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Job:18 Monate am Ende der Welt

Für die Wintersonnenwendfeier haben sich die 26 Bewohner als klassische Polarforscher verkleidet. Links mit Pudelmütze: Aurelia Reichardt.

(Foto: Blair Fyffe)

Finsternis, Einsamkeit und wochenlang kein Telefonat nach Hause: Wie Forscher in einer Antarktis-Station auf engstem Raum miteinander leben und arbeiten.

Von Sigrid Rautenberg

Dezember 2017. Aurelia Reichardt sitzt mit 15 anderen Passagieren in einem kleinen Flugzeug, das im Süden von Chile gestartet ist. Lange ist nur Meer unter ihr zu sehen, dann tauchen die ersten Eisberge auf, bald auch Gletscher. Schließlich steuert die Dash 7 eine Schotterpiste an. Sie liegt am Rande einer großen Insel direkt am Meer, umgeben von Bergen und Gletschern, daneben ein paar versprengte Gebäude.

Als Aurelia Reichardt aussteigt, fällt ihr Blick auf einen Seeleoparden, der auf einem Eisberg sitzt. Sie erinnert sich gut an ihren ersten Eindruck: "Plötzlich ist sonst nichts mehr um einen herum - das ist gigantisch." Für die nächsten 18 Monate wird die britische Rothera-Forschungsstation ihr Arbeitsplatz sein und ihr Zuhause. Fernab von Freunden und Familie, dafür in großer Nähe zu einer überschaubaren Zahl anderer Menschen in einer der unwirtlichsten Gegenden der Welt.

Heimaturlaub oder Besuche werden in dieser Zeit nicht möglich sein, das weiß Reichardt. Im Winter gibt es weder Schiffs- noch Flugverkehr, die Sommersaison wiederum ist zu arbeitsintensiv. Davon abgesehen sind die Kosten für Transfers in die Antarktis hoch.

Ganz unbewohnt ist der Kontinent, der fast 40 mal so groß ist wie Deutschland, übrigens nicht. In mehr als 80 Forschungsstationen arbeiten in den Sommermonaten etwa 4000 Wissenschaftler. Im Winter, wenn es bis zu minus 40 Grad Celsius kalt wird, bleiben immerhin noch rund 1000. Sie halten den Betrieb der Stationen aufrecht, führen Langzeitmessungen und Experimente durch.

Für Reichardt ist der Job in der Forschungsstation ein großes Abenteuer. Die 25-Jährige hat einen Bachelor in Biologie und einen Master in Meeresbiologie, es ist die erste richtige Stelle nach der Uni. Sie will ihrer neuen Aufgabe unbedingt gerecht werden, daher ist ihr etwas mulmig zumute. Die Aussicht auf monatelange Dunkelheit oder Kälte kümmert die junge Wissenschaftlerin anfangs weniger.

Bis zu 150 Menschen arbeiten auf der Forschungsstation

Rothera ist die größte Antarktis-Einrichtung der British Antarctic Survey. Im Jahr 1975 gegründet, arbeiten in den Sommermonaten zwischen Oktober und April bis zu 150 Menschen dort, im Winter sind es lediglich 26. Ihre Mission ist die biologische Erforschung der Region und die Versorgung der weiter im Innern des Festlands gelegenen Stationen.

Reichardt hat zwei Aufgaben: Zum einen betreut sie ein eigenes Projekt und untersucht, welchen Einfluss die extremen Lichtbedingungen auf Meeresalgen haben. Zum anderen hat sie, wie alle Forscher hier, auch eine für alle unterstützende Aufgabe. Da sie während des Studiums in Rostock eine Ausbildung zur Forschungstaucherin gemacht hat, kümmert sie sich als Teil des Marine-Teams um Taucharbeiten. Sie nimmt beispielsweise Meerwasserproben für Kollegen, die selbst nicht tauchen können.

Auf den Fotos in ihrem Blog sieht man sie zwischen Eisbergen knapp über dem Meeresgrund schwimmen. Andere Bilder zeigen sie in ihrer Freizeit beim Skifahren in einer überwältigend schönen Landschaft. Trotz des eingeschränkten Bewegungsspielraums, erzählt Reichardt, werde es in der Freizeit selten langweilig. Bei schönem Wetter gehen die Forscher in den nahegelegenen Bergen klettern und wandern, sie spielen Fußball, joggen, fahren Rad auf der Landebahn oder beobachten Robben und Wale.

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