Sabbatical Hilft eine Auszeit vom Job wirklich weiter?

Die meisten Sabbaticalisten wollen die Welt sehen. Doch manchmal würde ein Jobwechsel ihre Probleme eher lösen als ein Ortswechsel.

(Foto: Mauritius Images)

Batterien aufladen, das Leben entschleunigen, sich selbst finden: Die Erwartungen an ein Sabbatical sind hoch. An die Rückkehr denkt dabei fast niemand.

Von Viola Schenz

Als Odysseus nach zwanzig Jahren Krieg und Umherirren auf See endlich in sein Königreich Ithaka zurückkehrte, war dort der Teufel los: Die eigene Ehefrau erkannte ihn nicht, fremde Männer hatten sich in seinem Haus eingenistet und ihn für tot erklärt, Knechte und Mägde ihm die Gefolgschaft gekündigt. Sein altes Leben musste er sich mühsam zurückerobern. Das mit der langen Abwesenheit war keine gute Idee gewesen, zu Recht haben Odysseen einen schlechten Ruf.

Trotzdem wünschen sich sehr viele Menschen nichts mehr, als auf Abwege zu geraten. Sie wollen raus aus dem Büro, raus aus dem Alltag, weg von allem, mal nicht tagein tagaus von fordernden Vorgesetzten, intriganten Kollegen, nervigen Schwiegermüttern umringt sein, sie wollen was ganz Neues sehen, machen, erleben. Wer früher "zivilisationsmüde" war, ist heute "büromüde".

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Sabbatical heißt daher das Zauberwort, die Erlösung aus dem Alltagseinerlei und das neue Statussymbol. Dienstwagen war gestern. Wo man auch hinhört: Irgendjemand ist immer gerade auf Sabbatical oder kehrt aus einem zurück oder hat ganz fest vor, eines zu nehmen. Blöd, wer da nicht ebenfalls endlich aufbricht, zur Weltumsegelung, zur Südostasien-Australien-Neuseeland-Rundreise, zur Walrettung nach Kanada, zur Jakobsweg-Wanderung, zum Aidswaisen-Projekt in Malawi.

Sabbatical leitet sich ab vom hebräischen "schabat"' das "ruhen", "aufhören" oder "nachlassen" bedeutet. Der Sabbat dauert von Sonnenuntergang am Freitag bis zur Dunkelheit am Samstag und soll allseits der Erholung dienen. Amerikanische Professoren angelten sich den Begriff, weil er schicker klingt als "Forschungsfreisemester", inzwischen ist er in vielen Branchen geläufig. Das Bedürfnis, vorübergehend auszusteigen und auf Wanderschaft zu gehen, war früher Schulabgängern vorbehalten, in Zeiten ewiger Jugendlichkeit wird es allen Erwachsenen zugestanden.

Es gibt vier Typen von Aussteigern

Kaum ein Sachbuchverlag kann sich dem Sog entziehen: "Aussteigen auf Zeit. Das Sabbatical-Handbuch", "Auszeit. Raus aus dem Hamsterrad", "Barfuß durch den Winter. Ein Sabbatical in der Lebensmitte", "Schrauben, Schlafen, Surfen. Mein Bulli- Sabbatical am Atlantik", "Die beste Entscheidung unseres Lebens. Wie wir einfach loszogen und um die halbe Welt reisten". Der Markt wird überschwemmt von Ratgebern und Lebensbeichten.

Mit Hape Kerkelings Buch "Ich bin dann mal weg" ging es los, seitdem gibt es keine Karenz mehr ohne öffentliches Protokoll. Wer schon den Mut aufbringt, dem deutschen Vollkasko-Leben zu entsagen, Rentenabschläge, die Lücke im Lebenslauf und den Nachsendeauftrag bei der Post in Kauf zu nehmen, fühlt sich auch verpflichtet, seinen Mitmenschen all das aufzutischen. Und wer kein Buch verfasst, begleitet seine Auszeit mindestens mit einem Instagram-Account oder einem täglichen Blog-Eintrag. Dass solches Bohei den Sinn des Sabbaticals (innere Einkehr!) konterkariert - was soll's?

Man kann vier Typen von Kurzzeit-Aussteigern beobachten: Die Gestressten kurz vor dem Burn-out, die dringend "runterkommen" müssen. Die Gelangweilten kurz vor dem Bore-out, die dringend etwas erleben müssen. Die sozial Engagierten, welche die Welt an einem anderen Ort zu einer besseren machen wollen. Die Sinnsucher, die nicht wissen, was sie wollen, das aber woanders zu finden hoffen. Hilft ihnen eine Auszeit weiter?