Interview mit Nina Straßner "Kinder sind kein individueller Luxus"

War sie Ihnen denn immer schon bewusst?

Nein, überhaupt nicht. Bis zum Ende meines Referendariats hatte ich ganz Ronja-von-Rönne-mäßig das Gefühl, Frauenquote, Feminismus und sonstiges Gedöns seien komplett überflüssig. Ich verschickte gut gelaunt gleichzeitig mit meinem Mann das erste Dutzend Bewerbungen. Auf dem Papier waren unsere Mappen beinahe identisch: gleiches Studienfach, gleiche Noten, beide Berufseinsteiger, beide frisch verheiratet. Er wurde fast überall eingeladen - und ich nirgends. Das kam ich das erste Mal ins Zweifeln.

Sie bekamen dann doch einen Job.

Ja, lustigerweise bei einer Firma, die eigentlich an meinem Mann interessiert war. Der damalige Chef sagte nach dem locker geführten Gespräch im privaten Umfeld zu mir: "Dafür, dass wir keine Frau einstellen wollten, haben wir uns von Ihnen jetzt ganz schön um den Finger wickeln lassen."

Wenn ich mich heute an diesen Spruch erinnere, ärgere ich mich maßlos. Damals fiel mir das mangelnde Unrechtsbewusstsein des Arbeitsgebers gar nicht so auf, ich dachte sogar, der mangelnde Erfolg meiner Bewerbungen läge an mir. Doch nach mehr als zehn Jahren als Fachanwältin für Arbeitsrecht muss ich sagen: Es sind weniger die individuellen Schwächen, der Fehler steckt vielmehr im System.

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Weil so viele Frauen zu Ihnen kommen, die diskriminiert wurden?

Nicht direkt. Aber es fällt schon auf, dass die Problemfelder, die Frauen mit ihren Arbeitgebern haben, sehr viel öfter bei der Familienplanung oder ihrer Familiensituation anknüpfen als bei den Männern und ihren Arbeitgebern. Außerdem berate ich auch Arbeitgeber, die wissen wollen, welche rechtlichen Möglichkeiten sie im Umgang mit Schwangeren und Eltern haben.

Sie helfen also Arbeitgebern dabei, Schwangere und Eltern zu diskriminieren?

Natürlich nicht, das darf ich auch gar nicht. Aber ich muss meine Mandanten nach geltender Rechtslage beraten, ob ich ihre Interessen gutheiße oder nicht. Und da haben Arbeitgeber zahlreiche Möglichkeiten, ohne dass wir dafür irgendwelche Gesetze schief auslegen müssen. Geltendes Recht ist nun mal nicht automatisch gerecht, damit wären wir wieder bei Ihrer Ausgangsfrage.

Zu Hause muss ich dann eben viel Weißwein trinken und die Ungerechtigkeit in mein Kissen brüllen. Oder darüber schreiben und fordern, dass das geändert wird.

In Ihrem Buch "Keine Kinder sind auch keine Lösung" sind Sie daher meistens auf der Seite der Mitarbeiterin und geben Tipps. Zum Beispiel, es im Lebenslauf mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen.

Lügen darf man natürlich nicht. Doch viele Frauen werden schon gar nicht zum Bewerbungsgespräch eingeladen, wenn sie ihre Elternzeit im Lebenslauf angeben. Wer stattdessen "Betreuung eines pflegebedürftigen Angehörigen" schreibt, hat oftmals eher eine Chance auf eine Einladung - und es ist die Wahrheit, nur anders verpackt.

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Dieser Text stammt aus dem Magazin "Süddeutsche Zeitung Familie".

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Doch wenn die Frau den Job dann anfängt, ist sie plötzlich Mutter. Ist da nicht das Vertrauensverhältnis zu den Vorgesetzten von vornherein beschädigt?

Das stimmt. Aber von wem? Ein Chef, der die familiäre Situation einer Mitarbeiterin tatsächlich als Kriterium für ihre Einstellung heranzieht, schafft alles andere als eine vertrauensvolle Grundlage. Sich ungerecht behandelt fühlen, weil eine Kandidatin ihren Familienstand mit Recht für irrelevant hält, ist ja wohl mehr als zynisch.

Bewerber nach Krankheiten in der Familie zu fragen, nach ihrer Religion, nach politischer Einstellung oder nach sexueller Orientierung, das ist ein Unding, da sehen wir die Diskriminierung sofort. Aber Eltern zu benachteiligen, gilt als Kavaliersdelikt. Dabei hat es schlicht nichts mit der Qualifikation zu tun, ob jemand ein Kind geboren hat, wie viele Kinder er oder sie hat und wer wann auf diese aufpasst. Und nur die berufliche Qualifikation darf den Arbeitgeber interessieren, so steht es im Gesetz.

Aber Eltern machen pünktlich Feierabend, die Kinder sind oft krank und Ferien sind auch dauernd.

Und wenn es regnet, wird die Erde nass. Natürlich ist das so, aber damit müssen wir doch gemeinsam umgehen, anstatt es zum Problem einer einzelnen Person, meistens der Mutter, zu machen. Kinder sind kein individueller Luxus oder eine vorsätzliche Beeinträchtigung der Arbeitskraft. Deshalb müssen Mütter im Zweifel unterstützt werden, wenn ihnen Nachteile, wie beispielsweise berufliche Auszeiten, entstehen. Wir selbst sind nur auf der Welt, weil uns jemand geboren hat. Das verlangt ein bisschen Respekt und Verantwortungsbewusstsein.