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Dok-Fest:"Kultur ist wichtig und fällt nicht aus"

Lil Dagover vor ihrem Heimkino, 1928

Die Schauspielerin Lil Dagover (1887 bis 1980) in ihrer Bibliothek vor einem Heimkino-Apparat. Das Dok-Fest plant nun Ähnliches für sein Dokumentarfilmprogramm -wenngleich mit sehr viel modernerer Technik.

(Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)

Wegen des Coronavirus sollte das Dokumentarfilmfestival eigentlich abgesagt werden. Nun haben Daniel Sponsel und sein Team einen Ausweg gefunden: Aus dem Kino- wird ein Heimkino-Festival.

Die schlechte Nachricht vorneweg: Das Dok-Fest München, eines der wichtigsten Festivals für Dokumentarfilme in Deutschland, wird zum ersten Mal in seiner Geschichte nicht in den Kinos stattfinden. Aus bekannten Gründen.

Die gute Nachricht: Das 35. Dok-Fest wird stattfinden, zum geplanten Zeitpunkt von 6. bis 17. Mai, allerdings nicht in den Lichtspielhäusern und Sälen der Stadt, sondern an den Bildschirmen zuhause, als Digitalfestival. Das bestätigte der Leiter Daniel Sponsel der SZ.

Etwa 75 neue Produktionen aus aller Welt werden in den Mai-Tagen online auf einer Partnerplattform zu sehen sein (159 Filme waren ursprünglich geplant). Einzeltickets sollen vier bis fünf Euro kosten, voraussichtlich gibt es auch einen Festivalpass. Geplant sind Interviews mit Regisseuren und eine virtuelle Eröffnung. "Wir setzen das Signal: Kultur ist wichtig und fällt nicht aus", sagt der Festivalchef. Am Telefon gab er sich optimistisch, dass das "Dok-Fest München@Home 2020" mit der neuen Ausrichtung angenommen werde. "Film ist ein Medium, das vielfach schon zuhause stattfindet", sagt Sponsel, "Film ist geübt darin." Zum Anspruch eines guten Dokumentarfilms, die Wirklichkeit abzubilden, passt der krisenbedingte Rückzug ins Wohnzimmer ebenfalls.

Andere Kultursparten tun sich da etwas schwerer. Zwar bieten auch Opernhäuser und Theater, Bands, Schriftsteller und Galerien Online-Angebote für die kulturelle Zwangspause. In diesen Tagen werden Festivals aber größtenteils abgesagt oder verschoben, wie die Passionsspiele (auf 2022) oder große Konzerte.

Der gebürtige Hamburger Daniel Sponsel leitet seit 2009 das Dokumentarfilmfestival München.

Der gebürtige Hamburger Daniel Sponsel leitet seit 2009 das Dokumentarfilmfestival München.

(Foto: Dok-Fest München)

Die Entscheidung, das Dok-Fest zu verändern, ist erst vor Kurzem gefallen. Noch vor drei Wochen habe Sponsel geglaubt, "safe" zu sein mit dem Termin im Mai. Als die Erkenntnis durchsickerte, dass die Auswirkungen des Coronavirus doch erheblich größer sind, kehrte Ernüchterung ein. "Unser besonderes Dilemma war ja: Wir hatten das komplette Budget zusammen, wir hatten alle Filme zusammen, kurzum: Wir waren fertig!", blickt er auf die vergangene Woche zurück. "Auf einen Schlag dann die Vernunftsentscheidung: Wir sagen ab!"

Sehr emotionale Tage seien das gewesen, betont Sponsel, der das Festival seit 2009 leitet und Jahr für Jahr weiterentwickelt hat. Im vergangenen Jahr kamen mehr als 52 000 Besucher an viele Spielstätten in der Stadt, ein neuerlicher Rekord. Oft habe er sich jüngst gefragt, wo der Fluchtweg aus der Misere ist? Eine Verschiebung, wie ebenfalls in den Arbeitsgruppen thematisiert, sei schwierig. Im Sommer habe das Filmfest München seinen festen Platz (aktuelle Informationen dazu gibt es noch nicht), und im Herbst beginne bereits die Planung für die nächste Dok-Fest-Ausgabe.

"Die Idee, online zu gehen, war naheliegend", sagt Daniel Sponsel. "Wichtig war uns aber: Ein Online-Festival darf nicht nur ein Streaming-Dienst sein. Wir wollen ein virtuelles Festival-Feeling schaffen." So überlege man etwa, die Eröffnung aus dem wohl leeren Deutschen Theater zu streamen. "Es geht darum, das Gefühl zu erzeugen, wie es wäre, wenn wir wie geplant hier eröffnen würden."

Auch an der gewohnten Struktur wolle man weitgehend festhalten, zum Teil auch an den Reihen. Ob die Wettbewerbe, etwa für Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum sowie aus aller Welt mit Preisgeldern in Höhe von bis zu 10 000 Euro, stattfinden können, ist noch offen. Einen Publikumspreis via Online-Voting hält Sponsel allemal für realistisch.

Wichtig für den Wandel zum Digitalfestival war das Vertrauen der Förderer. Sowohl der Freistaat Bayern mit seinem Digitalministerium als auch die Landeshauptstadt München haben ihre Unterstützung bekräftigt. "Ich freue mich über den pragmatischen wie kreativen Umgang des Dok-Fest München mit der aktuellen Situation", betont Kulturreferent Anton Biebl. Ohne das Einverständnis der Rechteinhaber der Filme würde es auch nicht gehen. Zahlreiche Zusagen habe er bereits erhalten, berichtet Sponsel. "Das Feedback ist sehr positiv. Ich habe das Gefühl, die Branche rückt jetzt noch mehr zusammen."

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Bei aller Euphorie - die Verlierer sind die Kinos. Die ohnehin massiv gebeutelten Betreiber gehen beim "Dok-Fest München@Home" leer aus. Jedoch gibt es laut dem Festivalchef Überlegungen, auch die Kinos irgendwie einzubinden, beispielsweise mit Hinweisen im Vorspann. Für das "virtuelle Festival-Feeling". "Da sind kreative Ideen gefragt", bietet Daniel Sponsel Gesprächsbereitschaft an.

© SZ vom 21.03.2020/lfr
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