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"Cats" als Hollywood-Produktion:Sind die Viecher eigentlich alle rollig?

Kinostart - 'Cats'

Frankensteins digitale Monster können vor allem sehr gut tanzen: Szene aus "Cats".

(Foto: dpa)
  • "Cats", die Verfilmung des Musicals von Andrew Lloyd Webber, hört sich großartig an, sieht dafür aber umso befremdlicher aus.
  • Immerhin hat Hollywood einen neuen Kultfilm in der Kategorie Supergau.
  • Dafür haben Tom Hooper und ein paar andere Oscar-Preisträger sich zusammengetan.

Die Vorweihnachtszeit ist unbedingt der richtige Moment für eine positive Grundeinstellung. Hier also eine optimistische Prognose: Hollywood hat einen neuen Kultfilm. Etwas in der Art von "The Room", dessen Schöpfer Tommy Wiseau unlängst von James Franco mit seiner eigenen Filmhommage "The Disaster Artist" geehrt wurde. Irgendwann wird also die Musicalverfilmung "Cats", die am 25. Dezember in die deutschen Kinos kommt, zum Kanon des Unsäglichen gehören. Verantwortet diesmal aber nicht von Möchtegern-Filmemachern, sondern von ganz vielen Oscarpreisträgern.

"Cats", das Muscial, das der legendäre Andrew Lloyd Webber nach Gedichten über Katzentypen von T. S. Elliot schrieb, ist seit seiner Premiere im Mai 1981 in London ein Dauerbrenner, der in unzähligen weiteren Produktionen, am Broadway und in Hamburg und anderswo, das Publikum bezauberte. Nicht ganz zu Unrecht - erstens hat Webber diesem Stück ein paar wunderbare Ohrwürmer verpasst, und zweitens ist es eindrucksvoll und fast magisch, wenn unendlich begabte Menschen tanzen und singen und dabei Katzenkostüme anhaben und gelegentlich innehalten, um sich mit ihren Plüschpfoten zu putzen. Eine perfekte Mischung aus Kunst und Künstlichkeit.

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Für die Verfilmung haben sich nun ganz viele weitere unendlich begabte Menschen zusammengetan. Produziert wurde der "Cats"-Film unter anderem von Steven Spielbergs Firma Amblin, inszeniert von Tom Hooper, der für "The King's Speech" mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Dazu in den Hauptrollen: Dame Judi Dench, Jennifer Hudson. Verstärkt von weiteren Talenten, die nicht schon mindestens einen Oscar auf dem Kaminsims stehen haben: Sir Ian McKellen, Idris Elba, Taylor Swift, Jason Derulo, James Corden. Und als Victoria, das neue Kätzchen, das zum Rudel dazustößt, eine Ballerina vom Royal Ballet in London. Was kann da schon schiefgehen? Na ja, ehrlich gesagt: fast alles.

Aber das Gute zuerst: "Cats" hört sich großartig an, die deutsche Synchronisation ist sehr genau, es ist sogar irgendwie in Ordnung, wenn Taylor Swift auftaucht und mit der nicht ganz richtigen Stimme in einer fremden Sprache singt. Vielleicht liegt das allerdings daran, dass das noch die geringste Irritation ist, die einen auf der Leinwand erwartet.

Beim einen wurden die Geschlechtsmerkmale weggezaubert, andere haben einen Busen auf der Katzenbrust

Denn am Anfang war eine Schnapsidee: die digitale Nachbearbeitung der Figuren am Computer. All die Schauspieler und Sänger, die man hier sieht, haben im weitesten Sinn Katzenkostüme an - aber diese wurden digital retouchiert. Das Kostümfell wurde übermalt, aber irgendwie auch nicht bei allen und nicht immer gleich; beim einen wurden die menschlichen Geschlechtsmerkmale weggezaubert (Jason Derulo beispielsweise hat sich bitterlich beklagt, man habe seine Männlichkeit dezimiert), andere aber haben einen Busen auf der Katzenbrust.

Schon der erste Trailer löste Entsetzen aus - die Katzenfratzen, die man da sah, Schauspielergesichter, die aus computergenerierten Katzen herausguckten, als hätte sie eine böse Hexe verflucht, waren wirklich furchterregend. Wenn Primaballerina Francesca Hayward am Anfang als Victoria aus dem Sack krabbelt, in dem sie auf der Straße beim Clan der Jellicle-Katzen ausgesetzt wurde, sieht das immer noch seltsam aus: Das Fell hat eine merkwürdige Textur, die irgendwie an Schlange erinnert, dazu die Beine einer Tänzerin, der Oberkörper einer Katze, obendrauf ein Katzenkopf mit Menschengesicht. Frankensteins digitales Monster.

Was nun zu den Feiertagen in die Kinos kommt, ist, des Aufruhrs um den Trailer wegen, die Nachbearbeitung der Nachbearbeitung, dem Vernehmen nach erst zwei Stunden vor der Premiere fertig geworden. Geholfen hat es wenig. Zum einen sehen diese Katzenmenschen immer noch fies aus - die computergenerierten Ohren etwa bewegen sich dauernd, manchmal sogar in unterschiedliche Richtungen. Sogar wenn echte Katzen das täten, sähe es an diesen Figuren falsch aus.

Warum hat man den Computer nicht die ganze Arbeit machen lassen?

Zum anderen geht es ja nicht nur um die missratenen Computereffekte. Schwerer wiegt, dass Tom Hooper sinnentleert zwischen Kulissen wechselt, manchmal innerhalb eines einzigen Lieds, bis einem endlich bewusst wird, dass "Cats" eigentlich eine Nummernrevue ist. Alles sieht irgendwie schräg aus, die Dimensionen zum Beispiel. Mal Mäuseklein, dann wieder gigantisch.

Und da sind noch größere Rätsel: Wer ist denn auf die Idee gekommen, die Mäuse in der Geschichte mit molligen Kindern zu besetzen? Warum engagiert jemand eine Solotänzerin vom Royal Ballet und lässt sie tanzen, wenn nebendran die 85-jährige Judi Dench liegt und ein Katzenbeinchen kerzengerade in die Höhe recken darf, erkennbar eine Fähigkeit, die ihr nur der Computer verschafft hat? Warum hat man diesen dann nicht die ganze Arbeit machen lassen?

Und, mal ganz im Ernst: Sind die Viecher eigentlich alle rollig, oder warum bewegen sie sich, als würden sie sich im Stripclub an der Stange rekeln? Für den Massengeschmack in Sachen Erotik sind Katzenmutanten bei der Kopulationsanbahnung vielleicht ein wenig zu speziell. Aber für die Hommage, die jemand diesem Desaster irgendwann widmen wird, ist das bestimmt ein besonders amüsanter Dreh. Bis dahin: Augen zu und durch.

Cats, USA/GB 2019 - Regie: Tom Hooper. Buch: Hooper, Lee Hall, nach Andrew Lloyd Webber. Kamera: Christopher Ross. Mit: Judi Dench, Ian McKellen, Idris Elba, Taylor Swift. Universal, 111 Min.

© SZ vom 20.12.2019
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