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Österreich-Kolumne:Hartnäckige Kanzler-PR

20210414 Council of ministers VIENNA, AUSTRIA - APRIL 14: Federal Chancellor Sebastian Kurz (OEVP) during the Council of

Lässt sich für seinen "hartnäckigen Einsatz" beim Thema Impfstoff loben: Bundeskanzler Sebastian Kurz.

(Foto: Martin Juen/imago images/SEPA.Media)

Sebastian Kurz lässt sich für die vorgezogene Impfstofflieferung von Biontech/Pfizer feiern. Ganz so als hätte er die Dosen eigenhändig hergestellt.

Von Cathrin Kahlweit

Ich muss gestehen, ich komme zurzeit viel zu wenig aus Wien heraus, was vor allem dem sogenannten Ost-Lockdown geschuldet ist. Der allerdings wird von Montag an ein Wien-plus-Niederösterreich-minus-Burgenland-Lockdown sein (lesen Sie hier mehr zur aktuellen Corona-Lage) . Der burgenländische Landeshauptmann möchte sich nämlich eigene Regeln schnitzen. Vielleicht lockt das ja gleich mal den neuen Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein aus der Reserve; er ist als gerader und handlungsorientierter, aber auch sozial engagierter Typ bekannt. Während der Flüchtlingskrise 2015/16, erzählen Freunde, sei er das eine oder andere Mal in der Not auch mitten in der Nacht in fremde Wohnungen gekommen, um zu helfen und neu angekommene, schwerkranke afghanische oder syrische Flüchtlinge zu untersuchen. Bei den Türkisen dürfte ihn das zum Gutmenschen stempeln; aber die in der Koalition um ihr Image kämpfenden Grünen könnte er schmücken, genauso wie der warmherzige, aber bisweilen etwas zu harmoniesüchtige Rudi Anschober sie schmückte. (Lesen Sie hier mit SZ Plus mehr zu seinem Rücktritt am Dienstag.)

Zurück zu Wien, das gern der Nabel der Welt wäre, sich oft auch so fühlt und es an manchen Tagen sogar ist: Man nehme nur die Atomverhandlungen im diplomatischen Paarlauf am Ring, wo Boten die jeweiligen Einlassungen ihrer Delegationen - unter dem brüllenden Lärm von Protestsongs der Volksmujaheddin und megafonverstärkten Reden von Monarchisten, flatternden Fahnen, den Motorengeräuschen Dutzender Diplomatenlimousinen und schnatternden Journalisten vor Kamerapulks - von einem Nobelhotel quer über die Straße in ein anderes Nobelhotel tragen (mein Kollege Paul-Anton Krüger hat darüber sehr informativ geschrieben). Die Szenerie hat, wenn man die ganze Technik ausblendet, etwas vom 19. Jahrhundert.

Das Thema Sputnik V könnte elegant versanden

Womöglich ist Wien ja auch demnächst Treffpunkt des bilateralen Meetings von US-Präsident Biden und Russlands Präsident Putin, das der Amerikaner in Moskau angefragt hat. Österreichische Zeitungen jubeln jedenfalls schon mal, Wien böte sich, neben Helsinki, als idealer Platz an. Wenn der Ost-Lockdown dann noch läuft, könnte das lustig werden: Emissäre düsen zwischen der amerikanischen und der russischen Botschaft mit Maske und Schnelltests hin und her, begleitet von Bodyguards in Schutzanzügen, jede Depesche wird vor Übergabe desinfiziert. Obwohl: Putin wird wohl eher mit nacktem Oberkörper auf einem Pferd über den Ring zu Biden reiten und die jubelnde Menge informieren, er sei bereits erfolgreich mehrmals mit Sputnik V geimpft, bevor er mit der ehemaligen Außenministerin Karin Kneissl, auf deren Hochzeit er Stargast war, einen Walzer auf dem Opernring einlegt. Kneissl ist mittlerweile Kolumnistin beim russischen Propagandasender RT.

Kanzler Sebastian Kurz, der ja gern das russische Vakzin für sein Land erwerben will, ist in dieser Frage zuletzt etwas still geworden. Zum einen hat er nun wirklich schon genug schlechte Presse. Und nach den Erfahrungen unter anderem aus der Slowakei, die sich über eine - höflich formuliert - diffuse Datenlage zu den gelieferten Sputnik-Chargen beschwerte, dürfte er wohl einige Mühe haben, eine nationale Zulassung und den Einsatz von Putins PR-Instrument gut zu begründen. Offiziell heißt es im Kanzleramt, man verfolge den Plan weiter; aber das Thema könnte unversehens und elegant versanden.

Gute Presse - zumindest bei den eigenen Leuten

Denn seit bekannt wurde, dass Österreich aus einer vorgezogenen Lieferung von 50 Millionen Impfdosen Biontech/Pfizer an die EU, die eigentlich erst im Herbst hätten kommen sollen, noch vor Juni eine Million erhält, spricht Sebastian Kurz von einem Impfturbo. Er bedankte sich zwar bei der Kommission, lobte dann aber demonstrativ mit einem impliziten Verweis auf seine Interventionen in Brüssel die Verteilung nach dem Bevölkerungsschlüssel, als hätte er persönlich diese Regelung durchgesetzt. Tatsächlich war es bei den Verhandlungen im Frühjahr in Brüssel vor allem darum gegangen, nationale Fehlentscheidungen bei den Erstbestellungen zu korrigieren, aber was soll's.

Aber weil es so schön ist, setzte sich seine Europaministerin Karoline Edtstadler in den Fernsehsender OE24, ließ sich erst einmal ausführlich von Moderator Wolfgang Fellner beschmeicheln und sagte dann: "Unser Bundeskanzler ist massiv kritisiert worden, geradezu hämisch betrachtet worden, dass er Dinge angesprochen hat, die nicht so laufen, wie sie laufen sollen in der EU." Aber siehe da, jetzt sei es schon eine Selbstverständlichkeit, dass man zusätzliche Impfdosen auch Österreich zubillige und jenen Staaten, "für deren faire Verteilung wir uns eingesetzt haben". Sie wiederholte den Vorwurf von Unfairness und Ungleichbehandlung in der EU, und lobte den "hartnäckigen Einsatz von Sebastian Kurz". Als hätte der die Biontech-Dosen eigenhändig im Keller hergestellt. So geht PR.

Kurz hat jedenfalls gute Presse, zumindest bei den eigenen Leuten. Auch mal schön. Warum er sich außerdem über den "Freiheitspreis der Medien" freuen darf, der von der Media Group des konservativen Publizisten und ehemaligen Cicero-Herausgebers Wolfram Weimer vergeben wird, muss an anderer Stelle ausführlicher beleuchtet werden. Österreich ist einfach zu wichtig, zu sehr Nabel der Welt, als dass alles in eine Newsletter-Kolumne passen würde. Das gilt auch für die Anklage gegen Heinz-Christian Strache. Ein Schmankerl vorab: In den Chatprotokollen zwischen Strache und dem Klinikbetreiber Walter Grubmüller, der mit angeklagt ist, und die der SZ auszugsweise vorliegen, schreibt Grubmüller an den damaligen Vizekanzler: "Bravo. Immer die richtige Antwort. Irgendwann wird die Mehrheit das auch verstehen und dann bist Du Kanzler." Lesen Sie dazu hier mehr mit SZ Plus.

Verschlucken Sie sich bitte darob nicht an Ihrem Wein mit dem Namen "Schluckimpfung", falls Sie diese Preziose noch ergattern konnten, bevor die Flaschen aus dem Verkehr gezogen wurden (Anspielungen auf Strache erspare ich mir jetzt). Das Weingut Lenikus jedenfalls hatte spaßeshalber Etiketten mit den Namen "Schluckimpfung" und "Wiener Jaukerl" (was für Spritze steht) bedruckt. Die Bundeskellereiinspektion fand das nicht lustig. Zumindest mit einem Coronawein wird Wien also nicht in die Geschichte eingehen.

Diese Kolumne erscheint am 16. April 2021 auch im Österreich-Newsletter, in dem wir die Berichterstattung zu Österreich in der SZ bündeln. Hier kostenlos anmelden.

© SZ/mala
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