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47. Filmfestival Karlovy Vary:Gewagt und verloren

Mit Cannes, Venedig und Berlin zu konkurrieren wäre illusorisch, doch Programmdirektor Karel Och will das A-Festival von Karlovy Vary dennoch aufwerten. Er setzt auf Debütanten aus dem Umfeld etablierter Filmkünstler, die Überraschungserfolge bewerkstelligen sollen. Hin und wieder wird es solche Treffer geben, doch in diesem Jahr ging das gewagte Kalkül nicht auf.

In Karlsbad (Karlovy Vary) wird viel gebaut, gerade entsteht ein neuer Wohn-Komplex am Brezovy-Damm. Der ist zwar zehn Kilometer vom pittoresken Zentrum der böhmischen Barock-Perle entfernt, doch dafür ist hier am Wasser und inmitten der runden Waldhügel des auslaufenden Erzgebirges noch genügend Platz, der einigermaßen erschwinglich ist. Seit sich die Russen in Karlsbad einkaufen, steigen die Immobilienpreise steil an, da werden entferntere Lagen interessant, zumal wenn sie mit landschaftlicher Schönheit punkten können.

Film Servis Festival Karlovy Vary

Plakate von Festivalfilmen, die in Karlovy Vary gezeigt wurden - diesmal ging das Kalkül nicht auf.

(Foto: Film Servis Festival Karlovy Vary)

Karlovy Vary, wie Goethes bevorzugtes Heilbad auf tschechisch heißt, ist bedeutender als seine Größe vermuten lässt - die Zahl der Fünf-Sterne-Hotels ist beachtlich, der Adel aus ganz Europa trifft sich hier regelmäßig und es ist schon etwas Besonderes, dass sich ein 50.000-Einwohner-Ort einen Flughafen leisten kann, auf dem regelmäßig Maschinen aus Moskau, Sankt Petersburg oder Antalya landen.

Größe und Bedeutung beansprucht auch das Internationale Filmfestival, das hier regelmäßig in der ersten Juliwoche stattfindet. Mit seinem Gründungsjahr 1946 zählt das Karlsbader Festival neben den Filmschauen von Moskau, Venedig, Cannes und Locarno zu den traditionsreichsten Veranstaltungen dieser Art und wird bis heute in der prestigeträchtigen Liste der 13 weltweit ausgerichteten A-Festivals geführt.

Seit Jahren unter "Ferner liefen"

In dieser ersten Liga der internationalen Filmfestspiele sind die Champions-League-Plätze und die restlichen Positionen im mittleren und unteren Tabellenbereich seit Jahrzehnten allerdings klar vergeben. Cannes, Venedig, Berlin - so heißt zur Zeit wohl die Reihenfolge der ersten drei Ränge. Dann kommt erst mal lange nichts, bevor Locarno als Anführer der kleinen A-Festivals in Erscheinung tritt. Die restlichen Filmfestspiele dieser Gattung, ob in Karlovy Vary, San Sebastian, Moskau, Mar del Plata oder Warschau, spielen sich hingegen schon seit Jahren in der Kategorie "Ferner liefen" ab. Für die Festivalmacher vor Ort muss sich das anfühlen wie für Manager von Fußballvereinen wie dem 1. FC Nürnberg - immer mit dabei, aber irgendwie kaum wahrgenommen.

Die Karlsbader Festivalmannschaft hat seit dem vergangenen Jahr allerdings einen neuen Teamchef, und der will die Sichtbarkeit seiner Filmschau erhöhen - so viel wurde im zweiten Jahr unter der Ägide von Programmdirektor Karel Och zumindest deutlich, doch dazu später mehr.

Es sei nämlich vorausgeschickt, dass es wesentlich schwieriger ist, in der festgefügten Liga der Filmfestivals zu avancieren als einen Ort mit Fünf-Sterne-Häusern aufzuwerten oder eine Mannschaft wie Hoffenheim im Oberhaus des deutschen Fußballs zu platzieren - für solche Erfolgsstorys bedarf es in erster Linie lediglich des vielen Geldes. Eine dicke Brieftasche allein reicht für die Aufwertung eines Festivals wie Karlsbad aber nicht aus. Dafür haben sich die Muster der Ehrerbietung im internationalen Filmgeschäft über die Jahrzehnte zu stark eingeschliffen.

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