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Reaktion auf den Terror:Verbrechensbekämpfung, nicht "Krieg"

Solche Wertsetzungen haben aber auch die Terroristen. Sie bestätigen ein ganz modernes Gesetz: Je entschiedener, zweifelsfreier die Wertsetzungen, desto gnadenloser die Praxis. Fundamentalismus, das lehrt jede religionssoziologische Betrachtung, ist Religion im Schatten des Nihilismus. Die fundamentalistische Religion hat jede Daseinssicherheit in Tradition, Sitte, Kultur verloren, Islamismus ist, wie Navid Kermani feststellte, Islam ohne islamische Kultur. Insofern hat er teil am modernen Werterelativismus, den er mit einer radikalen Wertsetzung beantwortet, der absoluten, nicht hinterfragbaren Treue zu einem nur unzweideutig zu verstehenden Gesetz.

Die Rede von "Werten" ist also tendenziell "polemogen", um es mit Niklas Luhmann zu sagen, kriegserzeugend: Ich habe meine Werte, du hast die deinen. Im Zweifelsfall siegen die höhere Überzeugtheit und Entschlossenheit, die größere Skrupellosigkeit. Wenn jetzt beispielsweise der Springer-Chef Mathias Döpfner eine "Radikalisierung der gesellschaftlichen Mitte" fordert, dann verlangt er doch wohl von uns allen (der "Mitte") einen solchen Kampf in der Arena der Werte.

Ist "Aufklärung" ein "Wert", für den wir kämpfen sollten?

"Kulturkampf" heißt das, nicht nur bei Döpfner, seit den Neunzigerjahren. Dass der "Clash of Civilisations" (wie der Politologe Samuel Huntington den Konflikt nannte) und die englisch-amerikanischen "values" eine etwas andere Begriffsfärbung haben, ändert an solcher Polemogenität wenig: Es geht um Kampfgeist und Entschlossenheit.

Ist "Aufklärung" ein "Wert", für den wir kämpfen sollten? Das mag man redensartlich so sagen, aber genauer wäre doch: Aufklärung ist ein Prinzip (Gebrauch des eigenen Verstandes, öffentlicher Vernunftgebrauch, Anzweifeln von Autoritäten), im Zweifelsfall eines, mit dem man auch "Werte" überprüft. Dann aber müsste man sagen: Einer der Werte, für die wir kämpfen, ist auch der Werterelativismus, also das Eingeständnis, das Ziel der Geschichte nicht zu kennen, und die Erlaubnis, sein eigenes Leben jeweils eigenen Werten zu unterwerfen. Da kann der eine dann die Lust wählen ("Hedonismus"), der andere die Selbstbeherrschung ("Askese"), die meisten einen Mix aus beidem.

Die Rede von "Werten", die den logischen Schatten von Pluralismus und Relativismus verleugnet, den sie voraussetzt, läuft Gefahr, in einen Glaubenskrieg zu münden. Glaubenskriege haben, wie man nicht nur aus der europäischen Geschichte weiß, eine Tendenz zur Unbeendbarkeit; sie bluten eher aus, als dass sie zu Friedensschlüssen führen. Die Vorstellung, mit Terroristen Frieden zu schließen, ist auch abwegig. Aber darum dürfen wir ihnen auch nicht ähnlich werden. Deshalb ist auch die wiederkehrende Rede vom "Krieg", wo es eigentlich um Verbrechensbekämpfung geht, so unglücklich. Kriegseinsätze gegen Terroristen sind nötig und legitim, solange es eine funktionierende internationale Rechtsordnung und eine wirksame Weltpolizei nicht gibt. Aber es wäre fatal, den "Islamischen Staat" als "Kriegspartei" anzuerkennen.

Rechtsgrundsätze brauchen keine philosophische Überhöhung

All diese begrifflichen Unterscheidungen wären ziemlich egal, hätten sie nicht Auswirkungen auf das Zusammenleben innerhalb der pluralistischen Gesellschaft. Hier zeigt die Rede von den "Werten" ihr potenzielles Gift. Die Reflexhaftigkeit, mit der jetzt das freundliche Gesicht der Willkommenskultur, der beste Beweis der freiheitlichen Selbstsicherheit dieser Gesellschaft, infrage gestellt wird, hat etwas Ermüdendes.

Wir haben guten Grund, den zu uns fliehenden Menschen zu erklären, dass hier der säkulare Rechtsstaat gilt, dass Frauen und Männer bei uns gleiche Rechte haben und dass Homosexualität eine anerkannte Lebensform ist. Aber dabei handelt es sich um Rechtsgrundsätze und Regelwerke, die nicht der philosophischen Überhöhung als "Werte" bedürfen. Wir können, ja müssen von den hier einwandernden Muslimen strikte Befolgung unserer Gesetze verlangen, aber nicht, dass sie ihrem Glauben abschwören, selbst wenn dieser nicht libertär-hedonistisch ist. Das nämlich wäre gegen unsere Werte. Diese überzeugen allein und am besten durch ihre Lebenstauglichkeit, als unsere äußerst attraktive Art zu leben. Der Rest ist Sicherheitspolitik.

© SZ vom 17.11.2015/doer
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