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"König der Löwen"-Regisseur im Gespräch:"Wie weit kann ich diese neue Technologie ausreizen?"

Bist du echt? Löwenjunges Simba und Vogel Zazu in Jon Favreaus "König der Löwen"-Remake.

(Foto: AP)

Jon Favreau über das Remake des Disney-Klassikers - und den Punkt, an dem sich Realität nicht mehr von digitalen Effekten unterscheiden lassen wird.

Ein bisschen spät dran ist Jon Favreau beim Interviewtermin in London. Eine Live-Schaltung ins amerikanische Frühstücksfernsehen hatte Vorrang, zum weltweiten Start seines neuen Films "Der König der Löwen" wird schließlich das ganz große Geschütz aufgefahren. Für den amerikanischen Regisseur und Schauspieler nichts Neues. Seine Karriere begann er in den Neunzigerjahren zwar mit Independentproduktionen wie "Swingers" oder "Made", doch spätestens seitdem er mit "Iron Man" den Grundstein für den heutigen Marvel-Boom legte, ist er Spezialist für Großprojekte voller Spezialeffekte. Aktuell arbeitet Favreau, der sich im Gespräch als Vollprofi erweist, der sich auch von Kritik nicht aus der Fassung bringen lässt, an der "Star Wars"-Serie "The Mandalorian".

SZ: Mr. Favreau, Ihre Version von "The Jungle Book" war vor drei Jahren der Auslöser für inzwischen eine ganze Reihe von Remakes erfolgreicher Disney-Zeichentrickfilme. Wussten Sie damals sofort, dass Sie so etwas noch einmal machen wollen?

Jon Favreau: Ja, in der Tat, vor allem aus technischen Gründen. Ich habe damals unglaublich viel Neues über digitale Animation und Computereffekte gelernt, doch bis unser Film in die Kinos kam, hatte sich die Technologie bereits wieder weiterentwickelt. Plötzlich gab es noch mehr Möglichkeiten und gerade im Bereich VR ("virtual reality", Anm. d. Redaktion) echte Neuigkeiten. Deswegen machte ich Disney sehr schnell den Vorschlag, mir als nächstes "Der König der Löwen" vorzuknöpfen.

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B e im "Jungle Book" gab es durchaus Unterschiede zur Vorlage, doch "Der König der Löwen" orientiert sich nun teilweise Bild für Bild am Zeichentrickfilm. Warum?

Bei einigen Sequenzen war es mir sehr wichtig, möglichst Einstellung für Einstellung dem Original nachzuempfinden. Die "Circle of Life"-Sequenz etwa, weil die einfach ein toller Einstieg in den Film ist. Oder auch die Gnu-Stampede, bei der Mufasa ums Leben kommt. Das Besondere an "Der König der Löwen" ist für mich, dass er einer der ersten Filme ist, mit denen die Millennial-Generation aufgewachsen ist. Dieser Film wurde von seinen Fans nicht nur einmal im Kino und später vielleicht noch einmal im Fernsehen geschaut, sondern wieder und wieder auf Video. Die können teilweise heute noch jeden Satz mitsprechen. Entsprechend gehen mit dem Titel einige Erwartungen einher, und ich hätte es als Ansatz falsch gefunden, mich darüber hinwegzusetzen und etwas ganz Neues daraus zu machen.

null; Film

Kein einziges Bild wurde mit einer Kamera gedreht, dennoch sehen alle Tiere täuschend echt aus: Szene aus Jon Favreaus Remake von "Der König der Löwen".

(Foto: Disney)

Aber ist reiner Fan-Service aus künstlerischer Sicht nicht ziemlich langweilig?

Ich weiß schon, was Sie meinen. Aber man kann die Sache eben auch aus einem anderen Blickwinkel sehen. Was mich als Regisseur an diesem Projekt reizte, war die Frage: Wie weit kann ich diese neue Technologie ausreizen? Kann ich wirklich einen solchen Film umsetzen und ihn fotorealistisch aussehen lassen, ohne ein einziges Bild real mit der Kamera gefilmt zu haben? Diese innovativen Technologien und diese Art der Bildproduktion kosten aber natürlich einiges an Geld - und dafür braucht es dann eben Disney und einen Titel wie "Der König der Löwen". Mit einem anderen Projekt und auf eigene Faust hätte ich mich niemals in diesem Bereich ausprobieren können.

Die emotionale Wirkung der Zeichentrickfilme von Disney verdankt sich immer auch einer Niedlichkeit der Figuren. Bei Ihnen nun sehen die Löwen und Co. exakt aus wie echte Tiere. Hatten Sie keine Sorge, dass es eher irritierend wirkt, wenn die plötzlich sprechen?

Darum habe ich mir ehrlich gesagt nicht so viele Sorgen gemacht. Erinnern Sie sich noch an den Film "Ein Schweinchen namens Babe"? Das war auch ein echtes Schwein, das sprechen konnte, aber keine menschliche Mimik verpasst bekam. Trotzdem identifizierte sich das Publikum mit ihm. Genauso wie man auch bei den Natur-Dokumentationen von David Attenborough mitfiebert. Das Narrativ, die Musik, die Kameraarbeit, der Schnitt - all diese Dinge sorgen dafür, dass man als Zuschauer mitfühlt und sich identifiziert. Dafür braucht es keine übergroßen Knopfaugen.

Jon Favreau

Jon Favreau, Jahrgang 1966, ist ein amerikanischer Regisseur, Schauspieler und Produzent. Zu seinen bekanntesten Filmen zählen "Iron Man" und "Iron Man 2, außerdem die Neuverfilmung von "Das Dschungelbuch".

(Foto: AP)

Wo Sie gerade die Attenborough-Dokus erwähnen: So realistisch wie Ihre Tier- und Landschaftsbilder in "Der König der Löwen" sind, könnte man meinen, dass Naturfilmer bald überflüssig sind. Der Computer kriegt alles noch besser hin und kommt noch näher ran.

Tatsächlich arbeite ich schon an einem Projekt, das quasi als Naturdokumentation unterschiedliche Epochen unserer Welt zeigt. Ein paar mehr Fortschritte in der Technologie braucht es dafür noch. Aber schon jetzt lässt sich - wenn man genug Zeit und Ressourcen hat - vieles am Computer darstellen, was herkömmliche Naturdokus nicht leisten können. Früher oder später werden wir an einen Punkt kommen, wo sich die Realität nicht mehr von visuellen Digitaleffekten unterscheiden lässt. Bislang scheitert es häufig noch spätestens dann, wenn es um die Darstellung von Menschen geht. Aber ich denke, dass sich in zehn Jahren auch das erledigt haben wird.

Sie sagen das, als sei es eine gute Nachricht!

Für mich als Filmemacher, der die Zuschauer möglichst glaubwürdig in andere Welten und Situationen versetzen will, ist es das auch. Mehr denn je können wir so Erfahrungen machen, die im wahren Leben nicht möglich wären. Aber natürlich verstehe ich auch, wenn jemand von diesen technologischen Fortschritten verunsichert ist. Vor allem abseits der Kunst, in den Nachrichten oder der Politik, kann das natürlich fatale Folgen haben. Man sieht ja heute schon auf Youtube und Facebook, was Deep Fakes anrichten können.

Sie haben die letzten Jahre fast ausschließlich mit Mega-Produktionen verbracht, neben den Disney-Remakes sind Sie Bestandteil des Marvel-Universums und arbeiten aktuell an der "Star Wars"-Serie "The Mandalorian". Vermissen Sie gar nicht das ungezwungenere Arbeiten an kleineren, eigenen Produktionen wie etwa Ihrem Film "Kiss the Cook"?

Doch, deswegen habe ich zuletzt ja, inspiriert von "Kiss the Cook", beispielsweise die Koch-Sendung "Chef Show" gemacht, die jetzt auf Netflix zu sehen ist. Das war auf eigene Faust und in meiner Freizeit - und das komplette Gegenteil zur Arbeit an "Der König der Löwen". Ich habe einfach Freunde eingeladen, wir haben gekocht, und ich habe das gefilmt. Das war spontan und improvisiert, und ich habe erst am Ende gesehen, was sich daraus überhaupt machen lässt. Ich hatte enorm viel Spaß daran, aber natürlich weiß ich auch, dass so ein Vorgehen bei Superhelden-Filmen oder diesen Disney-Produktionen nicht möglich wäre. Trotzdem will ich die nicht missen, denn die Freiheit, mich visuell und technisch auszuprobieren, habe ich - wie schon gesagt - nur dort.

Müssen wir also wirklich fürchten, dass die Zeit bald vorbei ist, in der es Filme wie eben "Kiss the Cook" oder auch Ihr Debüt "Made" aus dem Jahr 2001 in die Kinos schaffen?

Ich fürchte schon, zumindest vorübergehend. Die Konkurrenz um die Aufmerksamkeit der Zuschauer ist einfach zu groß geworden, da können kleinere Filme nicht mithalten. Die meisten der Filme, mit denen ich aufgewachsen bin und die früher stets mit Oscars ausgezeichnet wurden, werden heute gar nicht mehr fürs Kino gedreht, sondern von Streamingdiensten produziert. Damit ein Film sich heutzutage auf der großen Leinwand behaupten kann, muss er sowohl auf der ganzen Welt funktionieren, also möglichst massenkompatibel sein, als auch echten Event-Status haben. Man geht schließlich nicht mehr ohne Weiteres für jeden Film aus dem Haus, das muss schon eine Geschichte sein, die man als gemeinschaftliche Erfahrung erleben will. Alles was klein und intim ist, hat im Kino gerade nichts mehr verloren. Ich glaube nicht zwingend, dass das immer so bleibt. Aber für den Moment ist das die Regel.

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