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"Der Himmel wird warten" im Kino:Wenn Amazon den Ganzkörperschleier schickt

Ist das nicht zu dick aufgetragen? 16-jährige Mädchen, die von Frankreich aus in den Dschihad ziehen, um ihren Eltern Tickets fürs Paradies zu sichern? Leider nicht: Der Film "Der Himmel wird warten" erzählt eine viel zu wahre Geschichte.

Eine merkwürdige Irritation: Da sitzt diese Frau am Tisch, bildet das Kraftzentrum der Runde - und doch merkt man, dass etwas anders ist mit ihr. Sie erklärt den Eltern, wie es sein konnte, dass ihre wohlbehüteten Kinder dem IS auf den Leim gegangen sind.

Die zuhörenden Schauspieler wirken echt, man fragt sich, ob das wirkliche Eltern sind, so gut spielen sie Bestürzung, Verzweiflung, hilflose Wut. Dazu die schnelle Handkamera, die so nahe an die Gesichter rangeht, dass man die nervös zuckenden Sehnen unter den Augenlidern sieht. Dounia Bouzar aber, die sich selber darstellt, wirkt momentweise unecht, eben weil sie dann spielt und das ja gar nicht wirklich kann.

Trotzdem gewinnt "Der Himmel wird warten" gerade aus Bouzars Teilnahme eine große Kraft, gibt sie der Geschichte doch ihre dokumentarische Beglaubigung. Die Regisseurin Marie-Castille Mention-Schaar hat Dounia Bouzar vor den Dreharbeiten drei Monate bei ihrer Arbeit begleitet. Die Anthropologin Bouzar, Tochter eines Algeriers und einer Korsin, hat vor drei Jahren das französische Zentrum zur Prävention, Entradikalisierung und individueller Betreuung (CPDSI) mitbegründet, dessen Mitarbeiter mittlerweile über 1100 Jugendliche und deren Eltern betreut und durch ihr Deradikalisierungsprogramm begleitet haben.

Eltern, deren Haus nachts von Antiterroreinheiten gestürmt wird, weil ihr Sohn einen Anschlag plante. Mütter, die morgens vor dem leeren Bett im Kinderzimmer stehen, weil ihre Tochter tatsächlich abgehauen ist in die Türkei, um von dort weiterzuziehen in die IS-Gebiete.

So ähnlich ist es mit Sonia und Mélanie, zwei 16-jährigen Mädchen, deren so fiktive wie exemplarische Geschichten "Der Himmel wird warten" erzählt: Sonia wird festgenommen, weil sie in Anschlagsvorbereitungen verwickelt war. Mélanie wird im Netz angeworben und verschwindet nach Syrien. Ihre Mutter versucht nun vergeblich, sie aus der Ferne zu finden - oder gar selbst in die IS-Gebiete zu fahren.

Peu à peu gesetzestextartige Strenge

Mention-Schaar will vor allem zeigen, wie es so weit kommen kann. Wie es den Anwerbern gelingt, sich in wohlbehütete Teeniezimmer einzuschleichen. Bei Mélanie ist es der Löwenprinz, eine Facebook-Bekanntschaft.

Als ihre geliebte Großmutter stirbt, reagieren ihre Freunde mit Schablonensätzen und Emojis. Der Prinz aber findet die richtigen Worte der Trauer und Anteilnahme. Und zieht sie so in einen Liebesdialog, der sich über ihren weichen Idealismus an ihre tiefsten Überzeugungen heranschleicht, um peu à peu gesetzestextartige Strenge anzunehmen: Du sollst nicht mit den anderen reden, ich beschütze deine Reinheit.

Als gegen Ende des Films das Amazon-Paket mit ihrem Ganzkörperschleier kommt, freut sie sich wie andere über die schickste Jeans. Das anschließende albtraumhafte Bild verfolgt einen noch lange nach dem Film: Mélanie, die man immer wieder in ihrem Zimmer Cello spielen sah, mit offenem rotem Haar - plötzlich sitzt sie da, selbes Cello, selbes Teeniezimmer, aber jetzt spielt sie den sehnsuchtsvollen Schumann in gesichtsloser Burka. Kurz danach verschwindet sie.

Während man also Mélanie Schritt für Schritt in die Isolation folgt, geht Sonia den umgekehrten Weg. Sie hat im Nachhinein besehen das Glück, dass ein Antiterrorkommando eines Nachts ihr Elternhaus stürmt. Sie war in Anschlagspläne verwickelt und wird zu einer Art Isolationshaft zu Hause verurteilt. Das daraus entspringende Kammerspiel ist großartig. Plötzlich dieser Alien im Haus . . .

1200 Franzosen sind nach Syrien gegangen, "aus allen Schichten"

Drei Tage bevor die Dreharbeiten anfingen, fielen Terroristen über Paris her, Stade de France, Bataclan, der 13. November, 130 Tote, Ausnahmezustand. Die Täter kamen großteils aus den Pariser Banlieues.

Man glaubt, die Druckwelle dieser Attentate und des kollektiven Schocks bis in die Körpersprache der Protagonisten hinein zu spüren. Sandrine Bonnaire spielt die Mutter, die plötzlich wieder 24 Stunden am Tag auf ihre Tochter aufpassen soll, mit einer solchen Intensität, dass man sich sorgt, ihr könne irgendwann eine Schläfenader platzen.

Zinedine Soualem, der hilflos aggressive Vater, hängt die Badezimmertür aus, damit seine Tochter sich nicht mehr zum Beten zurückziehen kann. Und Noémie Merlant, die Tochter, hat ein beeindruckend stählernes Funkeln in den Augen. Rastlos, wie eine Drogenabhängige auf Entzug, sucht sie nach Möglichkeiten, wieder in Kontakt zu treten mit ihren Salafisten, schließlich ist sie überzeugt, dass sie das Seelenheil ihrer ungläubigen Familie nur durch einen Anschlag retten kann.

Okay. Ist das nicht zu viel des Guten? Anruf in Paris. Bei Dounia Bouzar. Da sie unter Polizeischutz steht, ist es nicht so leicht, sie zu erreichen. Als sie dann doch rangeht, erst mal die Frage nach der Glaubwürdigkeit des Drehbuchs: Bourgeoise 16-Jährige, die in den Dschihad ziehen, um ihren Eltern Tickets fürs Paradies zu sichern? Bouzar lacht am anderen Ende der Leitung wie ein Bass-Sänger beim morgendlichen Mundwassergurgeln. "Hatte ich hier alles schon sitzen. Sogar jüdische Mädchen, die Attentate begehen wollten, um so ihre eigenen Eltern von der Sünde des Jüdischseins reinzuwaschen."

Und wie viele solcher Anwerbungen gibt es? Laut Bouzar wandten sich in Frankreich 2015 und 2016 jeweils rund 15 000 Eltern entweder an die Polizei oder an ihre eigene Organisation. Circa 1200 Franzosen sind nach Syrien gegangen, "aus allen Schichten, von altem Landadel bis zu Einwandererpatchworkfamilien".

"Terroristen, die freiwillig zur Therapie gehen, darauf muss man erst mal kommen"

Wenn Bouzar davon spricht, wie die Angeworbenen von ihr wieder zurückgeführt werden in ihr altes Leben, muss man wieder an Noémie Merlant denken, die in ihren Verzweiflungsschüben was von einer durchgeknallten Fixerin hat: Bouzar spricht von kaltem Entzug, von Entgiftung und davon, dass die Rückfallgefahr zehn Jahre lang anhalte.

Bouzar arbeitet mit ehemaligen Salafisten zusammen, weil sie überzeugt davon ist, dass anfangs nur andere Rückkehrer es schaffen, zu den Angeworbenen ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, Leute, die selbst einst den Sirenengesängen erlegen sind.

Leider wurden ihrer Organisation kürzlich vom Staat alle Mittel gestrichen. Die französische Regierung hat jetzt nämlich selbst ein Deradikalisierungsprogramm initiiert. Es soll auf freiwilliger Basis funktionieren. Bouzar schickt noch mal ihr Basslachen durch die Telefonleitung: "Terroristen, die freiwillig zur Therapie gehen, darauf muss man erst mal kommen. Der IS füllt ganze Webseiten mit Witzen über dieses naive Programm."

Das Regierungsprogramm gilt bereits als gescheitert. "Der Himmel wird warten" aber hat in Frankreich an einen kollektiven Schmerzkern gerührt, der Film wurde im vergangenen Herbst einhellig bejubelt.

Le ciel attendra. Frankreich 2016 - Regie: Marie-Castille Mention-Schaar Buch: Marie-Castille Mention-Schaar, Emilie Frèche Mit: Noémie Merlant, Naomi Amarger, Sandrine Bonnaire, Clotilde Courau, Zinedine Soualem. 105 Minuten.

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SZ vom 22.03.2017/pak
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