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66. Filmfestspiele Cannes:Wucht der Zärtlichkeit

Mads Mikkelsen in "Michael Kohlhaas" Cannes

Mads Mikkelsen in "Michael Kohlhaas".

(Foto: dpa)

Eine zufällige Begegnung mit Sofia Coppola, neue Filme mit Mads Mikkelsen und Marion Cotillard - und die Antwort auf die Frage, warum Cannes noch immer ein genialer Ort ist für die wirklich eindrucksvollen Spezialeffekte. In diesem Fall zu verdanken den Gefühlsstürmen der Französinnen Léa Seydoux und Adèle Exarchopoulos.

Die kleine schmale Frau, die durch den Regen geht, erregt auf der Uferpromenade keine weitere Aufmerksamkeit. Und doch läuft da eine Königin. Sie trägt Tüten von Chanel und Hermès, einen schmalen kurzen Regenmantel und Hosen, die über den Knöcheln enden, beides in schwarz. Ihre Füße stecken in Sandalen mit Keilabsatz, in denen sie schnell und sicher vorankommt, und die kurzen Griffe ihrer Handtasche erlauben es, diese als Gegengewicht zu den Tüten zu tragen.

Sagt dieses Bild nicht schon alles über das Kino der Sofia Coppola? Über ihren angeboren Adel und ihr Wesen als Künstlerin, über ihre Eleganz und Effizienz und über die Sicherheit, mit der sie durch die Welt geht, ihre Ideen verfolgt, die Balance hält, vorankommt? Die Tochter des Paten auf der Croisette, das gehört zu flüchtigen, ganz persönlichen Bildern dieses Cannes-Jahrgangs, die über die Filme ins Leben hinauswiesen und doch auch das Kino schlagartig erhellt haben. Man weiß, dass Sofia Coppola ihre Schuhe und Handtaschen selbst entwirft, für ihr Label bei Luis Vuitton - denn das meiste, was die Welt den Frauen so vorsetzt, ist ihren Ansprüchen nicht gewachsen. Genauso macht sie es mit den Erzählstrukturen ihrer Filme.

Schlaglichter, die sich zu kurzen Momenten der Erkenntnis verdichten, daran muss man sich im Chaos der Eindrücke am Ende orientieren. An dem Augenblick mit der Banane etwa, die Marion Cottilard in James Grays "The Immigrant" in die Hand gedrückt bekommt. Cottilard spielt eine Flüchtlingsfrau aus Schlesien im New York der Zwanzigerjahre - gerade erst ist sie durch die Warteschlangen von Ellis Island gekommen, wo ihre Schwester an den Ärzten der Einwanderungsbehörde hängenblieb, mit Verdacht auf Tuberkulose. Und jetzt? Jetzt beisst sie, ganz allein in der neuen Welt, erst einmal herzhaft und ahnungslos in die Bananenschale.

Wasserklare blaue Augen brennen sich ein

Ein Detail, das James Gray aus den Erzählungen seiner eigenen Großmutter übernommen hat. Sein großes Ziel ist es hier, die Härte und Tragik der Immigrationserfahrung zu beschwören - die Lebendigkeit seines Films steckt aber doch vor allem in solchen kleinen Momenten. Darüber liegt ein Melodram im Rotlichtmilieu, mit Joaquin Phoenix als Zuhälter, voller Hass und Intrigen und Abhängigkeit, aber auch schmerzhaft beseelt von dem Gefühl: Wir müssen für einander da sein, jemand anders wird sich nicht kümmern.

Bei "Tore tanzt", dem Regiedebüt von Katrin Gebbe, das als deutscher Beitrag in der Selektion "Un certain regard" lief, brennen sich dann besonders die wasserklaren blauen Augen des Hauptdarstellers Julius Feldmeier ins Gedächtnis ein. Er spielt einen "Jesus Freak", einen schüchternen, arbeits- und richtungslosen, doch zutiefst gläubigen jungen Mann. Der gerät an Menschen, die ihn einerseits aufnehmen und als Mitglied der Familie behandeln, andererseits aber ausnutzen, ausbeuten und immer schrecklicher quälen. Man weiß nie genau, wie realistisch die Psychologie dieses Films sein soll, manches wirkt wie ein unerklärliches Phantasma - aber die zunehmende Wut, mit der die Zuschauer auf das grenzdebile Zutrauen und die Schicksalsergebenheit in diesen blauen Augen reagieren, ist ohne Zweifel beabsichtigt. Sie löste in Cannes starke Reaktionen aus, Klatschen und heftige Buh-Rufe.