Bildband "Genesis" von Sebastião Salgado Eine Hommage an den Planeten

Mit "Genesis" legt Salgado nun seinen Bericht in Bildern von diesen Reisen vor. Der Taschen-Verlag bietet den Fotoband für 49,99 Euro an. Und dann gibt es noch eine zweibändige Sammler-Edition in fünf verschiedenen limitierten Auflagen von jeweils 100 nummerierten und signierten Sets zum Preis von 7500 Euro.

Das Sammler-Exemplar ist - typisch für Salgado - so großformatig und mit knapp 60 Kilo so schwer, dass es eines eigenen Buchständers bedarf, der vom japanischen Star-Architekten Tadao Andō entworfen wurde und im Preis enthalten ist. Zugleich stellt Salgado seine Aufnahmen in einer Welttournee aus, die bis Anfang nächsten Jahres in London, Rom, Toronto, Rio de Janeiro, Sao Paulo, Lausanne und Paris gastieren wird.

Sebastião Salgado mit der Sammler-Edition von "Genesis"

(Foto: Taschen)

"Genesis" ist enorm vielfältig. Geografisch reicht das Spektrum von den Polen der Erde, über Gebirge, Vulkanlandschaften, Urwälder, Wüsten bis hin zu den Ozeanen und ihren Inseln. Die Tierwelt ist in ihrer ganzen Mannigfaltigkeit zu sehen - von Rentieren in Sibirien über Pinguine in der Arktis, Blutbrustpaviane in Äthiopien, bis zu Zebras, Giraffen und Löwen im botswanischen Okavango-Delta. Auch den Menschen zeigt Salgado wieder - in Form von Angehörigen indigener Völker, wie den Korowai in Westpapua, der Waura im brasilianischen Xingu-Becken, der Nenzen, die mit ihren Rentieren nahe des Polarkreises leben oder der Mursi- und Suma-Frauen in Äthopien, die als letzte Menschen dieser Welt große Platten in ihren extrem geweiteten Unterlippen tragen.

Wie von Salgado zu erwarten, sind die Bilder auch in "Genesis" von atemberaubender Schönheit und großer Dramatik. Zum Beispiel die Aufnahmen der "Tsingy" auf Madagaskar, die er als eine der bizarrsten Steinformationen bezeichnet, die er je gesehen habe, und deren geometrische Regelmäßigkeit sein geübtes Auge nur allzu genau erfasst. Oder die Bilder des in geschwungenen Schleifen mäandernden Amazonas unter einem mächtigen Dom aus Wolken - kaum ein anderer Schwarz-Weiß-Fotograf beherrscht den Umgang mit Schattierungen, Grauabstufungen und Hell-Dunkel-Kontrasten so gut wie er.

Im Gegensatz zu seinen früheren Serien ist Salgado bei "Genesis" nicht der Vorwurf zu machen, er nutze menschliche Tragödien für schöne Bilder an Galeriewänden. Im Gegenteil, die Schönheit der Natur ist sein vorrangiges Anliegen. "Genesis" ist seine Hommage an den Planeten - einerseits.

Andererseits verbindet er seine Fotos auch dieses Mal mit einem politischen Appell: der Mahnung an die Zivilisation, die Erde in ihrer Ursprünglichkeit und in ihrer faszinierenden Vielfalt zu bewahren.

Moderne Ästhetik versus natürliche Ursprünglichkeit

Sebastião Salgado, Genesis, Lélia Wanick Salgado, Hardcover mit 17 ausfaltbaren Seiten, 24,3 x 35,5 cm, 520 Seiten, Taschen, 49,99 Euro.

(Foto: )

In dieser politischen Absicht Salgados liegt auch bei "Genesis" ein Widerspruch. Denn sein Blick ist der eines Mannes, der ganz offensichtlich tief von der Ästhetik und der Bildsprache des 19. und 20. Jahrhunderts beeinflusst ist. So wie er die Natur sieht, zeigen sie auch die Fotografen des National Geographic Magazin oder in Ansätzen seine Wegbereiter aus dem 19. Jahrhundert, Foto-Pioniere wie Anselm Adams oder Carleton Watkins.

Der Brasilianer sucht in seinen Bildern genau nach den Strukturen und Formen, an die wir uns in unserer Zivilisation gewöhnt haben. Darin liegt ein Paradoxon: Denn nur durch ihre Massentauglichkeit entwickeln die Fotos eine Anziehungskraft, die kommerziell verwertbar ist, wie allein schon die Sammler-Edition von "Genesis" deutlich macht. Andererseits wollen die Bilder die Konsumgesellschaft und unseren zerstörerischen Lebensstil in Frage stellen, indem sie uns mit dem Ursprung der Welt konfrontieren. Die ganz eigenen Gesetze und die damit verbundene Ästhetik der Natur blendet Salgado aber aus: Jene Aspekte der Ursprünglichkeit, die vielleicht am authentischsten sind, die den modernen Menschen möglicherweise aber konsternieren würden (Folgen von Hitze, Kälte, oder etwa das Blutbad, das Krokodile bei der Jagd anrichten), mutet uns der Fotograf nicht zu.