Interview mit Nina Straßner "Eltern zu benachteiligen, gilt als Kavaliersdelikt"

Dass sich der Arbeitgeber nach der Familienplanung erkundigt, ist nicht erlaubt. Üblich ist es trotzdem.

(Foto: imago/photothek)

Arbeitsrechtlerin und Bloggerin Nina Straßner macht das wütend. Sie findet, dass selbst Betroffene viel zu viel Verständnis für diskriminierende Chefs haben.

Interview von Barbara Vorsamer

Nina Straßner ist Fachanwältin für Arbeitsrecht in Kiel. Im Gerichtssaal sagt sie gerne "Diese Aussage entbehrt jeder Grundlage". Weil aber "F*CK you very much" ihre Ansichten manchmal besser ausdrückt, schreibt sie auf ihrem Blog Juramama über die rechtlichen Tücken des Elternseins.

SZ: Es gibt kein einziges Gesetz in Deutschland, das Frauen diskriminiert, und im Grundgesetz steht die Gleichberechtigung seit Jahrzehnten. Warum regen Sie sich so auf?

Nina Straßner: Dass kein einziges Gesetz in Deutschland Frauen benachteiligt, wurde schon in den 1950ern fröhlich behauptet. Zur Erinnerung: Erst danach wurde das Nachtarbeitsverbot für Frauen gekippt, der Polizistinnenberuf erlaubt und die Vergewaltigung in der Ehe als Straftatbestand anerkannt. Was wir als gerecht empfinden, hängt vom Zeitgeist ab.

Dann nennen Sie mir aktuell gültiges Recht, das Frauen diskriminiert.

Im Arbeitsrecht? Befristete Verträge ohne Sachgrund.

Männer bekommen auch befristete Verträge.

Ja, für die ist das auch doof. Aber sie bekommen keine Kinder. Befristete Verträge enden in Schwangerschaft oder Elternzeit, ohne dass es eine Kündigung braucht. Aus Unternehmersicht sind befristete Verträge ohne Sachgrund eine einfache und legale Möglichkeit, ihre Mitarbeiter von Schwangerschaften, Elternzeiten oder sonstigem Nervkram abzuhalten.

Haben Sie gar kein Verständnis für die Unternehmen? Mal provokant ausgedrückt: Die müssen monatelang Mutterschutzgeld bezahlen, dann eine Vertretung suchen und schließlich eine unflexible Teilzeit-Mutti wieder in den Betrieb integrieren.

Ich bin auch Arbeitgeberin, insofern weiß ich, welchen Aufwand das bedeutet. Es ist aber machbar - zumal sich die Firmen das Mutterschutzgeld von den Krankenkassen zurückholen können. Ein Arbeitgeber ist nun mal keine Privatperson, sondern nimmt eine gesellschaftliche Aufgabe wahr, in der er Rechte, aber auch Verantwortung hat. Wir sind alle viel zu sehr der Meinung, dass Mütter "ein Problem" sind. Sogar die betroffenen Frauen haben seltsamerweise oft Verständnis.

Haben Sie ein Beispiel?

Gerade hatte ich einen Fall, da hat der Chef der Frau zwar einen unbefristeten Vertrag gegeben, ihr aber bereits im Vorstellungsgespräch gesagt, dass er ihn nachträglich befristen würde, sollte sie schwanger werden. Das hat er jetzt, vier Jahre später, tatsächlich getan. Die Schwangere saß aber nicht wutschnaubend in meinem Büro und wollte auf Schadensersatz klagen. Nein, sie erkundigte sich vorsichtig, ob der Arbeitgeber das wirklich dürfe.

Darf er nicht?

Natürlich nicht, nachträgliche Befristungen von unbefristeten Verträgen sind unwirksam. Das wäre eine Art Kündigungsmöglichkeit komplett am Kündigungsschutzgesetz vorbei. Man stelle sich das mal für den Fall eines Motorradunfalls vor: "Sie fahren Motorrad in Ihrer Freizeit, Herr XY? Sollten Sie da mal runterfallen und deswegen hier zeitweise ausfallen, werde ich Ihren Vertrag nachträglich befristen. Unterschreiben Sie bitte hier." Bei dem Beispiel verstehen die meisten, dass das ungerecht ist. Bei Schwangerschaften wird es plötzlich "irgendwie nachvollziehbar".

Heterosexuelle Paare können aber im Schlafzimmer keine Runde Schnick-Schnack-Schnuck spielen, um zu klären, wer das nächste Kind zur Welt bringt. Als Folge entsteht eine Diskriminierung von Frauen und Müttern, die so allgegenwärtig ist, dass sie uns gar nicht auffällt.