48. Internationales Filmfestival Karlovy Vary Jafar Panahi: "Mein Herz ist bei Euch"

Per Skype live zugeschaltet: Jafar Panahi, wie er in Karlsbad zu sehen war. Persönlich anwesend war die Schauspielerin Azadeh Torabi (im Vordergrund), die Panahis aktuellen Film "Pardé" präsentierte.

(Foto: Film Servis Festival Karlovy Vary)

Da war zunächst der Starfaktor, der in Karlsbad mit John Travolta, Oliver Stone, dem Oscar-Preisträger Jerry Schatzberg und der Oscar-Nominierten Agnieszka Holland gar nicht so viel beeindruckender ausfiel als in München - von Berlinale- oder Cannes-Niveau auf jeden Fall aber trotz Travoltas Saturday-Night-Fever Einlagen weit entfernt war. Da war aber auch die spürbar professionellere Organisation, der höhere Aufwand beim Corporate Design, bei der Website, bei den Trailern und die Tatsache, dass Karlsbad in der Lage war, eine starke politische Botschaft zu formulieren.

Denn Jafar Panahi, der iranische Dissidenten-Regisseur, der in seinem Land unter Hausarrest steht, war plötzlich Gast des Festivals: Die Zuschauer des Kinos im Kurmittelhaus Drei trauten ihren Augen nicht, als der Venedig-Gewinner von 2000 plötzlich auf der Leinwand zu sehen war und zu ihnen sprach. Per Skype live zugeschaltet, sagte Panahi: "Leider habe ich meine Familie in der Filmwelt verloren, aber mein Herz ist bei Euch. Es ist für mich sehr schmerzhaft, nicht mehr Teil der Gesellschaft sein zu können, denn ich mache Filme über die Gesellschaft. Jetzt lebe ich in einer absoluten Welt der Trauer."

Wie schon zuvor die Filmfestspiele in Cannes vor zwei Jahren und die diesjährige Berlinale, bei denen heimlich gedrehte Filme Panahis zu sehen waren, wurde das Filmfestival in Karlsbad so zu einer Bühne für den Filmemacher, der dem Mullah-Regime in Teheran einmal mehr vor den Augen der Weltöffentlichkeit ausrichten konnte, dass es ihn zwar physisch wegsperren kann, sein Geist aber frei bleibt.

Politische Signale adeln Filmfestivals ganz besonders, doch der Panahi-Auftritt belegte auch in künstlerischer Hinsicht eine der Stärken des Karlsbader Festivals. Denn der Anlass für den Auftritt des iranischen Filmemacher bestand in der Vorführung seines Film "Pardé", für den er bei der diesjährigen Berlinale den Silbernen Bären bekommen hat. Zu sehen waren in dem böhmischen Kurort allerdings auch der Berlinale-Siegerfilm "Mutter und Sohn" sowie das chilenische Beziehungs-Drama "Gloria", das viele Beobachter für den heimlichen Sieger der diesjährigen Berlinale hielten, sowie etliche weitere Beiträge des diesjährigen Berlinale-Wettbewerbs.

Auch der halbe Wettbewerb von Cannes war mit Filmen wie "Jeune et Jolie", "Heli" oder "Like Father, like Son" vertreten. Katrin Gebbe, die in diesem Jahr in Cannes den einzigen deutschen Film präsentiert hatte, zeigte ihren mutigen Debütfilm "Tore tanzt" ebenfalls. Vom "Sundance"-Festival setzte der diesjährige Siegerfilm "Fruitvale Station" mit einer überragenden Octavia Spencer (Oscar 2012) einen starken Akzent.

Zweischneidiger Wettbewerb

So erklärt sich die Beliebtheit, die das Karlsbader Festival in der internationalen Filmbranche und bei den Redakteuren der großen amerikanischen Filmblätter Variety und Hollywood Reporter genießt.

Wer bei einem anderen Festival einen wichtigen Film verpasst hat, hat hier beste Chancen, ihn noch zeitnah sehen zu können. Und das bei kurzen Wegen, einer Bilderbuch-Landschaft, dem Jugendstil-Flair eines Habsburger Heilbades und einer tadellosen Kino-Infrastruktur. Denn als ehemaliges Aushängeschild des kommunistischen Europas in der internationalen Festivallandschaft verfügt Karlsbad beispielsweise über ein richtig großes Premierenkino - im Gegensatz etwa zu München.

Doch der Wettbewerb, also genau der Programmteil, an dem sich ein A-Festival wie Karlsbad von einem Festival wie München tatsächlich gravierend unterscheidet, ist zweischneidig. Denn einem kleinen A-Festival wie Karlsbad fällt es schwer, ausreichend viele Spielfilme zu finden, die mindestens ihre internationalen Premieren feiern (was bei A-Festivals vorgeschrieben ist) und gleichzeitig von hoher Qualität sind.

Zwar sichert der Wettbewerb einerseits Sponsorengelder und Aufmerksamkeit in der Filmwelt - beim diesjährigen Filmfest in München war beispielsweise der letztjährige Karlsbader Beitrag "La Lapidation de Saint Étienne" aus Frankreich zu sehen. Doch andererseits zwingt er die Programmierer, viel Durchschnittliches zu bringen - das Weltkino gibt einfach nicht ausreichend viele neue Filme auf Cannes-, Venedig- oder Berlinale-Niveau her.