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Putin-Kritiker Alexej Nawalny:Endspiel

Screenshots aus den Videos des Kremlkritikers Alexey Nawalny

Der russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalny (links) zitiert in seinen Videos oft Schätze der Sowjetkultur, hier eine Verfilmung des Romans "Der Meister und Margarita".

(Foto: Alexey Nawalny/Youtube)

Selbst in Haft ist Alexej Nawalny für Wladimir Putin ein kaum lösbares Problem. Auch, weil seine populären Enthüllungsvideos mit modernsten Unterhaltungsstrategien arbeiten.

Von Sonja Zekri

Reichtum muss nicht mit dem Teufel zugehen, das hat Michail Bulgakow schon zu Sowjetzeiten nachgewiesen. In seinem Roman "Der Meister und Margarita" stellt der Teufel ganz Moskau auf den Kopf, aber in Immobilienfragen, heißt es, bedürfe es keiner Magie. Allein durch geschickte Tauschgeschäfte könne man es von einem schäbigen Souterrain zu einer schönen Sechs-Zimmer-Wohnung bringen.

Der russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalny zitiert in seinen Videos oft Schätze der Sowjetkultur, Kinokomödien, Zeichentrickfilme, Plakate. Die nostalgischen Memes bringen ein wenig Wärme in die harte Aktualität der Fakten. Bulgakows Wohnungstausch griff Nawalny für ein sonst eher schmuckloses Video auf, wobei der verblüffende Effekt auf der präzisen Übereinstimmung mit der sowjetischen Vorlage beruhte.

Stepan Orlow, der Fraktionschef der Kremlpartei "Einiges Russland" in der Moskauer Stadtduma , habe in den 26 Jahren seiner Abgeordnetentätigkeit so oft Wohnungen mit der ihm gegenüber sehr großzügigen Stadt getauscht, so Nawalny, bis aus seiner 58-Quadratmeter-Wohnung in einem Vorort drei Immobilien von insgesamt 250 Quadratmetern in Bestlage am Arbat wurden, eine Dienstwohnung eingerechnet. Nawalnys Bilanz, mehr amüsiert als entrüstet: "Wir werden auf so elegante Weise bestohlen, dass Bulgakow vor Begeisterung gestorben wäre."

Fast 100 Millionen Menschen sahen bislang das Video über den "Palast für Putin"

Den gut sechs Minuten langen Film veröffentlichte Nawalny im September 2019, da hatte er bereits eine beachtliche Karriere als Oppositionspolitiker hinter sich: 27 Prozent der Stimmen in der Moskauer Bürgermeisterwahl, eine verhinderte Präsidentschaftskandidatur, die Schwächung der Kremlpartei durch strategische Stimmabgabe. Und doch sind die 1,2 Millionen Zuschauer von damals ein verschwindendes Publikum im Vergleich zu den mehr als 100 Millionen Besuchern, die sein jüngstes, bislang gewagtestes Werk über den "Palast für Putin" sahen, Wasserdisco, Austernfarm und goldene Klobürste inklusive.

Dass der einstige Blogger aus einem Dorf bei Moskau für den Kreml ein kaum noch lösbares Problem darstellt, dass Nawalny selbst aus der Untersuchungshaft so viele Menschen wie seit Jahren nicht auf die Straße bringt und am Sonntag wieder Proteste zu erwarten sind, das alles hat viel mit der russischen Tradition politischer Erlöserfiguren zu tun. Und mit Youtube.

Zunächst die Erlöser. Viel ist über den Mut Nawalnys geschrieben worden, als er aus Deutschland nach Russland zurückkehrte, obwohl ihn dort nichts Gutes erwartete. Schaut man sich frühere Machtkämpfe der russischen Geschichte an, muss man sagen: Er hatte kaum eine andere Wahl. Der Anarchist Sergej Netschajew, Autor des "Revolutionären Katechismus", gewalttätig und so agitationsstark, dass er sogar seine Gefängniswärter auf seine Seite zog, war immer bereit, sein Leben für den Sturz des Zaren zu geben. Die Revolutionärin Vera Sassulitsch wurde nach einem Attentat auf einen Polizeihauptmann von einem Geschworenengericht nur deshalb freigesprochen, weil man ihre uneigennützigen Motive anerkannte. So wie die Dekabristen vor ihnen, so wie Alexander Solschenizyn oder Michail Chodorkowskij nach ihnen gehörten sie zu jenen überlebensgroßen und sendungsbewussten Befreiern, wie sie jede russische Autokratie zuverlässig hervorbringt. Der Unterschied ist: Nawalny hat Humor.

Er ist geschult an Late-Night-Shows und politischer Stand-up-Comedy

Er kommentiert die Chalets eines korrupten Moskauer Beamten in einem Wald in Südeuropa mit giftigem Spott: "Die Natur weint, wenn sie sieht, wofür russisches Geld verwendet wird." In seinem Film über zwei verhasste Journalisten des Staatsfernsehens verdichtet er die Vulgarität und Unterwürfigkeit der Regime-Nachtigallen zu einer O-Ton-Montage aus zwei Wörtern: "Natschalnik" und "schopa". Chef (gemeint ist Putin) und Arsch. Undenkbar, dass Russlands skrupulöse liberale Intelligenzija je solch infantile Witze gemacht hätte. Undenkbar aber auch, dass Russlands skrupulöse liberale Intelligenzija so viele junge Leute mobilisiert hätte.

Anders als der deutsch sozialisierte Putin hat Nawalny als Stipendiat in Yale studiert. Sein Medienverständnis ist geschult an Late-Night-Shows und politischer Stand-up-Comedy, an Storytelling und Blockbustern. Über die Jahre hat er ein Gespür für Timing und Tempo entwickelt, das wenige Fernsehmoderatoren besitzen und ganz sicher kaum ein Politiker. Die Antikorruptionsvideos mit all ihren Sequels und Prequels summieren sich zu einer großen Saga vom Kampf zwischen Gut und Böse, oder, wie es auf seiner Webseite heißt, "dem Guten und der Neutralität". Politiker, Juristen oder Propagandisten heucheln Liebe zum Vaterland und schikanieren Oppositionelle als "ausländische Agenten", so die Erzählung, aber in Wahrheit stehlen sie dem russischen Steuerzahler Millionen, um Besitz in ganz Europa anzuhäufen.

Nawalny selbst inszeniert sich dabei als Mann aus dem Volk, ehrlich, aber clever. Einmal führt er die Zuschauer in seine Wohnung in einem Plattenbau, um dort ein Video aufzunehmen, weil die Technik seiner Stiftung konfisziert wurde. Aber halt, das geht nicht, denn auch seine Wohnung könnte beschlagnahmt werden, damit habe der Moskauer Staatsanwalt Denis Popow gedroht. Also führt er sein Publikum in den Süden, nach Montenegro, wo er ein Zimmer im Hotel eben jenes Moskauer Staatsanwalts bucht, das offiziell Popows Frau gehört, und auf der Terrasse ein Glas Wein trinkt.

Screenshots aus den Videos des Kremlkritikers Alexey Nawalny

Nalwany bucht ein Hotelzimmer an einem malerischen See in Montenegro. Der heimliche Besitzer des Hotels sei der Moskauer Staatsanwalt, behauptet er.

(Foto: Alexey Nawalny/Youtube)

Die Konfrontation zwischen der vaterlandslosen verknöcherten Kleptokratie und dem lässigen ironiebegabten jungen Russland spielt Nawalny in vielen Varianten durch. Schon ehe der russische Geheimdienst im August versuchte, Nawalny mit dem Nervengift Nowitschok umzubringen, muss er gewusst haben, dass ihn seine Enthüllungen Freiheit und Leben kosten können. Vor der Kamera aber zeigt er nicht das kleinste Zögern. Wenn man ihn Schlager trällernd auf investigativer Mission im Auto sieht, wirkt die Arbeit als Korruptionsbekämpfer weniger gefährlich als vielmehr wie ein Abenteuer, ein Spaß. Auf einer Recherchereise macht Nawalny Witze über die knallbunte Garderobe seines investigativen Mitstreiters, des Dokumentarfilmers Georgij Alburow. Eigentlich habe man ja unauffällig arbeiten wollen, das könne man angesichts dieser Hawaiihemden wohl vergessen.

Finanziert wird seine Stiftung durch Spenden, auch aus der russischen Geschäftswelt

Mit den Dokumentarfilmen seiner Stiftung, dem Youtoube-Kanal "Nawalny Life", mit Millionen Followern auf Telegram, Instagram oder dem russischen Facebook-Pendant WKontakte hat Nawalny in zehn Jahren ein kleines alternatives Medienimperium geschaffen. Finanziert wird seine Stiftung durch Spenden, einzelne und regelmäßige, auch aus der russischen Geschäftswelt.

Ein interessanter Faktor seiner Arbeit dürfte die Unterstützung aus dem System selbst sein. Nawalnys Team analysiert die Bilderflut der sozialen Medien, öffentliche Informationen etwa aus Katasterämtern, es operiert mit künstlicher Intelligenz und Drohnenflügen - aber all das wäre viel weniger effektiv ohne die Kollaboration aus dem Inneren des Apparats. Der Hinweis auf Popows montenegrinische Besitzungen kam direkt aus der Moskauer Staatsanwaltschaft, so Nawalny, die Pläne für Putins Palast von beauftragten Bauunternehmen.

Als würde Nawalny nicht schon rein optisch wie eine jüngere, modernere Version des schier endlos regierenden russischen Präsidenten wirken. Einst wurde Putin von Millionen Russen für seine Anständigkeit geliebt und für seine Vitalität bewundert. Die Herzen der Frauen flogen ihm zu, weil er nicht pöbelte und nicht soff, Popsänger schrieben ihm Lieder ("Einer wie Putin"). Inzwischen bekommt ihn sein Volk kaum noch zu Gesicht, und wenn, wirkt er angezählt und alt. Wenn Nawalny Putin als "Bunker-Opa" verspottet und neuerdings sogar als Wahnsinnigen beschimpft, dann zielt er auf die Ängste einer Gesellschaft, die bittere Erfahrungen mit unzurechnungsfähigen Herrschern hat. Er, Nawalny, wirkt hingegen ein halbes Jahr nach dem Mordanschlag unverwüstlich und jungenhaft wie eh und je.

So schaut man mit angehaltenem Atem auf einen Showdown, in dem die Mittel ungleich verteilt sind, aber die Gegner auch Gemeinsamkeiten haben. Zum Beispiel in außenpolitischen Fragen. Putin hat mit seiner Georgienpolitik und der Annexion der Krim im Westen allen Kredit verspielt. Nawalny wiederum missbilligt die Mittel, aber mit dem Ergebnis kann er gut leben. "Nationalist" ist für ihn kein Schimpfwort. Vor ein paar Jahren nahm er nicht nur an den "Russischen Märschen" der Rechten und Ultrarechten teil, sondern schloss sich auch der Bewegung "Chwatit kormit' Kawkas" an, wir haben den Kaukasus genug durchgefüttert.

Und dann gibt es - gnadenloses Internet - ein Video, in dem Nawalny Verständnis für ausländerfeindliche Unruhen nach der Vergewaltigung einer jungen Frau durch einen Kirgisen vor zwei Jahren zeigt und eine Visumspflicht für Migranten fordert. "Putins Konzept besteht darin, Hunderttausende Migranten nach Russland zu holen, um die Gesellschaft zu verjüngen", behauptet Nawalny. Viele würden kriminell oder dealten mit Drogen, aber die Polizei unternehme nichts dagegen und das Staatsfernsehen schweige. Da wirken die vertrauten Elemente - der Schutz des russischen Volkes, die Rechte der Steuerzahler, die gelenkten Medien - plötzlich zwiespältig und nicht mehr so einladend. Und ein hässliches Wort drängt sich in den Vordergrund. Es heißt Populist.

© SZ/kni
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