2015 in Lyrics:Das sind die wichtigsten Songzeilen des Jahres

Lesezeit: 12 min

2015 in Lyrics: Sie sangen die Zeilen des Jahres (v.l.n.r.): Lana Del Rey, Adele, Dirk von Lowtzow, The Weeknd und Kendrick Lamar.

Sie sangen die Zeilen des Jahres (v.l.n.r.): Lana Del Rey, Adele, Dirk von Lowtzow, The Weeknd und Kendrick Lamar.

(Foto: dpa/Getty/dpa/AP/Reuters)

Von Kendrick Lamar über Tocotronic bis Adele und Sarah Connor: Diese Künstler prägten 2015 mit ihren Texten.

Kendrick Lamar: "Alright"

Nigga, we hate po-po / Wanna kill us dead in the street fo sho

Zu Kendrick Lamars im März erschienenem Meisterwerk "To Pimp a Butterfly" lassen sich viele Erfolgsgeschichten erzählen. Eine ist die, dass auf dem Albumcover die Schwarze Revolution dargestellt wird (eine schwarze Gang posiert nach der Eroberung des Weißen Hauses in dessen Vorgarten) und dann Mitte Dezember die Nachricht kam, dass Lamar damit im Weißen Haus angekommen ist: "How Much a Dollar Cost", an Position zehn des Albums, ist Barack Obamas Lieblingssong 2015. Eine andere Erfolgsgeschichte: Lamar ist mit dem Album bei den nächsten Grammy-Awards in elf Kategorien nominiert.

Der größte Erfolg des Albums aber ist wohl, dass Lamar es darauf schafft, das Lebensgefühl schwarzer Amerikaner heute zu fassen und die politischen Probleme (Kapitalismus, Rassismus, Drogen, Gewalt) in all ihrer Komplexität zu reflektieren. Vielleicht die prägnanteste Zeile: die über die Polizei ("po-po"), die öffentlich Jagd auf Schwarze macht. Im Jahr, in dem die "Black Lives Matter"-Bewegung bei vielen Demonstrationen mit starker Polizeipräsenz eingekesselt wurde, während zu den bekannt gewordenen Opfern der rassistischen Polizeigewalt (Trayvon Martin, Tamir Rice) immer neue hinzukamen (Sandra Bland, Walter Scott, Freddie Gray), hallt diese Zeile besonders übel nach. Kein Wunder, dass "Alright" als neue "Black National Anthem" bezeichnet wurde.

Jan Kedves

Lana Del Rey: "High By The Beach"

All I wanna do is get high by the beach/ Get high by the beach, get high by the beach, get high

Wer jetzt über den viel zu warmen Winter klagt, der denkt, wenn er mit dem Klagen fertig ist, immer auch an den viel zu warmen Sommer des Jahres 2015. An die Hitze, die auch spätabends noch in den Städten stand. Ans Baden in Flüssen und Seen, an diese große tropische Langsamkeit, die das ganze Land erfasst hatte zwischen Juni und August. Man kam da ja schon verschwitzt auf der Arbeit an, egal wie früh es war - und bevor die künstlich kühl klimatisierte Büroluft einen umfing, wünschte man sich genau das, was Lana Del Rey dann Mitte August endlich für alle in Worte fasste: Einfach an den Strand jetzt, nichts tun den ganzen Tag, denn wann wird es denn das nächste Mal wieder so einen Sommersommer geben? In diesem Leben noch?

Vielleicht ja tatsächlich. Denn 2015 war auch das Jahr, in dem man in Mitteleuropa zum ersten Mal dachte: Ja, dieser Klimawandel kommt, er ist eigentlich schon da und wird auch bleiben. Wenn von nun an alle jeden Sommer in der Hitze liegen und nach und nach die Siesta ein deutsches Grundbedürfnis wird, dann muss das mit diesem Lied im Hintergrund passieren. "High By The Beach" klingt pur, unverfälscht und klar, mit diesem Meeresrauschen im Hintergrund und darüber, in hypnotischen Spiralen kreisend, Lana Del Reys verschlafener Sirenen-Stimme. High? Ist man da sofort. Und sieht sich selbst - wie Del Rey im Musikvideo - im hellblauen Satin-Morgenmantel durch lichtdurchflutete Zimmer laufen.

Kathleen Hildebrand

Adele: "Hello" und Drake: "Hotline Bling"

Hello from the other side / I must've called a thousand times & You used to call me on my cell phone

Das Handy-Telefonat war in diesem Jahr ein großes Thema im Pop. Beziehungsweise: das nicht zustandekommende Handy-Telefonat. Sowohl Adele als auch Drake sangen ihre großen Hits nach dem Piepton auf die Mailbox. In Adeles "Hello" war es ihr früherer Lover, der nicht mehr abhob (oder wahlweise Adeles eigenes früheres Ich, das der heutigen Adele nichts mehr zu sagen hat). In Drakes "Hotline Bling" war es die Ex, die Drakes Anrufe ignoriert - dabei sehnt er sich doch so nach ihr, vor allem nach den Sex-Messages, die sie ihm früher immer nachts aufs Handy funkte.

Mailbox-Hits wie diese passen nur zu gut in die Smartphone-Ära. Die Kommunikationskanäle im Smartphone haben sich multipliziert, umso frustrierender ist es, wenn dann auf keinem einzigen der Kanäle etwas zurückkkommt. Viele nehmen eingehende Anrufe schon aus Prinzip nicht mehr an, weil sie es als übergriffig empfinden, am Telefon spontan eloquent und schlagfertig sein zu müssen. Sie tippen lieber eine SMS, WhatsApp-Nachricht oder Facebook-Message - oder eben nicht. Dabei wird die Sehnsucht immer stärker, endlich mal wieder miteinander zu sprechen - zumindest bei denjenigen, die noch anrufen und versuchen durchzukommen. Nebeneffekt: Die ersehnte Stimme im Ohr wird immer intimer und libidinöser besetzt, und die Songs zum Thema geraten sentimental. "Hello" und "Hotline Bling" sind so gesehen Hits für ein total kommunikationsgestörtes Zeitalter.

Jan Kedves

The Weeknd: "Tell Your Friends"

My cousin said I made it big and it's unusual/ She tried to take a selfie at my grandma's funeral

Man kann Abel Makkonen Tesfaye, besser bekannt als The Weeknd, viel unterstellen, aber ganz sicher nicht Jungfräulichkeit. Schreibt der kanadische R'n'B-Sänger doch die Chroniken der verdrogtesten, libidinösesten und gleichsam verzweifelsten Nächte, die der Pop seit langem gehört hat. Songs wie die feuchten Albträume eines Spätpubertierenden. "Push it to the limit, push it through the pain, I push it for the pleasure like a virgin to the game" sang The Weeknd noch vor vier Jahren auf seinem Debüt-Mixtape. Heute ist er ein Star.

2015 war das Jahr, in dem The Weeknd aus der Finsternis ins Licht trat. Mit einem Album, das wie kaum ein anderes nach Pop auf der Höhe der Zeit klingt. Mit Songs, so schön und glatt, dass man an ihnen abzurutschen und in den tiefen Abgründen zwischen ihnen zu verschwinden droht. Kein Stück auf "Beauty Behind the Madness" umreißt den Kosmos von The Weeknd besser als "Tell Your Friends": der Fame, der Sex, die Drogen und das große Nichts, das hinter jedem Blowjob, hinter jeder Line Koks lauert.

Drogen waren dieses Jahr im Hip-Hop wieder ein Thema, ob Hustensaft (Future: "Dirty Sprite 2"), LSD (A$AP Rocky: "At.Long.Last.A$AP") oder eben Koks. The Weeknd macht dieses Sujet zum Teil der großen Erzählung von der neuen Verletzlichkeit im Pop. Denn die Geschichte von Abel Makkonen Tesfaye ist nicht nur die eines jungen Mannes aus Toronto, der vom Obdachlosen zum Weltstar aufsteigt - sondern auch ein Klagelied auf den Verlust der Anonymität. Aussprechen heißt angreifbar werden - gerade in einem angeblich "harten" Genre, in dem "softe" Künstler mit Spott übergossen werden.

Bei aller Druffi-Lyrik gilt: The Weeknd war immer mehr Frust als Lust - auch wenn er mittlerweile Songs für den Soundtrack von "Fifty Shades of Grey" schreibt. "Tell Your Friends" ist emotionale Reizüberflutung. Doch am Ende verlieren sich Stimme und Gitarre im dumpfen Mix. Die Clubtür schluckt den Partylärm. Und du hörst nur noch den Bass. Alleine, auf der dunklen Straße.

Julian Dörr

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