"Die wundersame Welt des Louis Wain" im Kino:Das Glück ist eine Katze

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"Die wundersame Welt des Louis Wain" im Kino: Der Maler Louis Wain (Benedict Cumberbatch) mit seiner Ehefrau Emily (Claire Foy) in "Die wundersame Welt des Louis Wain".

Der Maler Louis Wain (Benedict Cumberbatch) mit seiner Ehefrau Emily (Claire Foy) in "Die wundersame Welt des Louis Wain".

(Foto: Jaap Buitendijk/dpa)

Kunst und Wahnsinn: Benedict Cumberbatch und Claire Foy im Kinofilm "Die wundersame Welt des Louis Wain".

Von Susan Vahabzadeh

Für Katzenhasser ist der Film "Die wundersame Welt des Louis Wain" schon mal nichts, die wären wohl auch mit Benedict Cumberbatch und Claire Foy im Doppelpack nicht zu trösten. Hier geht es um die Erfindung der Katze als Haustier, oder genauer: als lebensbestimmenden, niedlichen Haustyrannen. Cumberbatch hat die Quintessenz von Wains Errungenschaften ganz genau verstanden, wenn er jetzt in Interviews beschreibt, wie am Filmset einige der bestbezahlten Stars des zeitgenössischen Kinos geduldig darauf warteten, dass die mitspielenden Katzen freiwillig irgendwann tun, was das Drehbuch von ihnen erwartet. Für Regieanweisungen sind Katzen taub. Und Will Sharpe, der "Die wundersame Welt des Louis Wain" inszeniert hat, wollte unbedingt mit echten Katzen arbeiten und auf digital nachbearbeitete Bilder verzichten.

Der Engländer Louis Wain war im späten 19. Jahrhundert ein großer Star, so groß, dass man ihn nach Amerika holte - und dann ist er doch in Vergessenheit geraten. Wain hätte sich selbst wohl als Erfinder bezeichnet, vor allem aber war er Zeichner, und er fertigte seine Skizzen mit unnachahmlicher Geschwindigkeit an, für Zeitungen, noch bevor es in denen auch Fotografien gab. 1886 erschienen in der London Illustrated News mehr als hundert Zeichnungen vermenschlichter Katzen, die Wain angefertigt hatte. So wurde er zu einem weltberühmten Zeichner, mit zunehmender Umnachtung zu einem Wegbereiter psychedelischer Kunst, vor allem aber zum Begründer eines Katzenkults, ohne den heute das halbe Internet leer stünde.

Nach dem Tod des Vaters muss er die Mutter und seine fünf Schwestern ernähren

Nach der Cowboy-Rolle in "The Power of the Dog" hat sich Cumberbatch mit Louis Wain eine Figur ausgesucht, die in fast allem das Gegenteil ist: einen sentimentalen Exzentriker. Louis ist zu gut für diese Welt, süß und hingebungsvoll, willig, aber weltfremd. Ein zerbrechliches Genie wie Alan Turing, den Cumberbatch in "The Imitation Game" gespielt hat.

Louis ist rastlos, aber für das, was die Wirklichkeit ihm abverlangt, hat er nicht die Kraft. Nach dem Tod seines Vaters, 1880, mit gerade mal zwanzig Jahren, ist er der einzige Mann in einer siebenköpfigen Familie, soll fünf Schwestern und die Mutter ernähren. Und für eine Gouvernante bezahlen. So kommt Emily (Claire Foy, die junge Elizabeth aus "The Crown") ins Haus, und Louis braucht einen Job, damit sie bezahlt werden kann - denn er ist bis über beide Ohren in sie verliebt. Die Szenen, in denen die beiden umeinander herumschleichen, wie es die viktorianische Etikette verlangt, und sie dann hemmungslos über Bord werfen, leben vor allem von der Chemie zwischen Cumberbatch und Foy, sie charakterisieren diese Beziehung: Spielkind und Gouvernante. Sie heiraten und ziehen in ein Haus, von dem aus man die Silhouette von London nur noch am Horizont hinter den Feldern sieht. Und bald sitzt er, die Szene ist wirklich zum Weinen, an ihrem Bettrand und lässt mit verstellter Stimme das Kätzchen sprechen, das sie draußen gefunden haben. Was hast du denn? Er weiß die Antwort, sie gibt sie ihm trotzdem: Ich habe Krebs.

Das mit den Katzen im Bett, die bis dahin eher zum Mausen da waren, ist ihr Vermächtnis - Louis beginnt, Kätzchen als Satire auf menschliches Verhalten zu zeichnen, wird Vorsitzender des Katzenhalterverbands, und Peter, das Katzenkind aus dem Garten, wird das Zentrum seines Daseins. Leider hat er sich - auch in Wirklichkeit - die Rechte an seinen Bildern nicht schützen lassen. Und so sind sie ein Erfolg, der sich nicht auszahlt.

Sharpes Erzählung gerät manchmal zu einer Nummernrevue, die die Stationen von Wains Leben abklappert, aber es gibt ein paar Momente, in denen sich das Nebeneinander von Kunst und Wahn ganz gut nachspüren lässt. Das Herumspringen zwischen einzelnen Episoden ist vielleicht angemessen, um von einem Mann zu erzählen, der keinen Halt fand. Es ist ein irres Leben, bestimmt von Albträumen, Ängsten und wirren Ideen - und all das setzt Sharpe ganz gut um, bis sich die Erinnerungen mit der Zukunft mischen und man auf der Leinwand die Muster zu sehen beginnt, die sich immer mehr in Wains niedliche Katzenbilder schlichen, je weiter sich sein Verstand von der Wirklichkeit entfernte.

"Die wundersame Welt des Louis Wain" ist kein perfekter Film, aber vielleicht genau der, der er sein wollte. Wains Theorien zur allgegenwärtigen Elektrizität, die sich durch die Zeit bewegt, sind Spinnerei, die Hingabe zu den Katzen aber steht für sein Verhältnis zu allem; ein Mann, dessen Leben ein einziger langer Kontrollverlust ist, liebt das Unzähmbare, auch wenn das bedeutet, dass er nie in sich ruhen wird. Das Glück ist eine Katze, es macht sich die Menschen untertan, ist schwer zu fassen und beim geringsten Misston auf der Flucht.

The Electrical Life of Louis Wain, Großbritannien 2021 - Regie: Will Sharpe. Drehbuch: Will Sharpe, Simon Stephenson. Kamera: Erik Wilson. Mit: Benedict Cumberbatch, Claire Foy, Andrea Riseborough, Toby Jones. Studiocanal, 111 Minuten.

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