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Bildband "Genesis" von Sebastião Salgado:Rückzug in den Regenwald

In jedem Fall hat Salgado in seinem Leben sehr viel menschliches Elend mit eigenen Augen gesehen. Oft hielt er sich an Brennpunkten des Schreckens monatelang auf, um ein Verständnis für die Lage zu entwickeln.

In einem Auffanglager in Zaire, voll mit Menschen, die 1994 zu Hundertausenden vor dem Völkermord in Ruanda geflohen waren, fotografierte Salgado einen Sterbenden. Der Cholerakranke liegt mit dem Kopf nach unten auf dem dreckigen Boden, umringt von Gaffern. "Das beunruhigt einen", zitierte ihn die British Medical Journal mit lakonischer Bestürzung.

Sebastião Salgado

Mursi- und Suma-Frauen in Äthopien, die als letzte Menschen dieser Welt große Platten in ihren extrem geweiteten Unterlippen tragen.

(Foto: Sebastião Salgado Amazonas)

Die Traumata, die er von seinen Reisen mit nach Hause brachte, bekam er irgendwann nicht mehr in den Griff. Er sei durch das Mitleiden mit den von ihm Porträtierten krank geworden, sagte er. Der Fotograf beschloss, sich gemeinsam mit seiner Frau Lélia auf die Plantage seiner Eltern zurückzuziehen, dorthin, wo er aufgewachsen war, in die brasilianischen Tropen. Doch was er vorfand, war erneut niederschmetternd: Der Wald seiner Kindheit war gerodet, der Boden durch Erosion zerstört.

Auch in dieser Situation entschied sich Salgado für die große Lösung: Er fasste den wahnwitzig anmutenden Vorsatz, zweieinhalb Millionen Bäume zu pflanzen. Dieses Projekt ist noch nicht abgeschlossen, doch den Nationalpark Bulcão Farm gibt es bereits, sowie das Instituto Terra, das sich der Wiederaufforstung von gerodeten Wäldern sowie dem Naturschutz verpflichtet fühlt.

Aus Salgados Engagement für die Natur entwickelte sich wieder ein neues fotografisches Langzeitprojekt zur Darstellung jenes ersten Teils der biblischen Schöpfungsgeschichte - der Erschaffung der Natur.

Auf 55-tägiger Wanderung durch Nordäthiopien

Acht Jahre lang unternahm er 32 Reisen in Gegenden der Welt, die sich in der langen Erdgeschichte kaum verändert haben. Sie zu identifizieren, sei nicht schwierig gewesen, sagt er. Denn unglaubliche 46 Prozent der Landmasse unseres Planeten seien noch immer so unberührt wie am Tage der Schöpfung, zitiert er die gemeinnützige Organisation Conservation International, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Diversität an Pflanzen, Tieren und Landschaftsformen zu erhalten.

Regionen schnell orten zu können, bedeutet nicht, dass es leicht ist, dorthin zu gelangen: In die Antarktis schipperten seine Crew und er mit einem 36 Meter langen Schiff, das so konstruiert war, dass es auftreibt, bevor es die Eismassen zerdrücken konnten. Trotzdem war es riskant, im Weddell-Meer zu segeln, wie er berichtet: "Wegen der vielen Eisberge, von denen einige kaum sichtbar waren und andere beängstigend groß." Vom christlichen Wallfahrtsort Lalibela, der auch Neu-Jerusalem genannt wird, startete er zu einer 55-tägigen Wanderung durch Nordäthiopien und stieß zum Bergmassiv des "Abune Yosef" vor, wo Christen auf 4200 Metern Höhe in Höhlenkirchen beten.

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