass es nur uns gehört. Das kann man sehr stark in Frage stellen, dieses "all inclusive" nur für uns.

In der Begegnung zwischen Helmut und Ingrid schwingt eines ihrer typischen Themen mit, das "Leben im Jetzt" und das "Leben in der Zukunft". Man hat das Gefühl, dass beide Figuren mit ihrem jeweiligen Lebenskonzept nicht ganz glücklich sind. Heißt das, dass Sie in dieser Frage unentschieden sind?

Ich muss mich da nicht entscheiden, weil ich keine Ratgeberin bin. Ich erzähle Geschichten und beschreibe hier etwas sehr Ambivalentes. Im Jetzt zu leben hat es immer schon als Vorstellung davon gegeben, wie man mit dem Leben zurechtkommt. Es ist aber auch ein Stück Schmerzvermeidung. Ingrid versucht, alles auszublenden.

Helmut ist aber auch nicht glücklicher.

Die Frage, die er stellt, nämlich: "Was ist denn an der Gegenwart so schön, wenn man sich die Zukunft nicht vorstellen darf?", ist zunächst vollkommen berechtigt. Es geht mir nicht darum, das auseinanderzusortieren, und zu sagen, der eine hat recht und der andere überhaupt nicht. Sondern das sind zwei sehr unterschiedliche Menschen, die beide auf ihre Art versuchen, Schmerz zu vermeiden und einen Hauch von Glück zu finden.

Was er am Schluss aber weniger erreicht als sie. Sie findet zumindest zu ihrer Tochter. Er bleibt allein und wartet vergeblich auf Ingrid.

Ja, sie mag Bindungen wirklich nicht. Sie bleibt ein Hippie. Da ist sie hart. Diese gewisse Rücksichtslosigkeit fand ich stimmig und auch die Egozentrik, die ihr zu eigen ist - sie besteht schon sehr stark auf den eigenen Bedürfnissen. Aber gleichzeitig macht sie Dinge möglich. Dass sie alle am Schluss in dieses Haus holt und damit für alle etwas Neues möglich macht, das ist auch Ingrid.

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