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Banker mit Burn-out:Einst brachten die Kunden Kuchen mit

Dass der Druck in der Arbeitswelt steigt, ist nicht neu. Aber bei vielen Banken geht es um die Existenz, die Krise hat sie schlimmer getroffen als andere Branchen. Institute wie die Commerzbank haben Milliardenverluste gemacht und müssen wieder Geld verdienen. Der Wettbewerb um Kunden wird immer schärfer. Direktbanken werben Sparkassen und Genossenschaftsbanken mit günstigen Konditionen die Kunden ab. Und Aktiengesellschaften wie die Deutsche Bank spüren den Renditedruck.

"Die Vorstände fühlen sich von den Aktionären unter Druck gesetzt", sagt Klinik-Chef Hillert, der auch Bankvorstände berät. Sie müssen Geld verdienen, und woher sollen sie es holen, wenn nicht vom Kunden? Deshalb erhöhen, also die angestrebten Provisionseinnahmen aus dem Verkauf von Produkten. Die Vorstände sagen, dass sich die Bereichsleiter mehr anstrengen müssen. Die Bereichsleiter sagen, dass sich die Filialleiter mehr anstrengen müssen. Und die Filialleiter sagen es ihren Mitarbeitern. Aber die Kunden wollen nicht kaufen, sie wollen in Ruhe gelassen werden.

Zwischen den Erwartungen der Vorstände und den Wünschen der Kunden stehen Menschen wie Linda Brick und Karlheinz Grass; dessen Therapeutin sagt: "Am schwersten haben es die sehr Engagierten, die mit großem Idealismus in den Beruf gegangen sind." Sie wollen das Beste für ihre Kunden, ihnen die richtigen Produkte für die Altersvorsorge anbieten. Doch dann kommen die Verkaufsvorgaben von oben, und es sind nicht die für den Kunden passenden Produkte, sondern jene, die der Bank die höchste Provision einbringen. "Es entsteht eine Spirale nach unten", sagt die Therapeutin. Enttäuschter Idealismus, immer mehr Arbeit, immer weniger soziale Kontakte, eine immer negativere Einstellung zur Arbeit, innere Kündigung. Und irgendwann Krankheit.

Dabei hatte Grass seinen Job immer gerne gemacht. "Die Kunden brachten mir sogar selbst gebackenen Kuchen mit", sagt er, sie schätzten seine Freundlichkeit und Kulanz. Einmal genehmigte er einem Kunden, den Dispokredit leicht zu überziehen. Darauf bestellte ihn der Chef zu sich und schrie ihn an: "Stellen Sie Ihr Helfersyndrom gegenüber den Kunden ab!"

Bei Linda Brick lief bis zur Finanzkrise alles bestens. Als sie Bankberaterin wurde, war das noch ein solider und angesehener Job, man wurde von den Menschen respektiert. "Ich wollte den direkten Kundenkontakt", sagt sie. Brick mochte die Beratungsgespräche, scherzte mit den Kunden. Manche schilderten ihr die eigenen Eheprobleme, andere brachten ihre Kinder mit, die dann ebenfalls zu Bricks Kunden wurden. Dann kam die Krise. Kunden, selbst langjährige, wandten sich ab. Wer weiß, wohin mein Geld fließt, sagten sie, und wer weiß, ob ich es je wieder sehe.

"Ich wurde vom Bereichsleiter regelmäßig heruntergeputzt", sagt Linda Brick. Und wenn sie zu ihren Mitarbeitern ging und sagte, wir müssen mehr verkaufen, schüttelten die ihre Köpfe und sagten: Du weißt doch, dass das nicht geht, dass die Kunden nicht wollen. Warum setzt du uns so unter Druck?

Im Oktober sagte man Karlheinz Grass, dass er bis Jahresende noch 40.000 Euro Provisionserträge erzielen müsse. "Sie wissen ja: Je sicherer eine Anlage, umso weniger Ertrag für die Bank. Und wir wollen hohe Erträge", sagte sein Chef. Solche Zustände gibt es nicht nur in Grass' Zweigstelle. Immer wenn er Kollegen aus anderen Filialen und Regionen trifft, bestätigen sie ihm, dass es bei ihnen genauso zugeht. Das Problem hängt nicht an einzelnen Personen, es ist systemimmanent.

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