Süddeutsche Zeitung

Sabbatical:Hilft eine Auszeit vom Job wirklich weiter?

Lesezeit: 4 min

Batterien aufladen, das Leben entschleunigen, sich selbst finden: Die Erwartungen an ein Sabbatical sind hoch. An die Rückkehr denkt dabei fast niemand.

Von Viola Schenz

Als Odysseus nach zwanzig Jahren Krieg und Umherirren auf See endlich in sein Königreich Ithaka zurückkehrte, war dort der Teufel los: Die eigene Ehefrau erkannte ihn nicht, fremde Männer hatten sich in seinem Haus eingenistet und ihn für tot erklärt, Knechte und Mägde ihm die Gefolgschaft gekündigt. Sein altes Leben musste er sich mühsam zurückerobern. Das mit der langen Abwesenheit war keine gute Idee gewesen, zu Recht haben Odysseen einen schlechten Ruf.

Trotzdem wünschen sich sehr viele Menschen nichts mehr, als auf Abwege zu geraten. Sie wollen raus aus dem Büro, raus aus dem Alltag, weg von allem, mal nicht tagein tagaus von fordernden Vorgesetzten, intriganten Kollegen, nervigen Schwiegermüttern umringt sein, sie wollen was ganz Neues sehen, machen, erleben. Wer früher "zivilisationsmüde" war, ist heute "büromüde".

Sabbatical heißt daher das Zauberwort, die Erlösung aus dem Alltagseinerlei und das neue Statussymbol. Dienstwagen war gestern. Wo man auch hinhört: Irgendjemand ist immer gerade auf Sabbatical oder kehrt aus einem zurück oder hat ganz fest vor, eines zu nehmen. Blöd, wer da nicht ebenfalls endlich aufbricht, zur Weltumsegelung, zur Südostasien-Australien-Neuseeland-Rundreise, zur Walrettung nach Kanada, zur Jakobsweg-Wanderung, zum Aidswaisen-Projekt in Malawi.

Sabbatical leitet sich ab vom hebräischen "schabat"' das "ruhen", "aufhören" oder "nachlassen" bedeutet. Der Sabbat dauert von Sonnenuntergang am Freitag bis zur Dunkelheit am Samstag und soll allseits der Erholung dienen. Amerikanische Professoren angelten sich den Begriff, weil er schicker klingt als "Forschungsfreisemester", inzwischen ist er in vielen Branchen geläufig. Das Bedürfnis, vorübergehend auszusteigen und auf Wanderschaft zu gehen, war früher Schulabgängern vorbehalten, in Zeiten ewiger Jugendlichkeit wird es allen Erwachsenen zugestanden.

Es gibt vier Typen von Aussteigern

Kaum ein Sachbuchverlag kann sich dem Sog entziehen: "Aussteigen auf Zeit. Das Sabbatical-Handbuch", "Auszeit. Raus aus dem Hamsterrad", "Barfuß durch den Winter. Ein Sabbatical in der Lebensmitte", "Schrauben, Schlafen, Surfen. Mein Bulli- Sabbatical am Atlantik", "Die beste Entscheidung unseres Lebens. Wie wir einfach loszogen und um die halbe Welt reisten". Der Markt wird überschwemmt von Ratgebern und Lebensbeichten.

Mit Hape Kerkelings Buch "Ich bin dann mal weg" ging es los, seitdem gibt es keine Karenz mehr ohne öffentliches Protokoll. Wer schon den Mut aufbringt, dem deutschen Vollkasko-Leben zu entsagen, Rentenabschläge, die Lücke im Lebenslauf und den Nachsendeauftrag bei der Post in Kauf zu nehmen, fühlt sich auch verpflichtet, seinen Mitmenschen all das aufzutischen. Und wer kein Buch verfasst, begleitet seine Auszeit mindestens mit einem Instagram-Account oder einem täglichen Blog-Eintrag. Dass solches Bohei den Sinn des Sabbaticals (innere Einkehr!) konterkariert - was soll's?

Man kann vier Typen von Kurzzeit-Aussteigern beobachten: Die Gestressten kurz vor dem Burn-out, die dringend "runterkommen" müssen. Die Gelangweilten kurz vor dem Bore-out, die dringend etwas erleben müssen. Die sozial Engagierten, welche die Welt an einem anderen Ort zu einer besseren machen wollen. Die Sinnsucher, die nicht wissen, was sie wollen, das aber woanders zu finden hoffen. Hilft ihnen eine Auszeit weiter?

Zweifel sind angebracht. Im Fall des Burn-out-Gefährdeten könnte sich der Stress auch nur verlagern. So eine Berufspause will nämlich gut vorbereitet sein, so einfach lässt sich aus unserem durchbürokratisierten Dasein nicht ausbrechen. Sonderurlaub muss beantragt und gestattet werden, eine Auslandskrankenversicherung auf Vergleichsportalen gegoogelt, die Rentenversicherung unterbrochen, ein günstiger Open-Return-Flug gebucht, eine Unterkunft gefunden, die Wohnung untervermietet, das Auto abgemeldet und das Zeitungsabo unterbrochen werden. Und wer füttert eigentlich den Wellensittich? Man müsste sich allein für die Vorbereitung eine Auszeit nehmen. Stressvermeidung jedenfalls geht anders.

Nicht besser sieht es bei Bore-out-Gefährdeten aus. Ihnen täte ein Jobwechsel wohl sehr viel besser als ein Ortswechsel. Denn ob ihnen unter Palmen oder auf der Alm die große Inspiration begegnet, ist fraglich - auch woanders kehrt schnell Routine ein.

Dann aber die Engagierten und die Sinnsucher: Woanders zur Hand gehen zu wollen, kann ja so schlecht nicht sein. Kann es doch. Den Hunderten Non-Profit-Organisationen, die sich mittlerweile in fernen Ländern niedergelassen haben, sind die ehrenamtlichen Entwicklungshelfer einerseits willkommen, andererseits flattern sie halt nur herein, so die Klage, und durchkreuzen mit ihrem Aktionismus die Strukturen, die man mühsam gegen korrupte lokale Behörden aufbaut.

Englisch unterrichten, Wasserleitungen reparieren oder Schildkröten zählen dient dann doch eher dem eigenen Ego, als dass es hausgemachte Probleme in Tansania oder Laos löst. Schnell wird den Volunteering-Touristen die Exotik eh zu blöd, dann treiben sie Hitze, Moskitos, endloser Monsun, fades Essen, Kriminalität und Korruption zurück in die sichere, funktionierende, bequeme Heimat. Adieu, Abenteuer, war nicht so gemeint.

Was passiert bei der Rückkehr in den Alltag?

Ernüchterung kommt schnell auf, denn die Erwartungen sind hoch. So eine Karenz hat gefälligst einer Erweckung nahezukommen: neue Kraft schöpfen, Batterien aufladen, mental erfrischen, das Leben entschleunigen, der inneren Stimme folgen.

Ach, die Welt der Sabbaticalisten gebiert wunderbar flockige Floskeln! "Ich bin bei meinem Sabbatical zu einer Reise in mein unbekanntes Ich aufgebrochen und habe mich am Ende, an der Spitze Afrikas, selbst gefunden", sagte kürzlich ein 36-Jähriger in einem Magazin über seine Zeit in einem Nationalpark. So reden sonst ergriffene Sektenanhänger.

Sektenanhänger haben das Glück, ihrer Ersatzreligion verhaftet bleiben zu dürfen, Sabbaticalisten müssen irgendwann zurückkehren in den Alltag, und da hat sich höchstwahrscheinlich nichts geändert. Derselbe fordernde Chef, dieselben intriganten Kollegen, dieselbe nervige Schwiegermutter - außer dass jetzt alle neidisch sind auf den ach so erholten Rückkehrer, von dem sie nichts wissen wollen, weil sie ja schon alles mitgekriegt haben all die Monate via Instagram und Blog. So wie der Rückkehrer alles aus dem heimischen Alltag erfuhr, via Facebook und Whatsapp als Bewegungsmelder.

Vermutlich hatte es ein Odysseus damals doch leichter. Da war mehr Wums, da musste man sich sein früheres Dasein unter Strapazen freischaufeln. Vielleicht steckt darin das wahre Geheimnis der Erholung.

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Quelle:
SZ vom 17.11.2018
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