Kinderhilfswerk "Ich muss mich jetzt um alle Kinder in der Welt kümmern"

Die Hälfte ihrer Arbeitszeit verbringt die Unicef-Chefin Henrietta Fore mit Reisen, zum Beispiel in den Südsudan und den Nahen Osten. Das Interview mit der SZ fand in München statt.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Als Chefin von Unicef hat Henrietta Fore kaum noch frei. Mal arbeitet sie im Nahen Osten, mal im Südsudan. Den Job hat sie sofort zugesagt - obwohl sie auch Schuldgefühle damit verbindet.

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Die US-Amerikanerin Henrietta Fore ist seit Anfang 2018 Chefin von Unicef, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen. Die 70-Jährige hat zuvor sowohl für Entwicklungshilfe-Organisationen als auch für private Unternehmen gearbeitet. Im Interview der Süddeutschen Zeitung spricht sie über eine Arbeit, die nie endet, Pläne für den Ruhestand und ihre eigenen Kinder.

SZ: Ist es Ihnen schwer gefallen, diesen Job anzunehmen?

Henrietta Fore: Es ist immer schön, sein eigenes Leben zu haben. Aber wenn man der Welt helfen kann, muss man das tun. Jeder von uns. Also wenn man die Ehre hat, Unicef als Freiwillige, Spenderin oder Mitarbeiterin zu dienen, sollte man alles andere aufgeben und "Ja" sagen. Ich musste also keine Sekunde nachdenken. Mein Mann, meine Familie - alle haben gesagt: Wir wissen, dass Du das liebst, also solltest Du es machen. Hier bin ich also.

Ihre Familie hatte keine Bedenken?

Schon, sie zupfen auch immer an meinen Ärmel und fragen, ob sie mich sehen können, oder ob ich länger zuhause bleiben könnte. Man muss etwas aufgeben, aber wenn man sich einige Menschen in der Welt anschaut und sieht, was sie aufgeben, ist das außergewöhnlich. Wir leben im Vergleich dazu in einer sehr behüteten Welt.

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Was ist Ihre durchschnittliche tägliche Arbeitszeit?

Ich arbeite, ich schlafe, ich arbeite, ich schlafe. Sieben Tage die Woche. Die Welt ist 24 Stunden am Tag wach, also hat man keine andere Wahl, wenn man in einer solchen Position arbeitet. Wir helfen Kindern in aller Welt mit Ernährung, Bildung, Gesundheit, Wasser, Hygiene und Schutz. Und wie gesagt: Es ist alles relativ. Im Dezember war ich im Nahen Osten, bei Konvois, die wir nach Syrien und in den Irak geschickt haben, in sehr harte Gegenden. Da waren Kinder, die auf offener Straße erfroren sind. Wir haben warme Kleidung gebracht, Essen und Ausrüstung zur Geburtshilfe. Die Menschen in den Hilfscamps arbeiten 24 Stunden am Tag, in der Kälte, im Schmutz. Das sind in meiner Welt die wirklichen Helden.

Wie sieht bei Ihnen ein normaler Arbeitstag aus?

Die Hälfte der Zeit verbringe ich mit Reisen, vielleicht auch ein bisschen mehr. Ich reise in die Regionen, in denen wir uns mit unserer Arbeit schwer tun. Ich habe mit dem Südsudan begonnen. Auf den Reisen bemühe ich mich vor allem, den lokalen Zusammenhang herzustellen. Man kann kein Land verstehen, ohne das kulturelle Gewebe zu verstehen. Ich versuche mir die Leute anzuschauen, wie sie sich durch die Gesellschaft bewegen. Ich versuche mit den Kindern vor Ort zu sprechen. Sie versuchen alle, mit uns zu sprechen. Wenn wir doch bloß zuhören würden! Das ist eine unserer Aufgaben: zuhören.

Wie kommen Sie mit Kindern in Kontakt, wenn Sie vor Ort sind?

Ich rede mit ihnen von Angesicht zu Angesicht. Wir haben viele Treffen, für die wir Kinder und Helfer zusammenbringen. Aus unserer Sicht müssen junge Leute Existenzgründer werden, weil acht von zehn jungen Menschen in den Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen im informellen Sektor arbeiten werden.

Und was wünschen sich die Kinder?

An erster Stelle steht für sie das Thema Gewalt. Das höre ich immer wieder, ob im Nahen Osten, in Afrika, oder anderswo. Und an zweiter Stelle folgt das Thema Bildung. Weltweit müssen jeden Monat zehn Millionen neue Jobs entstehen für die Kinder, die in den nächsten Jahren erwachsen werden. Diese Jobs gibt es aber noch nicht. Sie müssen also selbst kreativ werden, sie müssen eigene Geschäfte gründen. Dabei benötigen sie Unterstützung.

In Ihrer Arbeit konzentrieren sie sich zu 100 Prozent auf Kinder. Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an Ihre eigene Kindheit denken?

Die Kindheit hat sich grundlegend geändert. Als ich aufgewachsen bin, haben wir Bücher gelesen und viel draußen gespielt. Wir hatten auch mal Zeit zum Nachdenken, zum Schwimmengehen und Sport machen. Meine Kinder waren noch keine Digital Natives, aber sie wuchsen in das digitale Zeitalter hinein. Meine Enkelkinder sind Digital Natives. Manche Kinder fangen heute schon im Alter von zwei Jahren mit Programmierkursen an. Es ist heute eine komplett neue Welt. Die Menschen stehen ganz anders in Verbindung. Viele junge Leute erzählen mir, dass sie 200 Freunde bei Facebook haben. Aber manchen fehlt dafür der Freund auf dem Schulhof.