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"Der Himmel wird warten" im Kino:1200 Franzosen sind nach Syrien gegangen, "aus allen Schichten"

Sandrine Bonnaire (rechts) spielt die Mutter, die plötzlich wieder 24 Stunden am Tag auf ihre Tochter Sonia (Noémie Merlant, links) aufpassen soll.

(Foto: Neue Visionen Filmverleih)

Drei Tage bevor die Dreharbeiten anfingen, fielen Terroristen über Paris her, Stade de France, Bataclan, der 13. November, 130 Tote, Ausnahmezustand. Die Täter kamen großteils aus den Pariser Banlieues.

Man glaubt, die Druckwelle dieser Attentate und des kollektiven Schocks bis in die Körpersprache der Protagonisten hinein zu spüren. Sandrine Bonnaire spielt die Mutter, die plötzlich wieder 24 Stunden am Tag auf ihre Tochter aufpassen soll, mit einer solchen Intensität, dass man sich sorgt, ihr könne irgendwann eine Schläfenader platzen.

Zinedine Soualem, der hilflos aggressive Vater, hängt die Badezimmertür aus, damit seine Tochter sich nicht mehr zum Beten zurückziehen kann. Und Noémie Merlant, die Tochter, hat ein beeindruckend stählernes Funkeln in den Augen. Rastlos, wie eine Drogenabhängige auf Entzug, sucht sie nach Möglichkeiten, wieder in Kontakt zu treten mit ihren Salafisten, schließlich ist sie überzeugt, dass sie das Seelenheil ihrer ungläubigen Familie nur durch einen Anschlag retten kann.

Okay. Ist das nicht zu viel des Guten? Anruf in Paris. Bei Dounia Bouzar. Da sie unter Polizeischutz steht, ist es nicht so leicht, sie zu erreichen. Als sie dann doch rangeht, erst mal die Frage nach der Glaubwürdigkeit des Drehbuchs: Bourgeoise 16-Jährige, die in den Dschihad ziehen, um ihren Eltern Tickets fürs Paradies zu sichern? Bouzar lacht am anderen Ende der Leitung wie ein Bass-Sänger beim morgendlichen Mundwassergurgeln. "Hatte ich hier alles schon sitzen. Sogar jüdische Mädchen, die Attentate begehen wollten, um so ihre eigenen Eltern von der Sünde des Jüdischseins reinzuwaschen."

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Und wie viele solcher Anwerbungen gibt es? Laut Bouzar wandten sich in Frankreich 2015 und 2016 jeweils rund 15 000 Eltern entweder an die Polizei oder an ihre eigene Organisation. Circa 1200 Franzosen sind nach Syrien gegangen, "aus allen Schichten, von altem Landadel bis zu Einwandererpatchworkfamilien".

"Terroristen, die freiwillig zur Therapie gehen, darauf muss man erst mal kommen"

Wenn Bouzar davon spricht, wie die Angeworbenen von ihr wieder zurückgeführt werden in ihr altes Leben, muss man wieder an Noémie Merlant denken, die in ihren Verzweiflungsschüben was von einer durchgeknallten Fixerin hat: Bouzar spricht von kaltem Entzug, von Entgiftung und davon, dass die Rückfallgefahr zehn Jahre lang anhalte.

Bouzar arbeitet mit ehemaligen Salafisten zusammen, weil sie überzeugt davon ist, dass anfangs nur andere Rückkehrer es schaffen, zu den Angeworbenen ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, Leute, die selbst einst den Sirenengesängen erlegen sind.

Leider wurden ihrer Organisation kürzlich vom Staat alle Mittel gestrichen. Die französische Regierung hat jetzt nämlich selbst ein Deradikalisierungsprogramm initiiert. Es soll auf freiwilliger Basis funktionieren. Bouzar schickt noch mal ihr Basslachen durch die Telefonleitung: "Terroristen, die freiwillig zur Therapie gehen, darauf muss man erst mal kommen. Der IS füllt ganze Webseiten mit Witzen über dieses naive Programm."

Das Regierungsprogramm gilt bereits als gescheitert. "Der Himmel wird warten" aber hat in Frankreich an einen kollektiven Schmerzkern gerührt, der Film wurde im vergangenen Herbst einhellig bejubelt.

Le ciel attendra. Frankreich 2016 - Regie: Marie-Castille Mention-Schaar Buch: Marie-Castille Mention-Schaar, Emilie Frèche Mit: Noémie Merlant, Naomi Amarger, Sandrine Bonnaire, Clotilde Courau, Zinedine Soualem. 105 Minuten.