Christine Kaufmann:"Das blondierte Traumwesen, das bin nicht ich"

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Als Kind drehte sie in den Bavaria-Filmstudios Heimatfilme. Dann kam Hollywood. Doch ihre wichtigsten Rollen spielte Christine Kaufmann nach ihrer Rückkehr. Nun ist sie mit 72 Jahren in München gestorben.

Nachruf von David Steinitz

"Irgendwas stimmt nicht mit meinem Kopf", sagte Christine Kaufmann vor ein paar Monaten bei einem Telefonat. "Da wo andere Schauspielerinnen normalerweise ihre Dreh-Anekdoten speichern, ist bei mir ein Loch, ich kann mich nie an Dreharbeiten erinnern." Es ging um ihren Kollegen Kirk Douglas, mit dem Kaufmann 1961 das Nachkriegsdrama "Stadt ohne Mitleid" drehte. Ihr Durchbruch in Hollywood, für den sie einen Golden Globe als beste Nachwuchsdarstellerin gewann. Douglas wurde im vergangenen Dezember 100 Jahre alt und die Bitte des Redakteurs, ob sie nicht einen Geburtstagstext über die gemeinsame Arbeit schreiben wolle, lehnte sie zunächst ab - alles vergessen.

Nur um dann ein paar Minuten später noch mal anzurufen, und quasi druckreif eine Geschichte nach der anderen aus der alten Hollywoodzeit zu erzählen, von Douglas und von ihrem Ehemann Tony Curtis, von den Partys und den Flirts und dem Champagner. Aber, und das war wirklich schelmisches Kaufmann-Understatement, das sei wahrscheinlich alles gar nicht so interessant für die Leser, und überhaupt müsse man die ganze Sache mit dem Ruhm und dem Champagner vorsichtig genießen.

Die kleine Christine liebte es, sich aus der grauen Nachkriegstristesse wegzuträumen

Dass man dem Showbusiness eher skeptisch gegenüberstehen sollte, lernte Kaufmann schon als Kind durch ein paar deftige Ohrfeigen, die ihr Gert Fröbe laut Drehbuch in ihrem ersten Film, "Salto Mortale" von 1953, verpassen sollte. Eine Zirkusgeschichte mit den großen Wirtschaftswundermännern des deutschsprachigen Kinos war das, neben Fröbe spielten auch Karl-Heinz Böhm und Peter Alexander. Die Bilanz dieser Erfahrung war, schrieb sie später in ihrer Autobiografie "Scheinweltfieber", dass anscheinend alte Männer achtjährige Mädchen Ohrfeigen durften, solange es "fürs Kino" war. Immerhin entschuldigte sich der Gert nach jeder Aufnahme.

Kaufmann wurde 1945 in der Steiermark geboren, als Tochter einer französischen Maskenbildnerin und eines deutschen Luftwaffenoffiziers, bald zog die Familie nach München um. Die kleine Christine liebte es, sich aus der grauen Nachkriegstristesse wegzuträumen, indem sie sich aus alten Stofffetzen Kleidchen bastelte und vor dem Radio tanzte und sang. Was für das Kind reiner Eskapismus war, nannten die Erwachsenen Begabung, die Mutter schleppte sie zum Theater am Gärtnerplatz und meldete sie fürs Ballett an. Und weil sie die Mutter oft zur Arbeit in den Bavaria Filmstudios draußen in Geiselgasteig begleitete, kamen die Kette rauchenden Herren vom Film schnell auf die Idee, aus ihr einen Star zu machen.

"Ich mutierte vom Kind mit aufgeschlagenen Knien und dickem, dunklen Haar zur blonden Kinofee", sagte Kaufmann. Nach ein paar kleineren Rollen bekam sie der Regisseur Harald Reinl in die Hände. Es gab im deutschen Kino der Fünfziger- und Sechzigerjahre kaum einen anderen Regisseur, der die kriegsvergessenen Heile-Welt-Gelüste des deutschen Publikums in jener Zeit so gut verstanden hat wie er. Reinl drehte "Winnetou"-Filme, "Edgar Wallace"-Filme und Heimatfilme, in denen die Heide ganz unverschämt blühte. Kaufmann machte er 1954 als "Rosen-Resli" zum Kindersuperstar. Der Ruhm kam so heftig und so plötzlich, dass selbst die damals Neunjährige skeptisch wurde: "Das blondierte Traumwesen, dem es gelingt, den Berg hochzuklettern, ohne das Kleid zu beschmutzen, das bin nicht ich, das ist keine Wirklichkeit. Das habe ich schon damals gewusst."

In den Cinecittà-Studios machten sie keine Filme über Mädchen mit Blumen im Haar

Beim Film wollte sie aber trotzdem gern bleiben, weil sie reisen durfte und ständig neue Leute kennenlernte. Bayern war dem Teenager bald nicht mehr genug. Sie ging nach Italien, wo die Herren in den Cinecittà-Studios genauso Kette rauchten wie in der Bavaria, aber immerhin keine Filme über Mädchen mit Blumen im Haar drehten. Eine Rolle in "Die letzten Tage von Pompeji" sorgte 1959 dafür, dass man in Hollywood auf das schöne Mädchen aufmerksam wurde. Es folgte "Stadt ohne Mitleid" mit Kirk Douglas, ein gnadenloses Antidot zum Sublimierungswahn des deutschen Nachkriegskinos.

Kaufmann spielte ein Mädchen in einer deutschen Kleinstadt, das von vier amerikanischen Soldaten vergewaltigt wird. Ein Prozess soll die Tat aufklären, aber das Mädchen gerät in die Kleinbürgerlichkeitsmühle der Nachkriegsjahre, wo Frauen zumindest eine Teilschuld an einer Vergewaltigung gegeben wurde. Eine Geschichte über verlogene Sexualmoral und männliche Demütigungsfantasien, die 16-jährige Kaufmann machte ihre Sache so gut, dass Stanley Kubrick sie unbedingt für "Lolita" haben wollte, aber das wurde ihr dann doch zu viel.

Bei den Dreharbeiten zu "Taras Bulba" lernte sie kurz darauf ihren späteren Ehemann Tony Curtis kennen, der sich Hals über Kopf in sie verliebte und für sie seine Frau Janet Leigh verließ. Die beiden bekamen zwei Kinder, und auch wenn die Ehe nicht lange hielt, sprach Kaufmann später immer sehr zärtlich und dankbar über diese goldene Zeit in Hollywood. Nach der Scheidung reiste sie durch Afghanistan und Indien, bis sie irgendwann beschloss, dass es an der Zeit sei, nach Deutschland zurückzukehren.

In "Monaco Franze" durchschaut sie gnadenlos den ewigen Stenz

Wer einmal Hollywood-Boden betreten hat und es dann wagt, wieder zurückzukommen, wird in Deutschland gerne hämisch empfangen, aber einige ihrer besten Rollen hat Kaufmann dann erst hier gespielt, Post-Hollywood. Sie wurde am Theater die "Skandalnudel von Peter Zadek", der sie am liebsten als verführerische Kurtisane besetzte, in der "Herzogin von Malfi" oder "Der Jude von Malta". Und sie wurde vom mürrischen Helmut Dietl für die Serie "Monaco Franze" engagiert, wo sie das genaue Gegenteil sein durfte, keine Lolita, keine Verführerin, keine Sexbombe, was ihr einen Riesenspaß machte. Sie spielte die Olga, Angestellte im Antiquariat von Monacos Frau, die den ewigen Stenz gnadenlos durchschaut und seine Weibertouren mit strengen Blicken durchs dicke Brillengestell torpediert.

Aber zu dieser Zeit war die Schauspielerei für sie schon mehr ein leidenschaftliches Hobby als der Hauptbroterwerb, weil "Anbetung und Ausbeutung" in diesem Beruf doch sehr einhergingen. Sie schrieb Bücher über Glück, Sex und Körperzufriedenheit, trat im Fernsehen auf, verkaufte Kosmetik und Lebensratschläge. Für manche sah das nach Abstieg aus, für Kaufmann war es lediglich konsequent, ab einem bestimmten Alter nur noch das zu tun, was sie tun wollte - für sich und nicht für andere. Als der Ruhm sie mit neun Jahren erwischte, habe sie eine sehr wichtige Lektion gelernt, sagte Kaufmann: "Man kann die Wellen nicht machen, man kann nur lernen, sie zu reiten." In der Nacht zu diesem Dienstag ist Christine Kaufmann im Alter von 72 Jahren in München gestorben.

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